Fritz Stern: Joschka, am Anfang unseres Gesprächs erzählten Sie, dass Sie als junger Mann von einem bestimmten Punkt an keine Autorität mehr ertragen konnten und deshalb von einem Tag auf den anderen Ihre Lehre abgebrochen haben...

Joschka Fischer: Ja, damals war ich erst einmal on the road. Ein paar Gelegenheitsjobs, um Geld zu bekommen, und dann los, durch Europa und den Nahen Osten. Dann kam der 2. Juni, und einen Tag oder zwei Tage später war in Stuttgart eine Demo vom SDS, da lief ich zufällig rein. Und das war dann der Anfang...

Stern: Entschuldigen Sie, Joschka, Sie müssen mir zugutehalten, dass ich kein Alt-68er bin. Was war am 2. Juni?

Fischer: Am 2. Juni 1967 wurde bei einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien in Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen.

Stern: Wie kommt ein 18-Jähriger, der eben seine Lehre abgebrochen hat, 1966 nach Syrien? Hatte das mit der PLO zu tun?

Fischer: Ach wo, ich wollte über den Hippie Trail nach Indien und Nepal trampen. Völlig unpolitisch. Allerdings, muss ich hinzufügen, waren die intellektuellen Debatten der Neuen Linken Ende der sechziger Jahre sehr viel internationaler als alles, was danach kam. Man fühlte sich da in einer großen, globalen Gemeinschaft, was ja nicht selbstverständlich war. Der Vietnamkrieg spielte dabei natürlich eine Rolle, und nicht zu vergessen auch Prag 1968. Der August 1968 war furchtbar.

Stern: Entsetzlich. Mir kamen beim sowjetischen Einmarsch die Tränen. Welche Hoffnungen waren mit Alexander Dubček verbunden! Mir kam es so vor wie der Verrat des Westens. Aber es gab auch die klar ablehnende Haltung der PCI, der Kommunistischen Partei Italiens; mit der Abkehr vom brutalen sowjetischen Machtanspruch wurde im Grunde der Eurokommunismus geboren. Mich hat das damals so leidenschaftlich bewegt, dass Heinrich August Winkler und ich auf dem Internationalen Historikertag 1970 in San Francisco die sowjetischen Teilnehmer mit Listen über die inzwischen inhaftierten tschechischen Historiker und Intellektuellen konfrontiert haben. Von Louis Aragon stammte die treffende Formulierung, Prag sei zum "Biafra des Geistes" geworden.

Fischer: Wir hatten die große Hoffnung, dass es doch einen dritten Weg gäbe, raus aus der Blockkonfrontation. Ich erinnere mich gut an Rudi Dutschkes Auftritt in Prag, er fuhr ja im Frühjahr 1968 dorthin. Auch die polnischen Studenten spielten eine große Rolle, aus deren Reihen später Adam Michnik und andere Intellektuelle rund um die Solidarność-Bewegung hervorgingen. Es war also auch hinter dem Eisernen Vorhang einiges los, und deshalb war das Ende von Dubček so deprimierend, denn Prag war das Zentrum.

Stern: In der Geschichtswissenschaft gehen die Meinungen auseinander, wie man die Bewegung, die man in Deutschland und anderswo als 68er-Bewegung bezeichnet, einordnen soll. Die einen betonen, dass es sich im Kern um einen Generationenkonflikt gehandelt habe, der in Deutschland sehr stark von der kritischen Auseinandersetzung der jungen Generation mit der nationalsozialistischen Vergangenheit bestimmt wurde. Die anderen – und zu dieser Gruppe zähle ich mich – betonen mehr den internationalen politischen Charakter und sprechen von einer sozialen Bewegung. Ich habe damals einen Artikel geschrieben mit der Überschrift The international student movement, das heißt, mir war klar, dass es sich um eine internationale Bewegung handelte.