Wenn ein 19-Jähriger sein Facebook-Profil löscht, kann das viele Gründe haben. Vielleicht will er seine Daten schützen. Oder er tauscht sich lieber analog mit echten Freunden aus. Es kann aber auch sein, dass er sich auf eine Laufbahn beim Verfassungsschutz vorbereitet. Dort lernt man schnell, nicht mehr so viel Persönliches preiszugeben. Ein stetig knapper werdendes Facebook-Profil wirft aber irgendwann mehr Fragen auf als ein gelöschtes.

In einem kleinen Örtchen im Rhein-Sieg-Kreis, 30 Autominuten von Köln, steht versteckt auf dem Gelände einer Bundespolizei-Kaserne ein einstöckiges, weißes Gebäude. Im Flur hängt eine Collage mit Schnipseln von linksextremen Flugblättern. In der Kantine gibt es heute Schnitzel. Und an einem Konferenztisch mit Blick in den Innenhof sitzen vier junge Menschen, die mitten im Facebook-Dilemma stecken. Es sind zwei freundlich und aufgeweckt wirkende Frauen und zwei Männer, drei von ihnen haben erst vorletztes Jahr ihr Abitur abgelegt. Sie tragen Jeans, Sweatshirt, Segelschuhe. Würden wir sie näher beschreiben, hätten sie ein Problem. Denn die vier sind Beamtenanwärter für den mittleren Dienst im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV): Geheimdienstlehrlinge.

Im November hat ihre Ausbildung begonnen, hier an der "Schule für Verfassungsschutz", die zugleich ein Internat ist, mit Kegelbahn, Beachvolleyball-Feld und Tennisplatz. Morgen ist ihre erste Zwischenprüfung. Es wird um Nachrichtendienstrecht gehen, um Kassenwesen sowie "Methoden fremder Geheimdienste". Zwei Jahre lang lernen sie hier ihr Handwerk, dann werden sie in einem Observationsteam oder als Bürosachbearbeiter anfangen. Ihr Jahrgang, intern "M2012" genannt, ist der erste, der seine Ausbildung nach Bekanntwerden des Skandals um den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) begonnen hat. Das Debakel hängt wie eine dunkle Wolke über ihnen: das Scheitern ihrer zukünftigen Kollegen und Vorgesetzten, die nicht verhindern konnten, dass das Neonazi-Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe erst im November 2011 entdeckt wurde – nach 13 Jahren im Untergrund, nach mutmaßlich zehn kaltblütigen Morden.

Die Schüler verfolgen, wie Politiker und Medien den Verfassungsschutz attackieren, seinen Umbau, seine Reform oder gleich seine Abschaffung fordern. Sie spüren die Verunsicherung ihrer Dozenten. Die Schüler sagen zwar, dass sie den Verfassungsschutz schon jetzt als "eine Art Familie" empfinden. Sie wissen aber auch: Es ist eine traumatisierte Familie. Die Hoffnungen der Familie ruhen auf dem Nachwuchs.

Er wird es besser machen müssen.

Der Inlandsnachrichtendienst steckt in der größten Krise seit seiner Gründung vor 63 Jahren. An der Polizei scheint der NSU-Skandal abzuperlen, obwohl sie die Mörder jahrelang im falschen Milieu suchte, zeitweise mit fingierten Dönerbuden in der "Türkenszene". Der Verfassungsschutz aber ist in Aufruhr. In den vergangenen sieben Monaten ist nicht nur der langjährige Präsident des BfV, Heinz Fromm, zurückgetreten, sondern haben auch noch vier Landesamtschefs ihren Posten verloren. Mitarbeiter auf allen Ebenen sind fassungslos. Immer wieder fällt der ungläubige Satz: "Wir dachten, wir hätten die rechte Szene im Griff."

Hatten sie nicht.

Wie konnte es dazu kommen? Wo liegt der Fehler? Und kann man einen, kann man diesen Geheimdienst reformieren?

Wir beobachten die Beobachter

Die ZEIT hat versucht, das System, in dem nahezu alles "vertraulich" oder "geheim" ist, zu durchdringen. Über Monate hinweg haben wir Dutzende Verfassungsschützer getroffen: aktive und ehemalige, hochrangige und einfache, Veteranen und Einsteiger. Einige Gespräche wurden über Pressestellen eingefädelt, andere ohne das Wissen der Amtsleitungen. Manche Gesprächspartner wollten sich nur an Orten treffen, die sie selbst auswählen konnten; sie kamen dann gern früher und beobachteten den Reporter. Andere wollten nur telefonieren, um nicht identifizierbar zu sein. Und wieder andere, vor allem hochrangige, gaben zwar Auskunft, wollen aber nicht zitiert werden – teils um Ärger mit dem Innenministerium zu vermeiden; teils aus Sorge, Kollegen könnten denken, hier wolle jemand über die Krise sein Profil schärfen. Viele Informanten blieben sowieso anonym, weswegen sie hier mit Tarnnamen bezeichnet werden – ganz so, wie es der Verfassungsschutz tut, wenn er mithilfe von Insiderquellen eine geheime Organisation auszuspähen versucht. Es ist also ein Rollentausch: Wir beobachten den Verfassungsschutz. Und machen uns unser eigenes Bild.

Geheimdienste folgen bei solchen Ausforschungen einer Grundregel: Von außen nach innen, von unten nach oben. So werden wir es auch machen. Und darum kehren wir für diesen Verfassungsschutzbericht zunächst noch einmal zurück in den kleinen Ort im Rhein-Sieg-Kreis. Nach ganz außen und ganz unten: zu den Einsteigern.

Wie, und vor allem: warum wird jemand Verfassungsschützer? Es ist ein langer Weg bis auf die Schule für Verfassungsschutz, intern auch "Heimlichheim" genannt. Mehr als ein Jahr mussten die vier Anwärter warten, bis über ihre Aufnahme entschieden war. Sie mussten sich schriftlich erklären, ihre Englischkenntnisse wurden geprüft, sie verfassten einen Aufsatz über den Nationalsozialismus und diskutierten mit Mitbewerbern über Gewalt in Fußballstadien. Sie überstanden Interviews mit BfV-Mitarbeitern, eine ärztliche Untersuchung und eine Sicherheitsüberprüfung.

Einen Platz an der Schule für Verfassungsschutz zu ergattern ist etwa so schwierig, wie in den Diplomatischen Dienst aufgenommen zu werden. Die Klasse, zu der die vier Beamtenanwärter gehören, besteht aus 20 Personen, ausgesiebt aus weit über 700 Bewerbern. Es ist eine Elite, die hier ausgebildet wird. Eine Elite, die sich nicht zeigen darf.

Als sie wussten, dass sie dazugehören würden, wurde den vier nahegelegt, selbst ihren Freunden zu verschweigen, wo sie arbeiten. Und sollten sie später mit V-Leuten zu tun haben, werden sie unter falschem Namen auftreten. Ein Arbeitsleben lang werden sie mit Halbwahrheiten hantieren. Wieso entscheidet man sich für so ein Leben?

Der junge Mann, der Dirk Schneider heißen soll, antwortet als Erster. "Wegen der deutschen Geschichte", sagt er: "Die schwache Weimarer Republik, der Aufstieg der NSDAP, so etwas darf nie wieder passieren." Der Verfassungsschutz, scheinen sich die vier einig, ist so wichtig wie Polizei oder Feuerwehr. Ihre Sätze erinnern an die Schriften der Bundeszentrale für politische Bildung, sie klingen gleichzeitig gelernt und doch überzeugt.

"Wir sind uns der Herausforderungen bewusst", sagt Schneider mit fester Stimme.

In dem Gespräch schimmert etwas schwer Fassbares durch. Etwas Seltenes. Jedenfalls in diesem Alter, in dem politische Überzeugungen üblicherweise eher zur Antifa führen, zu Occupy, zur Piratenpartei. Wenn das Wort nicht so altmodisch wäre, würde man es Staatstreue nennen. Die Schüler verkörpern die säkulare Religion dieser Republik, die Dreifaltigkeit aus Biederkeit, Idealismus und politischer Balance. Gleichzeitig sind sie bereit, im höheren Auftrag zu täuschen, zu verschleiern, in anderer Bürger Privatsphäre einzudringen, weil sie überzeugt sind, dass jemand das tun muss.

Ihre Abkapselung hat schon begonnen, man merkt es daran, dass sie meistens kurz und knapp und manchmal gar nicht antworten, es gibt ein Drinnen und ein Draußen, und ein Journalist gehört zur Draußenwelt. Die vier und ihre Klassenkameraden werden eng zusammenwachsen. In Heimlichheim zu sein fühle sich an "wie eine lange Klassenfahrt", sagt Dirk Schneider. Um 20 Uhr schauen sie zusammen die Tagesschau.

Etwa 6.000 Menschen gehen in Deutschland morgens zu ihrer Arbeit beim Verfassungsschutz. Das sind etwa so viele, wie die NPD Mitglieder hat. Die Verfassungsschützer observieren Islamisten, fragen rechtsextreme Quellen nach Skinheadkonzerten aus und belauschen Telefonate linksextremer Brandstifter. Sie verfassen Vermerke über die DKP und den chinesischen Geheimdienst, bringen vertrauliche Akten in die Registratur oder chauffieren ihre Chefs. Sie arbeiten in der BfV-Zentrale in Köln-Chorweiler, einem Bau, der aussieht wie eine Gesamtschule mit Hochsicherheitszaun, oder im BfV-Dienstsitz in Berlin-Treptow auf einem ehemaligen preußischen Kasernengelände. Oder sie versehen ihren Dienst in einer der 16 Landesbehörden für Verfassungsschutz, denn Deutschland ist ein föderaler Staat, selbst Bremen hat einen Inlandsnachrichtendienst mit 46,2 Planstellen. Weniger als 40 Prozent der Verfassungsschutz-Mitarbeiter sind Frauen. Und praktisch jeder, der etwas zu sagen hat, ist Jurist.

Die wenigsten Verfassungsschützer haben mit Spionage zu tun. Ein großer Teil, der einfache Dienst, arbeitet in Verwaltung und Registratur. Im mittleren Dienst nähert man sich dem Kerngeschäft, etwa als Observant. Um eine Person zu beschatten, braucht es ein Dutzend Verfassungsschützer und etliche Fahrzeuge. "Die meiste Zeit wartet man", sagt einer, der viel gewartet hat in seinem Berufsleben. Anschließend wird der Tag in Vermerkform gegossen: "06:30 Uhr – Übernahme der Observation. Zielperson 1 befindet sich im Wohnobjekt. 10:19 Uhr – Vater der Zielperson verlässt das Wohnobjekt. 11:26 Uhr – Zielperson 1 verlässt Wohnobjekt und steigt in Zielfahrzeug1 ein. Es wird gesehen, dass Zielperson 1 Blickkontakt zu einer unbekannten männlichen Person aufnimmt."

Es gibt Jobs, die mehr Glamour haben.

Deutschland ist ein eifersüchtiger Staat

Eine Stufe höher, im gehobenen Dienst, werden die Aufgaben spezifischer – und die Mitarbeiter teilen sich in zwei Stämme auf: "Beschaffer" verbringen viel Zeit außerhalb der Ämter. Sie werben und führen V-Leute – diese meist zwielichtigen Gestalten aus extremistischen Milieus, denen der Dienst Informationen abkauft. Die immer wieder für Skandale gut sind, wenn sie aus dem Ruder laufen, wenn sie lügen oder nutzlos sind und bloß kassieren. Deren Insiderwissen manchmal aber auch zu Festnahmen, Vereinsverboten oder zur Vereitelung von Anschlägen führt – was dann wiederum niemand mitbekommen darf.

"Auswerter" leben am Schreibtisch. Sie geben den Beschaffern Fragen mit auf den Weg: Wieso ist X nicht mehr Vorsitzender? Sie veredeln die Informationen, die die Beschaffer herbeibringen, zu analytischen Vermerken. Und sie schlagen vor, wer als V-Mann angeworben werden soll.

"Wenn du einen anzuwerben versuchst", erzählt ein junger Beschaffer, den wir Tom Böttcher nennen werden, "darfst du keinen Druck ausüben, schon rein rechtlich nicht." Es gebe aber einen Graubereich. "Wenn ich einen Islamisten anspreche, muss ich ja zum Beispiel nicht das Wort ›Verfassungsschutz‹ benutzen. Ich nehme vielleicht lieber den arabischen Begriff für Geheimdienst, mukhabarat. Das löst bei dem natürlich Angst aus, und das kann mir helfen."

Die Beschaffer-Faustregel lautet: Linksextremisten lassen sich fast nie anwerben, weil Mitarbeit als Verrat gilt; Ausländerextremisten machen häufiger mit; am einfachsten sind rechtsextreme Quellen zu gewinnen. "Aber du weißt nie, was passiert", sagt Böttcher. Vor einigen Jahren klingelte er bei einem Islamisten, den er ansprechen sollte. Der Islamist öffnete lächelnd und sagte: "Ich hab mich schon gefragt, wann ihr auftaucht!"

Es wäre falsch, sich die Beschaffer und Auswerter als Team vorzustellen. Auswerter sollen V-Mann-Identitäten nicht kennen, Beschaffer die Vermerke der Auswerter nicht lesen. Sie sollen sich nicht beeinflussen. Beschaffer besorgen Puzzlestücke, Auswerter setzen sie zu einem Bild zusammen. Vorgesetzte geben das Bild bei Bedarf weiter: an Polizisten, Staatsanwälte, Beamte im Innenministerium.

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein eifersüchtiger Staat. Und der Verfassungsschutz ist der Privatdetektiv, den sie bezahlt, um herauszufinden, welche ihrer Bürger fremdgehen. Anders als die Arbeit der Polizei beginnt die des Verfassungsschutzes nicht nach einem Verbrechen oder wenn jemand eine Waffe zückt. Sie beginnt, wenn sich jemand einen anderen Staat wünscht. Verfassungsschützer dürfen niemanden verhaften, keine Hausdurchsuchungen machen, keine Waffen tragen. Aber sie dürfen Informationen über unbescholtene Bürger sammeln, wenn diese Teil von "Bestrebungen" sind, die "gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet" sind. So steht es im Gesetz, das dem Verfassungsschutz auch erlaubt, nachrichtendienstliche Mittel einzusetzen – also abzuhören, zu beschatten und sich zu tarnen. Dabei ist es egal, ob solche "Bestrebungen" überhaupt eine realistische Gefahr für den Staat darstellen. Auch die NSDAP hatte schließlich als Splitterpartei begonnen.

In der Aufgabe des Verfassungsschutzes steckt ein hehres Ziel und zugleich ein unrettbar illiberaler Kern: Der mündige Bürger wird von der Regierung vor sich selbst geschützt.

Der Verfassungsschutz soll als Erster merken, wenn sich jemand radikalisiert, wenn er Terrorpläne auch nur erwägt – bevor die Polizei einschreiten kann. Keine Sonntagsrede zum Thema Innere Sicherheit, in der dieses "Frühwarnsystem der wehrhaften Demokratie" nicht beschworen würde. Im Fall des NSU hat es versagt. Warum? Zeit, einen Schritt nach innen und nach oben zu tun.

Das Treffen mit dem Mann, den wir Theo Borsig nennen, findet in einem Restaurant statt, das er ausgewählt, und zu einer Uhrzeit, die er bestimmt hat. Die Tische stehen weit auseinander. Es ist 17 Uhr. Wir sind die einzigen Gäste. Es sind solche Dinge, an denen man Borsigs Erfahrung ablesen kann.

Borsig ist ein Veteran. Er arbeitet seit mehr als 20 Jahren bei einem Landesamt. In dieser Zeit hat er, wenn es sein musste, "beim Observieren im Auto in die Flasche gepinkelt" und ansonsten so ziemlich alles gemacht, was beim Nachrichtendienst zu tun ist.

Borsig arbeitet gern beim Verfassungsschutz. Im Lauf der Jahrzehnte sind ihm allerdings ein paar Illusionen abhandengekommen. Früher habe der Dienst mehr Geld gehabt, mehr Ressourcen: "Da haben die Quellen bessere Informationen geliefert." Er habe auch gelernt, dass der Verfassungsschutz von der Regierung abhänge: "Regiert die CDU, schauen wir auf die Linken. Regiert die SPD, schauen wir auf die Rechten." Die Beobachtung von Scientology nennt er "Beschäftigungstherapie nach dem Mauerfall". Und ausgiebig motzt er über die "ins Unendliche ausufernde Bürokratie und diese Verwaltungsärsche, die alle drangsalieren, die operativ arbeiten".

Borsig ist nicht der einzige Verfassungsschützer, der sich überreguliert und ausgebremst fühlt. Fast alle kommen darauf zu sprechen, und die Beharrungskräfte der Bürokratie haben womöglich ihren Anteil am NSU-Versagen.

V-Leute: Pakt mit dem Teufel

Verfassungsschutzämter sind deutsche Behörden. Da schlürft niemand Martinis, da steht höchstens mal ein Kasten Beck’s Bier auf der Fensterbank. Der Tag ist streng getaktet von Kaffee, Kantine und Klogang, lästern die Geheimdienst-Mitarbeiter selbst. Es gibt Kollegen, die an der Schwelle zu ihren Büros jeden Morgen in Pantoffeln schlüpfen.

Man kann sich über diese Behäbigkeit lustig machen. Man kann auch an ihr verzweifeln: "Ich darf ja nicht mal am Wochenende an meinen Schreibtisch", klagt ein Auswerter des BfV. Tatsächlich gibt es gute Leute, die aus solchen Gründen in die Wirtschaft gewechselt sind. Der Dienst braucht die besten Experten zu sehr spezifischen Phänomenen wie türkischen Marxisten oder russischer Wirtschaftsspionage, aber er kann ihnen nur ein Umfeld bieten, das eher an das Großstadtrevier im Vorabendprogramm erinnert als an die spannungsgeladene amerikanische CIA-Serie Homeland. Eigentlich verlangt der Beruf des Verfassungsschützers geistige Beweglichkeit. Viele Mitarbeiter aber sind verbittert. Sie vermissen Feedback, Kreativität und Austausch. Einer formuliert es so: "Ich sehe viele blutleere Leute."

Auf eine sehr spezielle Art ist die Beamtenhaftigkeit eine Versicherung gegen gemeinschaftliche Rechtsbeugung. "Bevor ein Beamter seinen Pensionsanspruch gefährdet, macht er lieber gar nichts", sagt ein Verfassungsschützer. Waterboarding wäre beim Verfassungsschutz ganz und gar unvorstellbar. Doch das schützt weder vor individuellen Fehlern noch vor kollektivem Versagen. Die Beamtenmentalität kann sogar dazu führen, dass neue Fehler begangen werden – um frühere zu vertuschen. So wie in der "Schredderaffäre" nach Auffliegen des NSU im November 2011, als ein Referatsleiter des BfV Akten über rechte V-Leute vernichten ließ, weil sie bereits vernichtet hätten sein sollen. Was wirkte wie eine Vertuschung, war wohl eher der verzweifelte Versuch eines Beamten, sich nicht erwischen zu lassen. BfV-Präsident Fromm fühlte sich hintergangen, die Affäre führte zu seinem Rücktritt. Doch der eigentliche Skandal war nie das Schreddern – sondern dass in den Akten, die geschreddert wurden, so wenig stand: dass das Amt trotz des großen Aufwands so wenig wusste.

Wir müssen deshalb über V-Leute reden. Und über den Pakt mit dem Teufel, den es bedeutet, sie einzusetzen.

Theo Borsig führt seit vielen Jahren V-Leute: linke, ausländische – und rechte. Wie jeder V-Mann-Führer muss er ständig erreichbar sein, nachts, im Urlaub, immer. Er betreut bis zu fünf V-Männer parallel, und oft muss er ihnen helfen: wenn sie Schwierigkeiten mit einer Behörde haben. Wenn sie einen Job brauchen. Wenn sie Liebeskummer haben. "Man mag die Rechten nicht", sagt Borsig. "Aber man muss es sie glauben lassen, sonst kommt da wenig."

V-Leute sind so wichtig, weil der Verfassungsschutz ohne sie zu bestimmten Informationen gar keinen Zugang hätte. Fast 80 Prozent seines Wissens erlangt das BfV aus öffentlichen Quellen: Zeitungen, Internet, Konferenzen, Fachzeitschriften. Der Rest ist meist interessanter. Er wird durch Abhören oder Computerüberwachung gewonnen – oder durch V-Leute. Wer kennt wen? Wer plant was? Nicht überall kann man eine Wanze installieren, und die moderne Kommunikationstechnik entwickelt sich schneller als die Überwachungsmethoden. Der Verfassungsschutz braucht Leute, die dabei sind. Die Erfolge, über die man am wenigsten hört, sind Fälle, in denen es gelingt, einen V-Mann "ranzuspielen" oder "rauszubrechen", also jemanden in eine Gruppe einzuschleusen oder ein Mitglied der Gruppe zur Mitarbeit zu gewinnen.

Trotzdem bleibt es ein unappetitliches Spiel. Denn der Dienst verlässt sich auf Verräter, die er mitunter fürstlich bezahlt, was wiederum die Szene stärkt. Natürlich prüft er die V-Mann-Angaben, soweit möglich; sicher kann er sich nie sein. Und was sollte das auch sein, ein ehrlicher V-Mann? Es gibt Neonazi-Spitzel, die damit prahlen, dass sie V-Mann-Führer ins Leere laufen ließen. Manche behaupten auch, V-Mann-Führer hätten sie vor Polizeiaktionen gewarnt.

Das wäre illegal, der Dienst bestreitet vehement, dass so etwas passiert. Aber auch ganz legal müssen V-Leute manchmal geschützt werden. Wenn einer auffliegt – "aufplatzt", wie es im Jargon heißt –, kann er eine Notrufnummer wählen und ein Passwort nennen. Besteht Gefahr für sein Leben, wird er an einen sicheren Ort gebracht, notfalls ins Ausland, samt Familie. Das kann Hunderttausende kosten. Aber wer V-Leute nicht schützt, verliert sie. Das BfV bekommt das zurzeit zu spüren: Seitdem im September 2012 ein rechtsextremer V-Mann mit dem Tarnnamen "Corelli" enttarnt wurde, konnte das Amt kaum einen rechten V-Mann mehr gewinnen. Es hat heute so wenig Einblick in die Szene wie lange nicht.

V-Mann-Führer müssen Vertrauen herstellen. Bloß: Welche Art von Vertrauen darf ein Staatsdiener einem Staatsfeind entgegenbringen? Und kann ein V-Mann-Führer diese Frage noch beantworten, wenn er bis zu 20 Jahre lang denselben Mann betreut? Zeugt es von Engagement, wenn ein V-Mann-Führer mit seinem V-Mann angeln geht, wie geschehen? Oder verliert ein V-Mann-Führer nach einer gewissen Zeit seinen scharfen Blick?

Theo Borsig hat die Erfahrung gemacht: "Am Ende arbeitet der V-Mann eh für dich und nicht fürs Amt." Ein hochrangiger Verfassungsschützer sagt: "Da entstehen Freundschaften. Das ist schlecht." Letztlich ist das V-Mann-Wesen nur durch Erfolg zu rechtfertigen. Manchmal stellt er sich ein. Mindestens ein Attentat auf einen ausländischen Politiker wurde in Deutschland auf diese Weise verhindert. Aber ausgerechnet der NSU wurde nicht entdeckt – obwohl quer durch die Republik Beschaffer wie Theo Borsig rechte V-Leute führten.

"Bei einer NGO gegen Rechts hätte ich mehr erreicht"

Wie konnte das geschehen?

"Der NSU hat sich szeneuntypisch verhalten", sagt Borsig. "Die Rechten waren ja selbst überrascht, dass das welche von ihnen waren!"

Kann die Antwort wirklich so banal sein: Der NSU war für den Verfassungsschutz unsichtbar, weil er ein Sonderfall war? Borsigs Interpretation ist ein Teil der Wahrheit, befriedigend ist sie noch nicht. Schon deshalb nicht, weil der NSU Helfer hatte, ein Umfeld. Weil die Szene anscheinend nicht so ahnungslos war wie die Verfassungsschützer – 2002 stand in einem Neonazi-Fanzine zu lesen: "Vielen Dank an den NSU."

Wir müssen näher ran. Ein bisschen weiter nach innen.

"Ich bin zum Verfassungsschutz gegangen, weil ich etwas gegen Nazis tun wollte", sagt der Mann, der nur am Telefon sprechen möchte und der im ersten Moment wie eine gereifte Version von Dirk Schneider in Heimlichheim klingt. Umso überraschender wirkt seine Resignation: "Wenn ich die Jahre in eine NGO gegen Rechts investiert hätte, hätte ich wohl mehr erreicht."

Wir werden ihn Vincent Koch nennen. Er war näher dran als Theo Borsig. In den Jahren, in denen das Neonazi-Trio mordete, gehörte er zu denen, die regelmäßig Quellenberichte von rechtsextremen V-Leuten aus Thüringen lasen, woher Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe stammten. Mehr dürfen wir nicht sagen. Aber aus den Gesprächen mit Koch und anderen lässt sich eine Operation des Verfassungsschutzes rekonstruieren, die im besten Fall auf die NSU-Fährte hätte führen können. Tatsächlich aber offenbarte sie, wie Bundesamt und Landesämter aneinander vorbei operierten.

Die Geschichte der "Operation Rennsteig" begann fast zeitgleich mit der des NSU: 1997 taten sich das Bundesamt, die Landesämter Thüringens und Bayerns sowie der Militärische Abschirmdienst zusammen, um die Neonazi-Szene auszuspähen. Die Operation lief bis 2003. Sie begann also, wenige Monate bevor das NSU-Trio in den Untergrund ging – und sie endete, als schon vier Opfer ermordet waren. Das Ziel der Operation Rennsteig war es, das V-Mann-Netz in Thüringen auszuweiten, wofür die Thüringer Unterstützung suchten. Die Aktion lieferte in sechs Jahren keinerlei Hinweise auf eine rechte Terrorgruppe.

Von der beschworenen "operativen Zusammenarbeit" war kaum etwas zu spüren: Die Thüringer teilten ihr Land in vier Sektoren ein, von denen sie zwei für sich reservierten, unter anderem die Region Jena, in der das Neonazi-Trio bekannt war. Das BfV wurde in die Provinz geschickt, wo es "Dorfskinheads jagte", wie sich einer erinnert. Dabei war es doch das Landesamt selbst gewesen, das Überforderung angezeigt hatte. Bis zum Jahr 2000 wurde es von dem offenkundig unfähigen Helmut Roewer geleitet. "Da gab’s Kämpfe im Haus, das war irre", sagt ein Beteiligter.

Was auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt, diente offenbar zwei Zielen: Die Thüringer wollten ihre eigenen V-Leute vor dem Bundesamt schützen; und sie wollten etwaige Erfolge selbst einheimsen. Das Bundesamt nahm das hin. Es hat ja auch keine Befehlsgewalt gegenüber den Landesämtern. Im Gegenteil: Das BfV muss den Ländern sagen, wenn es V-Leute anwirbt – nicht andersherum.

Als Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe 1998 untertauchten, setzten die Thüringer Verfassungsschützer zunächst ihren Top-V-Mann Tino B. auf sie an. Aber B. lieferte nicht, und andere, die sie anwerben wollten, sagten ab. Schon nach einem guten Jahr ließ der Elan des Amtes nach. "Es gab auch keinen öffentlichen Druck", sagt ein Beteiligter. Die Suche hatte bald keine Priorität mehr.

Das BfV warb derweil weiter V-Leute in Thüringen an, stieß aber ebenfalls nirgends auf Hinweise auf den NSU. Wieso? Die V-Leute, die das BfV damals hatte, sagt Vincent Koch, "die haben vielleicht mal ein Hakenkreuz in den Schnee gepinkelt". Koch spielt darauf an, dass das BfV strenge Regeln hat, wer als V-Mann in Betracht kommt. Tabu sind Kriminelle, hoch Verschuldete, Alkoholiker, Gewalttäter. V-Männer müssen unterschreiben, dass sie sich nicht strafbar machen. Für die BfV-Leute, sagt Koch, hieß das damals: "Mit diesen Maßgaben konnten die rekrutieren, soviel sie wollten, die wären niemals in die Nähe des Trios gekommen."

Wenn ein Dienst mit solchen V-Mann-Regularien Terroristen nicht findet, was ist dann die Konsequenz? Die Regeln ändern und die Anwerbung von Gewaltverbrechern genehmigen, um an die noch Schlimmeren zu gelangen? Oder einen Strich ziehen und sagen: Nein, so ein Dienst passt nicht zu unserer Demokratie? Kochs eigene Unsicherheit ist spürbar. "Vielleicht ist das der Preis dafür, dass wir kein Überwachungsstaat sind", sagt er. "Es gab jedenfalls keine Indizien, dass da Leute über Terror nachdachten."

Schlecht platzierte Quellen, miese Kooperation: Auch die Operation Rennsteig liefert nur einen Teil der Antwort. Wieso stellte niemand eine Verbindung zwischen den Migrantenmorden und der Neonazi-Szene her? Wir müssen verstehen, wo der Dienst stand, als das Debakel begann. Und dafür müssen wir einen Blick noch viel weiter zurück werfen.

Eine Chronik der Skandale

Der Verfassungsschutz entstand 1950, und schon 1953 produzierte er seinen ersten Skandal, als er einem Ost-Überläufer aufsaß – wegen angeblicher Wirtschaftsspionage wurden mehr als 30 zu Unrecht Beschuldigte festgenommen. Seitdem lässt sich die Geschichte des Verfassungsschutzes auch als Skandalchronik erzählen: 1954 verschwand der Gründungspräsident des BfV, Otto John, in die DDR. 1963 enthüllte die ZEIT, dass der Dienst verfassungswidrig abgehört hatte; Ende der sechziger Jahre lieferte ein V-Mann des Berliner Dienstes Molotowcocktails an protestierende Studenten; 1978 sprengte der niedersächsische Dienst ein Loch in die Wand des Celler Gefängnisses, um eine RAF-Befreiungsaktion vorzutäuschen; 1985 lief der Chef der Spionageabwehr in die DDR über; und 1991 endete in Berlin nach 15 Jahren Obstruktion durch den dortigen Verfassungsschutz ein Prozess um den Mord an dem Terroristen und Spitzel Ulrich Schmücker mit der Erkenntnis, der Dienst habe an dem Verbrechen mitgewirkt.

Nun durchlebt der Verfassungsschutz wieder einen Skandal, aber diesmal geht das Fiasko nicht auf Schweinereien irregeleiteter Verschwörer zurück, sondern der Apparat hat kollektiv versagt. Zwielichtig agiert haben möglicherweise einzelne Verfassungsschützer – der große Rest aber ist an einer Aufgabe gescheitert, die er nur zu gerne bewältigt hätte.

Die Erschütterung darüber ist bei nahezu allen Mitarbeitern spürbar, umso mehr, als der Verfassungsschutz seinen ramponierten Ruf in den letzten zehn Jahren gerade halbwegs repariert hatte.

Denn obwohl der Dienst auch vor dem 11. September 2001 nicht gewarnt hatte, gewann er nach den Anschlägen an Bedeutung. Kaum jemand stellte ihn noch infrage. In Berlin-Treptow entstand ein zweiter Dienstsitz, nur für die Terrorbekämpfer, schick und neu und funktional. Seitdem gilt Treptow als Schaufenster für einen modernisierten Verfassungsschutz. Tatsächlich ist die Stimmung dort besser als in Köln-Chorweiler, wo die Spionageabwehr und die Abteilungen für Rechts- und Linksextremismus beheimatet sind. Die Mitarbeiter in Berlin sind jünger, der Umgang ist lockerer, das Thema islamistischer Terrorismus wirkt zumindest scheinbar dringlicher, der Austausch mit Polizei, Regierung und ausländischen Diensten ist intensiver, die Erfolge sind besser sichtbar – jedenfalls für die Verfassungsschützer, nicht immer für die Öffentlichkeit.

Misserfolge und Pannen gab es auch hier. Vor einigen Jahren gelang es dem BfV, den Laptop eines Islamisten, der in ein Terrorlager reisen wollte, zu präparieren; die nicht eingeweihte Polizei nahm den Mann jedoch im Zug fest. 2008 tat sich das BfV mit ausländischen Diensten zusammen, um die Reiseroute zweier Männer auszuforschen, die sich mutmaßlich Dschihadisten in Afrika anschließen wollten. Diesmal war die Polizei eingeweiht. Trotzdem nahm sie die Männer auf dem Flughafen Köln/Bonn fest – sie hatte entschieden, das Risiko sei zu groß; die BfV-Operation wurde geopfert. Manche Erfolge wiederum waren nicht so exklusiv, wie sie schienen. Es stimmt, dass das BfV maßgeblich an der Vereitelung der Terrorpläne der Sauerland-Gruppe 2007 beteiligt war. Aber den ersten Hinweis auf die Zelle lieferten die USA.

Dennoch gewann der Dienst in diesen Jahren an Renommee – was den Islamismus angeht, nicht einmal zu Unrecht. Anders als Spanien und Großbritannien blieb Deutschland von einem großen Anschlag verschont. Der NSU mordete derweil weiter. Auch das gehört zur Wahrheit des NSU-Fiaskos: Der Rechtsextremismus hatte nach dem 11. September keine Priorität mehr im BfV. Das Bundesinnenministerium wollte den Schwerpunkt in der Bekämpfung des Dschihadismus sehen. Mit Nazis konnten die Verfassungsschützer in jenen Jahren nicht bei der Regierung punkten.

Es gibt ein Schlüsseldokument aus dem Jahr 2004, das als Verschlusssache eingestuft ist. Es trägt den Titel Gefahr eines bewaffneten Kampfes deutscher Rechtsextremisten – Entwicklungen von 1997 bis 2004. Dieses Papier fasst Erkenntnisse und Analysen aller Verfassungsschutzämter zu jenem Zeitpunkt zusammen. Es war ein Versuch, die Szene zu verstehen. In dem Dokument sind Facetten des NSU-Debakels sichtbar wie in einem Bernstein eingeschlossene Insekten.

Schlägt man das Papier heute auf, wird einem schwindelig. Neben anderen Fällen wird auf Seite 5 ein "Rohrbombenfund in Jena" von 1998 geschildert. Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hatten damals in einer Garage Sprengstoff gehortet; eine Festnahme scheiterte. Als die Broschüre verfasst wurde, sechs Jahre später, hatte das Trio längst den NSU gegründet und angefangen, Migranten zu erschießen, zuletzt im Februar 2004 den Dönerverkäufer Mehmet Turgut, das fünfte der zehn Mordopfer. An dem Eintrag verstört, wie er endet: nicht mit einer Frage oder einer Warnung. Sondern mit der lapidaren Feststellung, dass "das Ermittlungsverfahren gegen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe wegen Eintritts der Verfolgungsverjährung nach §170Abs2 StPO" eingestellt wurde.

Eingestellt, erledigt, abgehakt: Mit diesem Eintrag wurde das Trio de facto vom Radar des Verfassungsschutzes entfernt.

"Wir haben uns nicht intensiv genug mit dem Gedanken auseinandergesetzt, dass die abgetauchten Bombenbauer aus Jena trotz Strafverfolgungsverjährung eine Gefahr darstellen könnten", sagt ein erfahrener BfV-Mitarbeiter, der damals an internen Diskussionen über das Papier beteiligt war. Andere geben zu, dass sie sich fragten, wo die drei steckten, die Frage aber wegschoben. Wenn das Thüringer Landesamt sie nicht aufwarf, warum sollten sie es dann? Also taten sie es nicht. Niemand tat es.

Das Wegschieben fiel umso leichter, als im Verfassungsschutz die Sicht bestand, man wisse beim Rechtsextremismus so gut Bescheid, man werde schon merken, wenn da etwas passiert, wie Beteiligte erzählen. Die Chefs verließen sich auf die Auswerter, die sich auf die Beschaffer verließen, die ihrerseits meldeten, dass sie bei den Nazis Bescheid wüssten.

"Wir müssen Jäger und Sammler sein"

Das Ergebnis war grotesk: In demselben Papier, in dem Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos auftauchen, findet sich eine gar nicht so unscharfe Beschreibung dessen, was die drei längst betrieben. Man sehe in der Szene keine Anzeichen für organisierten Terrorismus, vorstellbar aber sei, dass "Kleinstgruppen oder Einzelpersonen" so etwas wie "Feierabend-Terrorismus" planten.

Die Verbindung zu den Morden an Migranten mit immer derselben Waffe stellte trotzdem niemand her. "Die Ermordung von Menschen aus Fremdenhass passt in die Gedankenwelt rassistischer Täter – das wussten wir. Das konnten wir uns als Bombenanschlag oder als Brandstiftung vorstellen, aber nicht als kaltblütige Exekution", sagt Alexander Eisvogel, der Vizepräsident des BfV. Die Analysten erwarteten stattdessen eine genaue Umsetzung von Konzepten der Szene, also etwa eine Terrorgruppe mit legalem politischem Arm und dem erklärten Ziel, einen Umsturz herbeizuführen. Entsprechende Überlegungen habe man in Szeneschriften auch gefunden. Und man kannte spontane Einzelaktionen, oft unter Alkoholeinfluss, ausgeübt von Rechtsextremisten, die nicht abgetaucht waren. "Wir haben dann nicht mehr ausreichend genau auf die Ränder dieser Bewegung geschaut", sagt Eisvogel. "Wir haben zum Beispiel nicht systematisch und nachhaltig erhoben, welche Rechtsextremisten komplett abgetaucht sind und welche Aktivitäten von ihnen ausgehen könnten."

Eisvogel ist der einzige Beteiligte, der bereit ist, sich zitieren zu lassen. Andere bestätigen ihn, aber nur vertraulich.

Wir sind jetzt ganz innen und ganz oben angekommen. Und zum ersten Mal ergibt sich ein Bild: Die Rechten waren zwar im Blickfeld des Verfassungsschutzes. Aber es fehlte die Tiefenschärfe. Denn der Dienst, der schlecht organisiert und abgelenkt war und sich trotzdem überschätzte, suchte nur, was er zu kennen glaubte. Er hatte sich abgewöhnt, das Unvorhergesehene für möglich zu halten – und als es geschah, merkte er es nicht.

Wenn der Verfassungsschutz nicht in der Lage ist, eine Terrorgruppe wie den NSU zu entdecken – braucht man ihn dann noch? Nein, sagt etwa der Politologe Claus Leggewie, der die Überführung des Verfassungsschutzes in eine "politische Polizei" fordert. Ein unrealistischer Vorschlag – nirgendwo ist eine Mehrheit dafür in Sicht. Die Politik hat sich auf die Reform des Dienstes geeinigt. Erste Schritte sind beschlossen: Es wird ein zentrales V-Mann-Register geben und einheitliche Regeln für das Anwerben und Führen von Quellen. Außerdem dürfte das BfV mehr Befugnisse gegenüber den Landesämtern bekommen. Alles Lehren aus der Operation Rennsteig. Alles richtig. Aber das wird nicht reichen.

Das BfV hat, vielleicht als Maßnahme zur Selbstrettung, vielleicht auch, um seinen Reformwillen zu unterstreichen, im September 2012 mit einer Art Inventur begonnen. Von Aktenführung bis Grundsatzfragen wurde, in 14 "Arbeitspakete" aufgeteilt, der ganze Apparat durchleuchtet. Bald will der neue Präsident Hans-Georg Maaßen der Politik erste Ideen präsentieren. "Ein wichtiges Projekt ist die Verbesserung der Transparenz gegenüber den parlamentarischen Kontrollgremien", sagt Maaßen. Die Abgeordneten sollen künftig aktueller und ausführlicher über Operationen informiert werden. Maaßen will auch "das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückgewinnen". Deshalb könne er sich vorstellen, "zum Jahresanfang einen kurzen Ausblick auf die vor uns liegenden Bearbeitungsschwerpunkte zu geben". Der jährliche Verfassungsschutzbericht könnte einen Anhang bekommen, heißt es im BfV.

Vizechef Eisvogel will den Dienst beweglicher machen: "Das bloße Sammeln von Informationen ist nicht zielführend. Wir müssen Jäger und Sammler sein. Das heißt, der Verfassungsschutz konzentriert sich künftig mehr auf die Bearbeitung gewaltorientierter Personen und Strukturen." Untergetauchte Militante sollen nicht mehr durchs Raster fallen. Deshalb sollen die Beschaffer aufgewertet und besser ausgebildet werden. Außerdem könnte ein wissenschaftlicher Beirat berufen werden. "Wir müssen uns stärker der gesellschaftlichen Diskussion stellen", sagt Eisvogel. "Wir brauchen externe Experten, die unsere Arbeit strategisch begleiten." Noch vor Kurzem hätte man so einen Satz aus dem Mund eines Nachrichtendienstlers für unerhört gehalten.

Als geradezu revolutionär gilt innerhalb des BfV die Idee, eine neuartige Arbeitseinheit zu schaffen, die gezielt nach Schwachstellen, etwa in der Analyse, suchen soll. Derzeit gingen Querdenker eher unter, heißt es in der BfV-Spitze, an die das neue Team deshalb angebunden sein soll. Das Amt würde also einige seiner Leute beauftragen, die eigenen scheinbaren Gewissheiten infrage zu stellen. In den USA gibt es solche Einheiten in Geheimdiensten, der Armee und großen Unternehmen. Man nennt sie "Red Teams" – und hält große Stücke auf sie. Der Arbeitstitel im BfV lautet deutlich nüchterner "Fachprüfeinheit".

Vielleicht wird Dirk Schneider, den wir in Heimlichheim kennengelernt haben, einmal Karriere machen beim Verfassungsschutz. Vielleicht wird er dann eines Tages in einem Red Team arbeiten. Wenn es so kommt, wird er hoffentlich die richtigen Fragen stellen.