Geheimdienst : In Heimlichheim

Wie konnte es passieren, dass der Verfassungsschutz die Terroristen des NSU aus dem Auge verlor? Unser Autor Yassin Musharbash hat den Inlandsgeheimdienst ausgeforscht: Ein etwas anderer Verfassungsschutzbericht

Wenn ein 19-Jähriger sein Facebook-Profil löscht, kann das viele Gründe haben. Vielleicht will er seine Daten schützen. Oder er tauscht sich lieber analog mit echten Freunden aus. Es kann aber auch sein, dass er sich auf eine Laufbahn beim Verfassungsschutz vorbereitet. Dort lernt man schnell, nicht mehr so viel Persönliches preiszugeben. Ein stetig knapper werdendes Facebook-Profil wirft aber irgendwann mehr Fragen auf als ein gelöschtes.

In einem kleinen Örtchen im Rhein-Sieg-Kreis, 30 Autominuten von Köln, steht versteckt auf dem Gelände einer Bundespolizei-Kaserne ein einstöckiges, weißes Gebäude. Im Flur hängt eine Collage mit Schnipseln von linksextremen Flugblättern. In der Kantine gibt es heute Schnitzel. Und an einem Konferenztisch mit Blick in den Innenhof sitzen vier junge Menschen, die mitten im Facebook-Dilemma stecken. Es sind zwei freundlich und aufgeweckt wirkende Frauen und zwei Männer, drei von ihnen haben erst vorletztes Jahr ihr Abitur abgelegt. Sie tragen Jeans, Sweatshirt, Segelschuhe. Würden wir sie näher beschreiben, hätten sie ein Problem. Denn die vier sind Beamtenanwärter für den mittleren Dienst im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV): Geheimdienstlehrlinge.

Im November hat ihre Ausbildung begonnen, hier an der »Schule für Verfassungsschutz«, die zugleich ein Internat ist, mit Kegelbahn, Beachvolleyball-Feld und Tennisplatz. Morgen ist ihre erste Zwischenprüfung. Es wird um Nachrichtendienstrecht gehen, um Kassenwesen sowie »Methoden fremder Geheimdienste«. Zwei Jahre lang lernen sie hier ihr Handwerk, dann werden sie in einem Observationsteam oder als Bürosachbearbeiter anfangen. Ihr Jahrgang, intern »M2012« genannt, ist der erste, der seine Ausbildung nach Bekanntwerden des Skandals um den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) begonnen hat. Das Debakel hängt wie eine dunkle Wolke über ihnen: das Scheitern ihrer zukünftigen Kollegen und Vorgesetzten, die nicht verhindern konnten, dass das Neonazi-Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe erst im November 2011 entdeckt wurde – nach 13 Jahren im Untergrund, nach mutmaßlich zehn kaltblütigen Morden.

Die Schüler verfolgen, wie Politiker und Medien den Verfassungsschutz attackieren, seinen Umbau, seine Reform oder gleich seine Abschaffung fordern. Sie spüren die Verunsicherung ihrer Dozenten. Die Schüler sagen zwar, dass sie den Verfassungsschutz schon jetzt als »eine Art Familie« empfinden. Sie wissen aber auch: Es ist eine traumatisierte Familie. Die Hoffnungen der Familie ruhen auf dem Nachwuchs.

Er wird es besser machen müssen.

Der Inlandsnachrichtendienst steckt in der größten Krise seit seiner Gründung vor 63 Jahren. An der Polizei scheint der NSU-Skandal abzuperlen, obwohl sie die Mörder jahrelang im falschen Milieu suchte, zeitweise mit fingierten Dönerbuden in der »Türkenszene«. Der Verfassungsschutz aber ist in Aufruhr. In den vergangenen sieben Monaten ist nicht nur der langjährige Präsident des BfV, Heinz Fromm, zurückgetreten, sondern haben auch noch vier Landesamtschefs ihren Posten verloren. Mitarbeiter auf allen Ebenen sind fassungslos. Immer wieder fällt der ungläubige Satz: »Wir dachten, wir hätten die rechte Szene im Griff.«

Hatten sie nicht.

Wie konnte es dazu kommen? Wo liegt der Fehler? Und kann man einen, kann man diesen Geheimdienst reformieren?

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