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Die längsten Nächte enden bei einem starken Kaffee am Naschmarkt. von Ulf Lippitz

Der Naschmarkt im Winter

Der Naschmarkt im Winter  |  © Peter Rigaud für DIE ZEIT

Mein Atelier befindet sich in einer ziemlich verlassenen Gegend im 12. Bezirk. Wenn ich nach der Arbeit noch unter Leute kommen oder Freunde treffen möchte, setze ich mich ins Auto und bin in fünf Minuten am Naschmarkt. Manchmal denke ich selbst: Schon wieder dahin? Aber die Wiener kleben nun mal an ihrm Grätzl, ihrem Viertel, und der Naschmarkt ist halt meins. Er liegt direkt hinter dem Karlsplatz zwischen der von prachtvollen Jugendstilbauten gesäumten Linken und Rechten Wienzeile. Der berühmte Architekt Otto Wagner hat sie gebaut.

Vor ein paar Jahren, als die Mieten hier noch günstig waren, haben sich in den Seitenstraßen viele Kreative angesiedelt. Es gibt kleine Shops, junge Modemacher, Cafés und das Sperl, noch ein richtig traditionelles Kaffeehaus. Ich schätze es sehr, wie ernst in solchen Lokalen der Service genommen wird. In Berlin ist es mir einmal passiert, dass ich eine Nachspeise bestellt habe und die Bedienung zu mir sagte: »Dahinten ist die Kühltruhe, nimm dir ein Eis raus.« Diese Patzigkeit ist hier undenkbar. Im Sperl tragen die Ober einen Tuxedo, die Kellnerinnen Rüschenschürzen. Die Zeitungen hängen an langen Spannern, es gibt einen Billardtisch und, wie noch fast überall in Wien, einen großen Raucherraum.

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Auch der Naschmarkt sieht in großen Teilen noch aus wie zur vorletzten Jahrhundertwende: schmale Gänge, niedrige Buden. Besonders im unteren Viertel, wo es viele kleine Restaurants gibt, ist er nach Feierabend und am Samstag voller Menschen, die an einem Standl eine Weißweinschorle trinken und überlegen, was sie danach essen wollen. Japanische, türkische oder Wiener Küche? Kein Problem, man hat die Wahl.

Lena Hoschek

Die Westwoodschülerin Lena Hoschek entwirft Mode im Stil der vierziger und fünfziger Jahre. Sie betreibt Läden in Wien, Graz und Berlin.

Mit 18, als ich frisch aus Graz nach Wien gezogen war, kam mir der Naschmarkt wie ein Club unter freiem Himmel vor, nur dass niemand tanzte: all die Leute, hier ein Blickkontakt, da ein Lachen. Von der Wiener Grantigkeit spürte ich überhaupt nichts. Damals begannen die längsten Nächte am Naschmarkt und endeten auch wieder dort bei einem starken Kaffee. Oft blieben wir wieder bis zum Abend hängen. Ich mag es immer noch gerne, mich einfach so durch den Abend treiben zu lassen. Doch mir fehlt die Kondition, bis in den Morgen zu feiern – schade eigentlich.

Das Café Sperl ist ein traditionelles Kaffeehaus.

Das Café Sperl ist ein traditionelles Kaffeehaus.  |  © Peter Rigaud für DIE ZEIT

Mein Verlobter und ich haben deshalb das samstägliche Naschmarkt-Frühstück zu unserem Ritual gemacht. Es gibt ein israelisches Standl-Restaurant, das dafür ideal ist – das Neni. Die haben hausgemachte Limonade, Hummus und große Frühstücksteller mit Feta. Ohne Schafskäse könnte ich nicht leben, das ist für mich ein Grundnahrungsmittel. Wenn die Sonne scheint, sitzen wir draußen und beobachten die Hipster-Crowd, die gerade den nachlässigen, nicht zu schicken Berliner Stil für sich entdeckt. Und fragen uns, aus welchem Loch sie gekrochen sind.

Ich trinke inzwischen am liebsten tagsüber. Nach dem Frühstück ein Bierchen oder ein Glas Prosecco – herrlich. Oft gesellen sich Freunde dazu. Zusammen streifen wir durch die engen Gänge, probieren hier und da was, ich nehme meistens Baklava. Dann geht’s zum Flohmarkt.

City Guide Wien

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Anbetung: Pferde in Wien

Tipps aus der Redaktion: Tütenlampen, Abendroben und Käsekreiner mit Musik

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Der findet samstags im unteren Teil weiter stadtauswärts statt. Er ist riesengroß und natürlich auch ein Touristennepp. Doch wer früh kommt und sich ein bisschen auskennt, findet hin und wieder tolle Stücke. Als Nostalgikerin packt mich hier natürlich regelmäßig die Sammelleidenschaft. Goldene Löffelchen aus dem 18. Jahrhundert, alte Parfumflakons, Fotografien, Augarten Porzellan, Modeschmuck aus den Fünfzigern, antike Trachten oder Handarbeiten – das alles inspiriert mich bei meiner Arbeit als Modedesignerin.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

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