Der Verfassungsschutz entstand 1950, und schon 1953 produzierte er seinen ersten Skandal, als er einem Ost-Überläufer aufsaß – wegen angeblicher Wirtschaftsspionage wurden mehr als 30 zu Unrecht Beschuldigte festgenommen. Seitdem lässt sich die Geschichte des Verfassungsschutzes auch als Skandalchronik erzählen: 1954 verschwand der Gründungspräsident des BfV, Otto John, in die DDR. 1963 enthüllte die ZEIT, dass der Dienst verfassungswidrig abgehört hatte; Ende der sechziger Jahre lieferte ein V-Mann des Berliner Dienstes Molotowcocktails an protestierende Studenten; 1978 sprengte der niedersächsische Dienst ein Loch in die Wand des Celler Gefängnisses, um eine RAF-Befreiungsaktion vorzutäuschen; 1985 lief der Chef der Spionageabwehr in die DDR über; und 1991 endete in Berlin nach 15 Jahren Obstruktion durch den dortigen Verfassungsschutz ein Prozess um den Mord an dem Terroristen und Spitzel Ulrich Schmücker mit der Erkenntnis, der Dienst habe an dem Verbrechen mitgewirkt.

Nun durchlebt der Verfassungsschutz wieder einen Skandal, aber diesmal geht das Fiasko nicht auf Schweinereien irregeleiteter Verschwörer zurück, sondern der Apparat hat kollektiv versagt. Zwielichtig agiert haben möglicherweise einzelne Verfassungsschützer – der große Rest aber ist an einer Aufgabe gescheitert, die er nur zu gerne bewältigt hätte.

Die Erschütterung darüber ist bei nahezu allen Mitarbeitern spürbar, umso mehr, als der Verfassungsschutz seinen ramponierten Ruf in den letzten zehn Jahren gerade halbwegs repariert hatte.

Denn obwohl der Dienst auch vor dem 11. September 2001 nicht gewarnt hatte, gewann er nach den Anschlägen an Bedeutung. Kaum jemand stellte ihn noch infrage. In Berlin-Treptow entstand ein zweiter Dienstsitz, nur für die Terrorbekämpfer, schick und neu und funktional. Seitdem gilt Treptow als Schaufenster für einen modernisierten Verfassungsschutz. Tatsächlich ist die Stimmung dort besser als in Köln-Chorweiler, wo die Spionageabwehr und die Abteilungen für Rechts- und Linksextremismus beheimatet sind. Die Mitarbeiter in Berlin sind jünger, der Umgang ist lockerer, das Thema islamistischer Terrorismus wirkt zumindest scheinbar dringlicher, der Austausch mit Polizei, Regierung und ausländischen Diensten ist intensiver, die Erfolge sind besser sichtbar – jedenfalls für die Verfassungsschützer, nicht immer für die Öffentlichkeit.

Misserfolge und Pannen gab es auch hier. Vor einigen Jahren gelang es dem BfV, den Laptop eines Islamisten, der in ein Terrorlager reisen wollte, zu präparieren; die nicht eingeweihte Polizei nahm den Mann jedoch im Zug fest. 2008 tat sich das BfV mit ausländischen Diensten zusammen, um die Reiseroute zweier Männer auszuforschen, die sich mutmaßlich Dschihadisten in Afrika anschließen wollten. Diesmal war die Polizei eingeweiht. Trotzdem nahm sie die Männer auf dem Flughafen Köln/Bonn fest – sie hatte entschieden, das Risiko sei zu groß; die BfV-Operation wurde geopfert. Manche Erfolge wiederum waren nicht so exklusiv, wie sie schienen. Es stimmt, dass das BfV maßgeblich an der Vereitelung der Terrorpläne der Sauerland-Gruppe 2007 beteiligt war. Aber den ersten Hinweis auf die Zelle lieferten die USA.

Dennoch gewann der Dienst in diesen Jahren an Renommee – was den Islamismus angeht, nicht einmal zu Unrecht. Anders als Spanien und Großbritannien blieb Deutschland von einem großen Anschlag verschont. Der NSU mordete derweil weiter. Auch das gehört zur Wahrheit des NSU-Fiaskos: Der Rechtsextremismus hatte nach dem 11. September keine Priorität mehr im BfV. Das Bundesinnenministerium wollte den Schwerpunkt in der Bekämpfung des Dschihadismus sehen. Mit Nazis konnten die Verfassungsschützer in jenen Jahren nicht bei der Regierung punkten.

Es gibt ein Schlüsseldokument aus dem Jahr 2004, das als Verschlusssache eingestuft ist. Es trägt den Titel Gefahr eines bewaffneten Kampfes deutscher Rechtsextremisten – Entwicklungen von 1997 bis 2004. Dieses Papier fasst Erkenntnisse und Analysen aller Verfassungsschutzämter zu jenem Zeitpunkt zusammen. Es war ein Versuch, die Szene zu verstehen. In dem Dokument sind Facetten des NSU-Debakels sichtbar wie in einem Bernstein eingeschlossene Insekten.

Schlägt man das Papier heute auf, wird einem schwindelig. Neben anderen Fällen wird auf Seite 5 ein "Rohrbombenfund in Jena" von 1998 geschildert. Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hatten damals in einer Garage Sprengstoff gehortet; eine Festnahme scheiterte. Als die Broschüre verfasst wurde, sechs Jahre später, hatte das Trio längst den NSU gegründet und angefangen, Migranten zu erschießen, zuletzt im Februar 2004 den Dönerverkäufer Mehmet Turgut, das fünfte der zehn Mordopfer. An dem Eintrag verstört, wie er endet: nicht mit einer Frage oder einer Warnung. Sondern mit der lapidaren Feststellung, dass "das Ermittlungsverfahren gegen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe wegen Eintritts der Verfolgungsverjährung nach §170Abs2 StPO" eingestellt wurde.

Eingestellt, erledigt, abgehakt: Mit diesem Eintrag wurde das Trio de facto vom Radar des Verfassungsschutzes entfernt.

"Wir haben uns nicht intensiv genug mit dem Gedanken auseinandergesetzt, dass die abgetauchten Bombenbauer aus Jena trotz Strafverfolgungsverjährung eine Gefahr darstellen könnten", sagt ein erfahrener BfV-Mitarbeiter, der damals an internen Diskussionen über das Papier beteiligt war. Andere geben zu, dass sie sich fragten, wo die drei steckten, die Frage aber wegschoben. Wenn das Thüringer Landesamt sie nicht aufwarf, warum sollten sie es dann? Also taten sie es nicht. Niemand tat es.

Das Wegschieben fiel umso leichter, als im Verfassungsschutz die Sicht bestand, man wisse beim Rechtsextremismus so gut Bescheid, man werde schon merken, wenn da etwas passiert, wie Beteiligte erzählen. Die Chefs verließen sich auf die Auswerter, die sich auf die Beschaffer verließen, die ihrerseits meldeten, dass sie bei den Nazis Bescheid wüssten.