DIE ZEIT: Herr Reuter, Sie waren einer der mächtigsten Automanager der Republik. Warum haben Sie ein Buch über Europa geschrieben?

Edzard Reuter: Weil ich mir große Sorgen mache, dass wir die Chancen für ein gemeinsames Europa verspielen. Wir reden vor allem über finanztechnische Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise – von Europa als politischem und ökonomischem Gesamtprojekt ist kaum noch die Rede.

ZEIT: Worin besteht dieses europäische Gesamtprojekt für Sie?

Reuter: In einer echten Gemeinschaft mit zentralen und demokratisch legitimierten Beschlussorganen, die die europäischen Angelegenheiten regeln – in der Wirtschaftspolitik, der Verteidigungspolitik und der Außenpolitik. Wir müssen in Europa schrittweise zu einheitlichen Lebensverhältnissen kommen, wie sie das Grundgesetz auch für Deutschland vorsieht.

ZEIT: Dieses Ziel lässt sich doch nicht einmal in Deutschland verwirklichen. Das Saarland erhält seit Jahrzehnten Geld aus dem Länderfinanzausgleich, und trotzdem ist es immer noch eines der ärmsten Bundesländer.

Reuter: Das ist wahr, und natürlich gibt es noch viel zu tun. Aber dennoch sind die regionalen Unterschiede innerhalb Deutschlands nicht so groß wie in Europa. Und wir haben in den neuen Bundesländern bei der Angleichung der Lebensverhältnisse dank des Solidarbeitrags gewaltige Fortschritte erzielt. Wenn die deutsche Vereinigung gelungen ist, warum soll die europäische nicht gelingen?

ZEIT: Vielleicht weil die Menschen sie nicht wollen? Schon jetzt hält sich bei den Wählern die Begeisterung für Europa in Grenzen.

Reuter: Weil es an Politikern fehlt, die glaubwürdig sind und den Bürgern die Wahrheit sagen – dass wir nämlich auf nationale Souveränität verzichten und Opfer bringen müssen. Wir haben einen Mangel an charismatischer Führung.

ZEIT: Und Führung heißt, die Menschen zur Zustimmung für ein Projekt zu überreden, das sie eigentlich ablehnen?

Reuter: Nicht überreden, sondern überzeugen. Ich bin nicht für eine Euro-Diktatur. Ich kritisiere, dass dem heutigen politischen Personal der Mut fehlt, beim Thema Europa Visionen zu entwickeln und dafür zu kämpfen. Helmut Kohl konnte das, Helmut Schmidt auch. Der Bundeskanzlerin geht das völlig ab. Ich weiß bis heute nicht, was ihr eigentlich vorschwebt. Sie ist eine Pragmatikerin, die Feuer auslöscht. Und hier gilt der Satz von Jacques Delors: Wir brauchen nicht nur Feuerwehrleute, wir brauchen auch Architekten.

ZEIT: Immerhin hat es Angela Merkel hinbekommen, dass Deutschland den Rettungsmaßnahmen zustimmt. Vielleicht ist die Politik der kleinen Schritte einfach klüger als der große Wurf.

Reuter: Ich habe großen Respekt vor ihrer Leistung. Sie hat den Eindruck erweckt, deutsche Interessen wahrzunehmen. Das war ohne Zweifel geschickt. Aber das ist doch politischer Opportunismus und nicht politische Führung! Auf Dauer ist das nicht erfolgreich. Irgendwann wollen die Menschen wissen, wohin die Reise geht.