Film "Quellen des Lebens"Aus dem Vollen geschöpft

Übersprudelnde "Quellen des Lebens": Oskar Roehler hat seine Autobiografie verfilmt. von Moritz von Uslar

Es ist zehn Jahre her, dass Oskar Roehler einen ziemlich guten Wutanfall bekam. Zwei namhafte deutsche Filmemacher hatten die kreative Elite des deutschen Films geladen, zu einer Art Bestandsaufnahme. Die Regisseure Dominik Graf und Christian Petzold hatten auf einem Podium Fragen beantwortet und, der Veranstaltung entsprechend, sehr ernst, konzentriert und ein bisschen verklemmt von ihrer Arbeitsweise und ihrem Arbeitsethos berichtet, als der Regisseur Oskar Roehler, der im Publikum saß, mit ein paar Sätzen, die offensichtlich tief aus seinem Herzen kamen, dazwischenhaute. "Das wird mir alles zu klein, zu brav und zu eng!", rief Roehler. Und: "Wir müssen große, keine kleinen Filme drehen. Ich will ein Kino, das aufs Ganze geht." Irritierte Gesichter bei Petzold und Graf; Zuspruch; Widerspruch. Es wurde dann doch noch und zum Gewinn für die gesamte Branche eine sehr lebhafte Diskussion.

So einen Film, der aufs Ganze geht, den hat der Regisseur und Autor Oskar Roehler, 53 Jahre alt, in der Branche als Enfant terrible bekannt und unter Filmkennern gerne mit dem wohlklingenden und etwas hohlen Titel "der Regisseur, der am ehesten das Zeug hat, das Erbe von Rainer Werner Fassbinder anzutreten" bedacht, jetzt wieder gedreht. Es ist Roehlers elfter Kinofilm, er heißt Quellen des Lebens und ist die Verfilmung von Roehlers gefeierter, vor zwei Jahren erschienener Autobiografie Herkunft. Der Film ist, was noch kein Qualitätsmerkmal ist, drei Stunden lang. Zuletzt hatte Roehler mit Jud Süß. Film ohne Gewissen (2010) einen merkwürdig kalten und die Kritik wegen historischer Ungenauigkeiten irritierenden Film und mit Lulu & Jimi (2009) eine sympathische, in jeder Hinsicht überdrehte Rock-’n’-Roll-Farce gedreht, die an der Kinokasse floppte. Die bange Frage bei einem neuen Roehler-Film muss immer heißen: Ist ihm da wieder nur ein Hammer oder doch mal ein wirklich guter Film gelungen?

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Roehler hat alle seine Filme einmal als Vorarbeiten zu seinem Romandebüt bezeichnet und sich, natürlich, gleich bei Erscheinen von Herkunft an das Drehbuch gesetzt. Buch und Film erzählen die Geschichte der alten Bundesrepublik: Roehler, Jahrgang 1959, ist das Kind des Schriftstellerpaars Gisela Elsner und Klaus Roehler, beide Mitglieder der Gruppe 47, ein hippes Literatur-Traumpaar, sie erfüllen alle Klischees einer linken Boheme-Existenz (Existenzialisten, Kommunisten, später RAF-Sympathisanten). Oskar ist ein unerbetenes Kind, er wird zwischen den Großeltern (das Dorf Steinach in der unterfränkischen Provinz) und dem Vater (die Hinterhöfe West-Berlins in den sechziger Jahren) hin- und hergeschubst.

Eine Leistung von Buch und Film besteht darin, dass der Autor seine Geschichte als Geschichte erkannt hat, die erzählt werden muss – sie trägt über drei Generationen und dreißig Jahre. Roehlers verwahrloste Jugend, seine Herkunft aus der Schuld der NS-Diktatur, aus Wirtschaftswachstum, Scham, Muff, Lügen und Ideologie der jungen Bundesrepublik, sie ist die DNA dieses Landes, in dem wir heute leben.

Wie das Buch setzt der Film 1949 mit der Heimkehr des Großvaters aus dem Krieg und mit großer, epischer Geste ein: Blüten, Vogelzwitschern, ein Land erwacht. Der Kriegsheimkehrer Jürgen Vogel steht vor der Mietbaracke seiner Familie, das Voice over von Roehlers Alter Ego Robert Freytag spricht: "Scheiße, das war eindeutig Elisabeths Kleid." Und gleich sind wir mittendrin in einer typischen Roehler-Szene, der Zuschauer lacht über diese herrlich platte und slapstickhafte Pointe (ein Regisseur, der Freude daran hat, sein Publikum mit dem kleinen Wort "Scheiße" zu erschrecken, kann nicht ganz schlecht sein). Der Regisseur Roehler, er will draufgehen, rangehen, er will deutlich sein und gerne auch ein bisschen platt, sein Kino schöpft seine Kraft aus Unbeherrschtheit, Übertreibung, Auskosten der Pointen. Vogel als Kriegsheimkehrer sieht also wie der kriegsheimkehrigste Kriegsheimkehrer aller Zeiten aus (sagenhaft zerschlissener Mantel, schwarze Zahnstumpen). Der Großvater wird seinen bescheidenen Wohlstand mit einer Gartenzwergefabrik errichten, und dann muss, weil sich das anbietet, unter Gartenzwergeregalen, die beim Vögeln wackeln, das Kind Oskar gezeugt werden.

Leserkommentare
  1. ...macht die unfreiwillige Komik dieses klischeebeladenen Films deutlich: Bekannte deutsche Schauspieler in zeittypischen Verkleidungen, die keine Minute lang glaubwürdig spielen können.

    Der Regisseur verarbeitet seine persönliche Leidensgeschichte, nämlich, dass seine Mutter eine grandiose Schriftstellerin war, welche von ihm nichts wissen wollte. Wer will ihm übel nehmen, falls er sie dafür hasst? Aber dieser Hass rechtfertigt keinen langweiligen Film, und man spare sich daher die 3 Stunden Lebenszeit und lese lieber einen der großartigen Romane von Gisela Elsner.

    Dass der Herr von Uslar trotzdem diesen Film lobt, hat mit dessen politischer Richtung zu tun, und damit, dass er die linke Intelligenz der BRD denunziert.

    Eine Leserempfehlung
  2. Ich kann leider mit der Kritik überhaupt nicht übereinstimmen. Der Film ist durchgehend geprägt von Langatmigkeit und artifiziell wirkenden Dialogen. Auch die hochkarätigen Schauspieler retten den Film nicht. Die Figuren sind wandelnde Stereotype, die die Geschichte der BRD auf einzelne Klischees herunter brechen und das so, dass es stellenweise wirklich weh tut noch auf die Leinwand zu sehen. Der Film schafft es sogar ein an sich gutes Setting und einen vielversprechenden Plot zu verderben. Schade...

  3. In einem muss ich dem Artikel zustimmen: "Den Problemen des Autorenfilmers Roehler – und das will etwas heißen – schaut man als Kinogänger jedenfalls lieber zu als vielen geglückten deutschen Filmen." Nur was das heißen will, das bliebe noch weiter zu ergründen.

    Oskar Röhler den neuen Fassbinder zu nennen, wirkt jedenfalls so absurd wie der Vergleich zwischen Moritz Bleibtreu und Klaus Kinski, obwohl letzterer, wie man weiss, ebenfalls immer wieder auch in sehr schlechten Filmen mitgespielt hat.

    ausführlicher:

    http://joriswolff.wordpre...

  4. Natürlich sehen manche Menschen manches anders,aber der Kritiker kann doch unmöglich den Film gesehen haben.Ich stimme den Kommentatoren zu. Musste nach 2 Stunden den Film verlassen,weil es unerträglich wurde. Sehr sehr verkrampft! und letzlich langweilig.

  5. Selten habe ich zwei Euro schlechter investiert. Den ganzen Abend habe ich mich gefragt, ob vielleicht die DVD kaputt ist, Szenen fehlen…Die Dialoge und Kulissen waren teilweise so grotesk, ich dachte es wäre eine Parodie, dachte gleich löst sich alles auf und die Komödie kommt klar zum Vorschein. Aber nein, es wurde schlimmer und schlimmer. Nach zwei Stunden wurde ich leicht aggressiv. So viele inhaltliche Fehler, so viele eingeführte Konflikte bei denen sich nicht ansatzweise die Mühe gemacht wurde diese aufzulösen. Drei Stunden verschenkte Lebenszeit, zwei verschenkte Euro und die Frage, welchen Film eigentlich Herr von Uslar gehen hat, bleiben am Ende stehen. Aber vielleicht war die Freundschaft der beiden auch wichtiger als objektive Kritik.

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