Roman "Quasikristalle"Alles ist eitel

Aber das Leben doch so kostbar: Eva Menasses lebensweiser Roman "Quasikristalle". von 

Worum geht es in dem Buch?, wird man häufig gefragt. Meistens lässt sich das beantworten, indem man das Thema nennt, von dem der Roman handelt: Von der Schwierigkeit der Partnerwahl, von Adoleszenzproblemen, von der plötzlich auftauchenden NS-Vergangenheit der Großeltern (ein Karton mit alten Briefen auf dem Dachboden), von einer Kindheit in der DDR. Für Eva Menasses neuen Roman Quasikristalle gibt es keine solche Antwort. Zwar tauchen in ihm viele Themen auf, die unsere Gegenwart bestimmen, aber sie sind nur Material, durch das der Wind der Zeit weht. Eva Menasses Roman ist der Versuch, das Vergehen der Zeit selbst erfahrbar zu machen.

Die Zeit ist dabei nicht ein abstrakter Begriff fern der Lebenswelt, sondern sie ist die konkrete und unentrinnbare Form, in der sich unser Leben darstellt. Alle Hoffnungen und alle Enttäuschungen, alle Unrast und alle Panik, aber auch alle Wahrheiten und alle Illusionen sind eine Funktion der Zeit. Eine unerwiderte Liebe ist deshalb eine Enttäuschung, weil es unwahrscheinlich ist, dass es eine zweite Chance geben wird. Eine Entscheidung hat deshalb Gewicht, weil sie nicht zu widerrufen ist. Unser Ehrgeiz drangsaliert uns, weil die Frist endlich ist, in der wir zeigen können, was in uns steckt. Und an unseren Freunden hängen wir, weil wir hoffen, dass sie uns die Treue halten, obwohl uns die Zeit verändert. Die Zeit ist gewissermaßen auf Schritt und Tritt im Kleinen das, was am Ende und abschließend der Tod ist. Die Zeit ist das Lebensgefühl schlechthin.

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Das zu behaupten ist einfach. Es aber erzählend erfahrbar zu machen eine hohe Kunst. Thomas Mann hat im Zauberberg versucht, die Zeit selber zur Darstellung zu bringen, indem er sie gleichzeitig dehnte und stauchte. In Flauberts Erziehung des Herzens gibt es eine berühmte Leerzeile, einen Sprung von einem Absatz zum nächsten, in dessen Abgrund ein ganzes Jahrzehnt verdampft: Eben hat der Leser noch Frédéric Moreau quasi im Liveticker-Rhythmus beim Barrikadenkampf der 1848er Revolution erlebt, aber wenn es nach der Leerzeile heißt: "Er reiste. Er lernte die Melancholie der Dampfschiffe kennen...", sind ganze Lebensjahre am Protagonisten vorbeigeflogen. Flaubert erzielt diesen schwindelerregenden Effekt völlig ohne Worte, nur durch den harten Schnitt seiner Erzähltechnik.

Darin liegt auch Menasses Kunst. Erst mal sieht das Buch nämlich aus wie vergnügliches, kluges easy reading, in einer geistreichen Sprache mit viel Bosheit und Wiener Schmäh. Die Raffinesse des Romans aber liegt ganz in seiner Konstruktion. Jedes Kapitel ist aus der Perspektive einer anderen Figur erzählt, und man braucht als Leser Zeit, bis einem klar wird, dass alle diese Blickwinkel um die Protagonistin Xane Mole kreisen. Ihr Leben wird erzählt, von der Kindheit bis ins Alter, und wie mit den Kapiteln die Lebensphasen am Leser vorbeiziehen wie Wolken am Himmel, entsteht gleichsam im Rücken dieser prallen, gegenwartsgesättigten Lebensgeschichte die Melancholie der vergehenden Zeit. Wie heißt es in Hofmannsthals Terzine über die Vergänglichkeit? "Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, / Und viel zu grauenvoll, als daß man klage: / Daß alles gleitet und vorüberrinnt."

Nie stellt die Autorin ihren Figuren endgültige Zeugnisse aus

Auch Xane Moles Leben, obwohl es vor Temperament und Tatendurst, vor Fülle und Energie bebt, gleitet und rinnt vorüber. Wir sehen Xane in der Pubertät mit ihrer damals besten Freundin Judith: ein wahres "Amazonenduo". Sie entdecken die Hackordnung der Welt und damit die Grausamkeit. Sie quälen ihre Freundin Claudia, die schüchterne Dritte im Bunde, weil sie es sich leisten können. Doch plötzlich stirbt Claudia, und alles, was man ihr angetan, ist nie wiedergutzumachen. Wir sehen Xane als junge Studentin während einer Studienreise nach Auschwitz, wie sie ihre jüdische Familiengeschichte in ein Verhältnis zum Holocaust setzen muss. Wir sehen Xane als rebellische Boheme-Künstlerin, die das Rollenfach der Österreich-Beschimpfung virtuos beherrscht (aber schon ahnt, dass diese Attitüde längst etwas Mechanisches hat). Wir sehen Xane, wie sie mit ihrem Wiener Leben abschließt und nach Berlin zieht, wo sie einen Professor heiratet und einen Arrivierungsschub durchmacht. Wir sehen Xane bei einer Reproduktionsmedizinerin. Sie ist mittlerweile Ende 30, und ihr Kinderwunsch lässt sich nur noch mit ärztlicher Nachhilfe umsetzen. Wir sehen Xane als Chefin einer erfolgreichen Werbefirma, die sich geschickt zwischen Subversion und Kommerz eingerichtet hat. Wir sehen sie als Liebhaberin, die dann aber doch ihrem Ehemann treu bleibt. Und wir sehen sie als Mittelpunkt eines Freundeskreises, der von ihrer temperamentvollen Energie vitalisiert wird. Aber irgendwann sind die Freundinnen auch genervt, weil sie das Gefühl haben, dass sich immer alles nur um Xane dreht. 

Und in den anrührend-komischsten Kapiteln sehen wir Xane als Stiefmutter, deren älteste Tochter, Viola, nun ihrerseits in der Pubertät, genau weiß, wie sie Xane auf die Palme bringen kann. In hinreißender Mimikry von intelligentem Pubertätstrotz lässt Eva Menasse Viola ihre Mutter als pedantisch-hysterische Zicke charakterisieren: "Sie regte sich auf, wenn der Radiosender in der Küche verstellt war, dabei konnte man umgekehrt genauso gut sagen, dass StarFM die Grundeinstellung war, die sie mit ihrem blöden Nachrichtensender dauernd verstellte."

Leserkommentare
    • Mikoss
    • 22. Februar 2013 11:23 Uhr

    Vieles ist selten geworden, Esprit, Wissen, Humor, Ideen, Gestaltungswille, etc.
    Die Deutsche Literatur als Referenz zu bemühen, ist kein Kompliment, sondern schon eine Deklassierung.
    Esprit hätte der Roman also?! Vergleichsweise viel?!
    Hoffen wir das Beste.

    Eine Leserempfehlung
  1. Meint der Autor etwa die Melancholie als die edelste und mildeste Weise, in der sich Ignoranz gegen fortlaufendes Dasein äußert?
    Sehr guten Autoren gelingt es tatsächlich, Langeweile zu beschreiben, ohne langweilig zu schreiben.

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