68er-BewegungGewalt und Geschichte

Der Historiker Fritz Stern und der ehemalige Außenminister Joschka Fischer über die 68er-Bewegung, Widerstand und die Frage, wo er an seine Grenzen stößt. Ein Auszug aus dem gemeinsamen Buch von Joschka Fischer und Fritz Stern

Fritz Stern: Joschka, am Anfang unseres Gesprächs erzählten Sie, dass Sie als junger Mann von einem bestimmten Punkt an keine Autorität mehr ertragen konnten und deshalb von einem Tag auf den anderen Ihre Lehre abgebrochen haben...

Fritz Richard Stern

86, ist ein aus Breslau stammender amerikanischer Historiker

Joschka Fischer: Ja, damals war ich erst einmal on the road. Ein paar Gelegenheitsjobs, um Geld zu bekommen, und dann los, durch Europa und den Nahen Osten. Dann kam der 2. Juni, und einen Tag oder zwei Tage später war in Stuttgart eine Demo vom SDS, da lief ich zufällig rein. Und das war dann der Anfang...

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Stern: Entschuldigen Sie, Joschka, Sie müssen mir zugutehalten, dass ich kein Alt-68er bin. Was war am 2. Juni?

Fischer: Am 2. Juni 1967 wurde bei einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien in Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen.

Joschka Fischer

63, ist Grünen-Politiker und ehemaliger Bundesaußenminister

Stern: Wie kommt ein 18-Jähriger, der eben seine Lehre abgebrochen hat, 1966 nach Syrien? Hatte das mit der PLO zu tun?

Fischer: Ach wo, ich wollte über den Hippie Trail nach Indien und Nepal trampen. Völlig unpolitisch. Allerdings, muss ich hinzufügen, waren die intellektuellen Debatten der Neuen Linken Ende der sechziger Jahre sehr viel internationaler als alles, was danach kam. Man fühlte sich da in einer großen, globalen Gemeinschaft, was ja nicht selbstverständlich war. Der Vietnamkrieg spielte dabei natürlich eine Rolle, und nicht zu vergessen auch Prag 1968. Der August 1968 war furchtbar.

Stern: Entsetzlich. Mir kamen beim sowjetischen Einmarsch die Tränen. Welche Hoffnungen waren mit Alexander Dubček verbunden! Mir kam es so vor wie der Verrat des Westens. Aber es gab auch die klar ablehnende Haltung der PCI, der Kommunistischen Partei Italiens; mit der Abkehr vom brutalen sowjetischen Machtanspruch wurde im Grunde der Eurokommunismus geboren. Mich hat das damals so leidenschaftlich bewegt, dass Heinrich August Winkler und ich auf dem Internationalen Historikertag 1970 in San Francisco die sowjetischen Teilnehmer mit Listen über die inzwischen inhaftierten tschechischen Historiker und Intellektuellen konfrontiert haben. Von Louis Aragon stammte die treffende Formulierung, Prag sei zum "Biafra des Geistes" geworden.

Fischer: Wir hatten die große Hoffnung, dass es doch einen dritten Weg gäbe, raus aus der Blockkonfrontation. Ich erinnere mich gut an Rudi Dutschkes Auftritt in Prag, er fuhr ja im Frühjahr 1968 dorthin. Auch die polnischen Studenten spielten eine große Rolle, aus deren Reihen später Adam Michnik und andere Intellektuelle rund um die Solidarność-Bewegung hervorgingen. Es war also auch hinter dem Eisernen Vorhang einiges los, und deshalb war das Ende von Dubček so deprimierend, denn Prag war das Zentrum.

Stern: In der Geschichtswissenschaft gehen die Meinungen auseinander, wie man die Bewegung, die man in Deutschland und anderswo als 68er-Bewegung bezeichnet, einordnen soll. Die einen betonen, dass es sich im Kern um einen Generationenkonflikt gehandelt habe, der in Deutschland sehr stark von der kritischen Auseinandersetzung der jungen Generation mit der nationalsozialistischen Vergangenheit bestimmt wurde. Die anderen – und zu dieser Gruppe zähle ich mich – betonen mehr den internationalen politischen Charakter und sprechen von einer sozialen Bewegung. Ich habe damals einen Artikel geschrieben mit der Überschrift The international student movement, das heißt, mir war klar, dass es sich um eine internationale Bewegung handelte.

Leserkommentare
  1. <<< In diesem Kampf haben Sie in den Augen Ihrer politischen Gegner auf der falschen Seite gestanden, und da genügt es denen nicht, wenn Sie sich dafür entschuldigen, dass Sie eben auch Steine geworfen haben. <<<

    Wie gut, dass es für Fischer noch ein Happy End gab und er dann später mit seinem Freund Dani zusammen noch auf die "richtige Seite" wechselte, also die der Herrschenden und dabei eine komplette Partei als persönlichen Karrierebooster mitnahm.
    Fischer ist der lebende Beweis, dass nicht nur Macht korrumpiert, sondern schon die Möglichkeit, später mal Macht zu erlangen.
    Möge das allen Menschen die ernsthaft etwas positives bewegen möchten, ein abschreckendes Beispiel sein.

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    • Morlaix
    • 23. Februar 2013 15:10 Uhr

    Soso, Fischer und Cohn-Bendit haben sich also durch die Macht korrumpieren lassen? Können Sie das auch belegen? Meinen Sie nicht, das solche Anschuldigungen eines Nachweises bedürfen? Oder können Sie den etwa nicht beibringen?

    In der Disziplin "Phrasen dreschen" sind Sie den beiden genannten Politikern jedenfalls haushoch überlegen.

    Wie kommen sie dazu J.Fischer und Daniel Cohn-Bendit in einen Topf zu werfen ?

    Während der "Grüne" Fischer z.B. versucht hat für BMW in Indien die Türen zu öffnen
    (das sind ja auch genau die Autos, die dort gebraucht werden ...)
    ist sich Cohn-Bendit treu geblieben.
    Oder muss man dazu unbedingt der ewige Dauerdemonstrant sein ??

  2. ... der ist eben allein am Rednerpult, Herr Fischer.

    Und wer dann nach einer politischen Karriere sein damaliges Feindbild FDP nachträglich als richtungsweisend bestätigt, der belegt nicht nur seine eigene Unglaubwürdigkeit, sondern gleich auch noch die der gesamten politischen Garde.

    Wen wundert es dann, wenn der Wähler sich mit Grausen von denen abwendet, die ja angeblich zu seinem Nutzen und Wohlergehen ihre Ämter wahrnehmen.

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    das die FDP der 60er und 70er Jahre mit der von heute vergleichbar wäre??

    @1 Zensurzeit
    Wer etwas verändern will muss auch handeln. Wer handelt wird feststellen, das sich nicht eben alles so durchsetzen lässt, wie man sich das vorstellt, denn das geht nur in einer Diktatur.

    Man sollte bei aller Kritik nicht vergessen, das die anderen die nicht so denken, die gleichen Rechte wie sie haben.

  3. ... dann ist man wahrlich bei denen ganz Oben angekommen, die sich für nichts rechtfertigen und die nie für den Unsinn anderer zahlen müssen.

    Werter Herr Fischer, Gratulation dazu.

    Nehmen Sie es mir und bestimmt vielen Anderen nicht übel, dass uns das Buch so gar nicht interessiert, was, wie Sie vielleicht unterstellen mögen, nicht an mangelnder Intelligent liegt, sondern daran, dass die Leute zunehmends mit den durch (auch Ihre) Politik gemachten Problemen leiden.

    Sie werden bestimmt Verständnis dafür haben, wenn weder ein Clement, ein Schröder noch ein Fischer hier auf warme Herzen stoßen.

    10 Leserempfehlungen
  4. Hat man mal die meiner Meinung nach ausgezeichnete Charakterisierung des Herrn Fischer und seiner Kumpane durch Jutta Ditfurth gelesen, wundert einen auch dieser Beitrag nicht.

    Aber nicht nur das, denn die Darstellung der bundesrepublikanischen Geschichte insbesondere der 60-70er durch Herrn Fischer ist aus meiner Sicht nur als hanebüchen zu bezeichnen. Offenbar ist aber, dass er zu den bürgerlich-demokratisch-verfassungspatriotischen Kreisen dieser Zeit keinerlei Kontakt hatte und haben wollte. Denn genügend überlebende Widerstandstkämpfer gegen das NS-Regime gab es ja noch, von denen nicht nur Herr Fischer hätte lernen können.

    Dass die sich selbst als RAF bezeichnende Mörderbande ausgerechnet gegen die Regierung Brandt sowie einen Bundespräsidenten Heinemann und eine sich dadurch liberalisierende Gesellschaft zu Felde zog, fällt Herrn Fischer auch heute noch nicht auf.

    Genau das macht meiner Ansicht nach allerdings deutlich, für was ich Herrn Fischer schon immer hielt: für ein unpolitischen Karrieristen, der die Backen mit hohlen Phrasen aufgebläht hat. So hatten sich mir auch die Grünen dargestellt, als ich sie Ende der 7oer kennenlernte. Kein Wunder also, dass Herr Fischer dort gut aufgehoben war und ist.

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  5. sich nicht durchsetzte ist klar, auch das sie sich freuen das der opportunistische "Eurokommunismus" geboren wurde. Sie müssen ja auch nicht das Ausbaden was die Reaktion auch mit Hilfe des "Eurokommununismus" seit 1989 in Europa anrichtet, das muss das werktätige Volk.

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    • xy1
    • 23. Februar 2013 13:46 Uhr

    Ich freue mich, hier einen aufrechten Kämpfer, der sich nicht hinter Umschreibungen versteckt, zu sehen.
    Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie am liebsten die Zustände die - besonders in Osteuropa - vor 1989 geherrscht haben, zurück haben wollen?
    Haben Sie mal versucht dort hie und da die Leute auf der Strasse zu fragen, was Sie von Ihrem Wunsch halten?

    und jetzt bitte noch im saarländischen Dialekt oder mit hoher Fistelstimme.

    Sonst noch irgendwelche Fantasien ??

  6. früher für die sektiererische Gewalt zur Provokation, heute für die Gewalt zur Durchsetzung der imperialistischen Interessen.....

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    Gegen wen? Hab ich da was verschlafen?

    • postit
    • 23. Februar 2013 13:07 Uhr

    lenkt doch nur vom Thema ab.

    Die 68er-Bewegung war in meinen Augen für die deutsche Gesellschaft einfach ein Signal zur Rückkehr in die Normalität, für das Abwerfen der nationalen, auch nationalistischen Verklemmtheit und für das Wiedergewinnen einer internationalen Sicht auf die Welt, die vor dem ersten Weltkrieg ja durchaus schon vorhanden war.

    Viele können das doch an der eigenen Familiengeschichte ablesen: Mein Großvater hat seine Ausbildung in den USA gemacht - meine Tochter war in den USA auf der Schule. Dazwischen war der Familienblick stramm auf die eigene Provinz gerichtet, teils weil man dazu gezwungen war, das Ausland nur als Eroberer kennenzulernen (Großväter- und Vätergeneration), teils weil man einfach die Mittel gar nicht hatte, außer sporadischen Urlauben überhaupt etwas von der Welt zu sehen (Eigengeneration).

    So gesehen war die 68er-Bewegung nichts anderes als der hoffentlich endgültige Abschied aus der Provinzialität.

    Schönes Wochenende
    postit

    Eine Leserempfehlung
    • bigbull
    • 23. Februar 2013 13:28 Uhr

    Anzunehmen ist daß der ehemalige Außenminister der BRD
    diese Aussagen der Madame Albright vorzulegen hatte um
    das OK einzuhohlen.

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