Wolf-Rüdiger Baumann, Heiner Geißler und Christoph Lütgert (v.l.n.r.) zu Gast in der ARD-Talkshow "Günther Jauch" (Archiv) © Karlheinz Schindler / dpa

Waldemar Hartmann war auf dem richtigen Weg: Wenn er in seine Fußballgesprächssendung Waldis Club auch nicht den echten Franz Beckenbauer als Gast locken konnte, so hatte er doch den Komiker Matze Knop, der den Kaiser ("jjjagutt, ähhh!") darzustellen wusste – und übrigens auch Lothar Matthäus, Reiner Calmund und Luca Toni. Nun ist Hartmanns Club in der ARD zwar eingestellt worden, aber das Matze-Knop-Hafte hat sich in andere Sendungen gerettet und auf sie übergegriffen: In den Talkshows sitzen immer häufiger Menschen stellvertretend für andere, die da sitzen sollten, aber nie zu sehen sein werden, stellvertretend nämlich für womöglich Klügere und Wahrhaftigere, Gefährlichere und Sensiblere.

So haben sich in den öffentlich-rechtlichen Talkshows Menschen etabliert, die eine Branche, eine Klasse, einen Typus repräsentieren, obwohl manche von ihnen innerhalb der Gruppe, für die sie sprechen, nicht relevant oder nicht besonders angesehen sind. Es gibt den finsteren Seher (Arnulf Baring beziehungsweise Peter Scholl-Latour), den Meinungshasardeur aus reichem Haus (Jakob Augstein), den erbitterten Rechtbehalter (Hans-Ulrich Jörges), den lustigen Hausarzt (Eckart von Hirschhausen), die schöne Blonde, die Fußball versteht (Andrea Kaiser), die schöne Dunkle, die eigentlich zu klug und zu links fürs Fernsehen ist (Sahra Wagenknecht), den von der Gier des Pöbels angewiderten Schatzkanzler (Hans-Olaf Henkel), die Expertin für Frauenrecht und Quiz (Alice Schwarzer), den Filmkünstler als Volkes Stimme (Til Schweiger), den Weisen aus dem Schwarzwald (Heiner Geißler), den Außerirdischen (Sascha Lobo), den Unterirdischen (Dieter Bohlen), die gellende Berlinerin (Désirée Nick), den philosophierenden Dottore (Richard David Precht). Dann gibt es Leute, die in ihrer Branche anerkannt, über deren Grenzen aber hinausgewachsen sind: etwa den Fachmann für Fußball, Wurst und Moral, der längst unser geheimer Finanzminister, wenn nicht Kanzler ist: Uli Hoeneß.

Man ahnt die Not der TV-Redaktionen, die hinter solcher Besetzungspolitik steht: Die Welt ist groß, aber das Land verfügt nur über ein begrenztes Reservoir an Bedeutungs- und Wirkungsgiganten. Es gibt Gäste, die man gern hätte, aber nicht kriegt (Jürgen Habermas, Pep Guardiola, Elfriede Jelinek, um nur die zu nennen); es gibt solche, die man bekäme, aber wegen Unzurechnungsfähigkeit, Ausdrucksnot, Tollwut nicht einladen kann (Namensnennungen verbieten sich aus juristischen Gründen), und es gibt vor allem großartige Gäste, die man vielleicht bekommen könnte – die aber nicht eingeladen werden, weil sie draußen im Volk keiner kennt (was wiederum daran liegt, dass sie in den TV-Redaktionen keiner kennt).

Und so kommt es, dass sich im Fernsehen seit Jahren – ältere Zuschauer behaupten: schon immer– ein stehendes, sich nur sparsam verjüngendes Ensemble aus Volks-, Wissens- und Empörungsdarstellern die Bälle zuspielt, ein kleines, zuverlässiges, immer abrufbares Ensemble, bei welchem Theaterhistoriker an die Typen der Commedia dell’Arte und die Rollenfächer des vergangenen deutschen Theaters denken: Man hat ein Arsenal an Begriffen, Gebärden, Angriffsvarianten, mit denen man operiert. Man verlässt nie das Gehege der eigenen Gedankenwelt, denn sonst wird man nicht mehr erkannt und nicht mehr eingeladen.

Natürlich ist das alte Commedia-Modell nicht auf die heutige Situation übertragbar, aber man erkennt es in ihr wieder. Und man ahnt auch, welche Typen im innersten Kreis der TV-Öffentlichkeit fehlen und aus der Ferne hineinwirken: So hat die Rolle des Pantalone, des lüsternen Alten, momentan der arme, durch die Talkshows nur als Gespenst wehende Rainer Brüderle inne.

Dass sich die Wahrheit theaterhaft verkleiden muss, um auf den Schirm gelassen zu werden, ist seit einiger Zeit feststellbar. So ist es üblich, dass ein Schauspieler in der Talkshow stellvertretend für die historische Gestalt sitzt, die er soeben im Film (am besten im selben Programm) dargestellt hat. Er zeugt für sie, er sagt für sie aus. Ein Begriff aus der Werbung wird hier anwendbar – der Begriff des Testimonials: Ein Mensch bürgt durch seine Anwesenheit für etwas ganz anderes.

Also: Der Hitler-Darsteller X spricht darüber, wie es ist, Hitler zu spielen; in einer folgenden Talkshow spricht er dann darüber, wie es ist, sich wie Hitler zu fühlen, und in der dritten darüber, wie es ist, Hitler zu sein. Ein Buch, welches ohne öffentliches Palaver an den Rezensenten vorbei auf die Bestsellerliste gelangt ist, treibt derzeit in Deutschland diese Mechanik noch ein wenig weiter, ja es stellt sie auf den Kopf: In Timur Vermes’ Roman Er ist wieder da bahnt sich der unter ungeklärten Umständen im Jahr 2011 wiedererwachte Adolf Hitler seinen Weg ins deutsche Fernsehen – alle Welt hält ihn für einen Comedian, welcher den Diktator nur grandios verkörpert, aber in Wahrheit ist er der echte. Adolf Hitler, so lautet die Pointe des Autors, erhält eine eigene TV-Sendung, die am Ende für den Adolf-Grimme-Preis nominiert wird.

Ohne dass wir irgendeinen Zusammenhang zwischen Hitler und Oliver Pocher herstellen wollten, lässt sich erkennen, dass der Komiker Pocher derzeit eine Entwicklung durchmacht, die wie eine Variante dieses satirischen Medienromans erscheint. Er ist wieder da? In Pochers Fall lautet das Motto: "Er ist immer noch da."