Geldanlage"Nichtstun kostet Geld"

Asoka Wöhrmann gebietet bei der Deutschen Bank über 500 Milliarden Euro. Ein Gespräch über das Comeback Europas, unruhige Nächte und sein Bauchgefühl. von  und

DIE ZEIT: Herr Wöhrmann, Sie behaupten, Europa habe die Intensivstation verlassen. Was macht Sie da so sicher?

Asoka Wöhrmann: Die Achillesferse der Euro-Zone waren die starken Ungleichgewichte. Die Länder im Süden haben über ihre Verhältnisse gelebt, andere wie Deutschland haben gespart. Jetzt aber beobachten wir, dass Griechenland, Spanien, Italien und Portugal ihre Leistungsbilanzen deutlich verbessert haben. Sie machen weniger Schulden im Ausland, und sie haben ihren Haushalt besser im Griff. Sieht man einmal von den Zinszahlungen für Schulden ab, verzeichnet selbst Griechenland schon fast ein ausgeglichenes Budget. Undenkbar vor drei Jahren! Ganz ähnlich ist es in Spanien oder Portugal. Was dort an Reformen angestoßen wurde, stellt unsere Agenda 2010 in den Schatten.

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ZEIT: Die Europäische Zentralbank hat durch ihre Ankündigung, unbegrenzt Anleihen zu kaufen, einen riesigen Blankoscheck ausgestellt, oder?

Wöhrmann: EZB-Chef Mario Draghi ist für den Kapitalmarkt der Star, der Mann des Jahres 2012. Er hat das geliefert, was die Politik mit 17 Parlamenten und 60 Parteien in der Euro-Zone nicht vermochte. Draghi ist einer der wenigen Zentralbanker, die die Stimmungen an den Finanzmärkten genau verstehen, und er hat uns aus dem systemischen Risiko herausgeführt. Aus der Angst, dass alles zusammenbricht. Durch sein Versprechen, alles Notwendige zu tun, um den Euro zu retten, und zwar unbegrenzt, hat er die Angst vor Investitionen in Spanien oder Italien genommen und dafür gesorgt, dass die Kapitalmärkte nicht austrocknen.

ZEIT: Spüren Sie im Gespräch mit Großanlegern, dass deren Sorgen weg sind?

Wöhrmann: Allen Wachstumssorgen zum Trotz ist die Euphorie wieder da, auch wenn das Geld noch nicht im gleichen Maß nach Europa fließt. Die Investoren spüren: Es lohnt sich trotz Nullwachstum, auf Europa zu setzen.

ZEIT: Wie kann der kleine Anleger profitieren?

Wöhrmann: Den Kauf südeuropäischer Staatsanleihen sollten Anleger Profis überlassen, dafür brauchen Sie gute Nerven. Aber europäische Pfandbriefe sind enorm attraktiv. Die bringen vier bis fünf Prozent Rendite, das ist beim aktuellen Zinsniveau eine Menge. Zudem sind sie sicherer als Unternehmensanleihen. Wer für vier, fünf Jahre investieren will, für den ist das etwas. Hochzinsanleihen von Unternehmen sind auch eine Alternative.

ZEIT: Die sind doch gefährlich!

Wöhrmann: Alles ist gefährlich! In einer Welt niedriger Zinsen kostet Nichtstun Geld. Die deutschen Anleger haben zehn Billionen Euro Vermögen, und die Hälfte davon steckt in sparbuchähnlichen Anlagen. Bei einer Inflationsrate von 2,5 Prozent verlieren sie damit real Geld – eine fundamentale Veränderung im Vergleich zu den vergangenen 30 Jahren. Sie müssen Ihr Vermögen heute ganz anders managen. Ja, eine Hochzinsanleihe hat ein hohes Ausfallrisiko, aber Sie werden belohnt, wenn es klappt. Ich schaue immer, ob das Risiko, das ich eingehe, belohnt wird. Wenn ja, schlage ich zu. Sie müssen sich als Anleger am besten einen Spezialisten suchen, der Ihnen dann eine vertretbare Mischung zum Beispiel aus Pfandbriefen zusammenstellt.

ZEIT: Harte Zeiten für Privatanleger.

Wöhrmann: Viele müssen derzeit gleich doppelt Angst ablegen. Erstens die Angst, zu investieren, zweitens die Angst, in Aktien zu investieren. Bisher war es häufig so, dass die Märkte nach oben gingen, ehe die Anleger zugriffen. Europäische Aktien sind aber nach wie vor attraktiv. Wir sind noch ein gutes Stück unter dem Preisniveau von vor der Lehman-Krise. Wer vorsichtig sein will, kauft sich Aktien mit hohen Dividenden.

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