"FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher (Archivbild) © Corinna Knuetel/Bongarts/Getty Image

Als kürzlich das Gerücht die Runde machte, die konservative FAZ würde die pleitegegangene linke Frankfurter Rundschau übernehmen, zuckten ein paar Hartgesottene nur mit den Schultern. Frank Schirrmacher, einer der Herausgeber der FAZ, sei inzwischen so links und sein Feuilleton so kapitalismuskritisch – das falle gar nicht weiter auf. Auch wenn künftig FAZ draufstehe, sei immer noch FR drin.

Ganz falsch ist das nicht. In seinen publizistischen Anfängen hatte Schirrmacher in seinem Feuilleton oft genug vor linken Quälgeistern gewarnt, vor vaterlandslosen Gesellen, Frankfurter Schülern und all den Schreckgespenstern, die systemkritisch in der Diskurslandschaft herumstanden. Dann plagten ihn plötzlich andere Sorgen. Schirrmacher schrieb ein Buch über das alternde Deutschland (Das Methusalem-Komplott), inzwischen verfasst er alarmistische Texte über die Pest der modernen Welt, den Finanzkapitalismus. Aufhorchen ließ zuletzt sein Eingeständnis: "Ein Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie entpuppt sich als das erfolgreichste Resozialisierungsprogramm linker Gesellschaftskritik." Mit nur einem Satz zerschnitt Schirrmacher das goldene Band zwischen Konservativen und Neoliberalen, nachdem es die Anhänger von Maß und Mitte verblüffend lange mit den Predigern von Enthemmung und Exzess ausgehalten hatten.

Der Finanzmarktkollaps hat Schirrmacher nicht ruhen lassen, er hat seine Artikel noch einmal hervorgeholt und mit viel Schwung in ein Buch gegossen, von dem Fachleute vermutlich behaupten, darin stünde nichts, was sie nicht längst schon wüssten. Aber die Sache ist packend geschrieben, ohnehin ist der Autor ein rhetorischer Kosmiker, für den eine Formulierung gar nicht hoch genug greifen kann. Mit Riesenschritten rennt Schirrmacher in seinen handgenähten Epochenstiefeln durch die Weltgeschichte, wobei man als Leser zuweilen um all die Tatsachen fürchtet, die sich ihm empirisch in den Weg stellen. Diesmal beteiligt er sich an dem Fragespiel, das die Intellektuellen derzeit in Atem hält: Was treibt unser Zeitalter an, was ist sein "Wesen"? Ist es die Beschleunigung von allem und jedem? Oder das Kapital? Oder die Globalisierung der Demokratie?

Schirrmachers Antwort ist, moderat formuliert, eindrucksvoll. Für ihn sind wir Zeugen davon, wie gerade ein neuer Mensch programmiert wird, eine neue Gesellschaft oder, um für Soziologen verständlich zu bleiben: eine neue Kodierung des Sozialen. Alles, in dem ein Funke menschlichen Lebens steckt, wird auf Marktförmigkeit umgestellt – die Herrschaft des "Informationskapitalismus" legt ein Raster über die Welt, dem niemand entkommt. In diesem Raster gibt es nur eine Vernunft, nämlich den Eigennutz, und es existiert nur ein Sozialcharakter, der rationale Egoist. In der neuen Welt des Informationskapitalismus ist alles ein Investment, und alles, von den Träumereien eines einsamen Spaziergängers bis zum Kinderkriegen, muss sich rechnen, alles Tun und Trachten folgt der Ökonomie des selbstsüchtigen Herzens. Und wer bei der Totalbewirtschaftung des Lebens nicht mitspielt, landet in der Gosse.

Lesern von Wirtschaftsteilen in Zeitungen kennen diesen Typus als Homo oeconomicus, als eine Kopfgeburt aus den Ideenlabors von Wissenschaftlern. Gegen diesen blutleeren Modellmenschen, für den das Leben eine einzige Gewinn- und Verlustrechnung ist, war bislang wenig zu sagen. Es war ja nur ein stubenbleiches Artefakt zur Berechnung von Marktverhalten, ein mathematischer Schatten aus den Denkerstuben der Ökonomen.

Damit ist es vorbei. Im Informationskapitalismus, schreibt Schirrmacher in seinem Buch Ego: Das Spiel des Lebens, gilt das nicht mehr. Der Homo oeconomicus hat das Labor verlassen und ersetzt den naturbelassenen Altmenschen auch in der Wirklichkeit. Der normale Bürger denkt, fühlt und handelt genau so, wie es sich die Wissenschaftler für ihn ausgedacht haben, er verwandelt sich in ein Rechenmodell und verschmilzt mit seinem theoretischen Schatten. Das wahrhaft "Menschliche" ist jetzt das Ökonomische ("Unterm Strich zähl ich"), oder etwas eleganter mit Michel Foucault gesagt: Der (alte) Mensch "verschwindet wie ein Gesicht im Sand", er verwandelt sich in den rationalen Spieler. Er lächelt, um zu gewinnen, er kooperiert, um den anderen auszutricksen, er ist ehrlich, um zu betrügen. Wenn er spricht, weiß niemand, ob er blufft oder die Wahrheit sagt. Schön ist das Leben in der Gesellschaft der ökonomischen Menschen nicht, denn das Leben ist Krieg, und Krieg ist Leben. Like it!

Schirrmachers Buch lebt von seinen Übertreibungen und schrillen Zuspitzungen, es ist auch kein Tatsachenbericht, sondern eine Trendbeschreibung. Für seine Ausgangsthese zitiert der Autor zentnerweise Literatur, und diese These wäre auch dann noch originell, wenn sie bei näherer Überprüfung zusammenbräche wie das Kartenhaus der Lehman Brothers. Die These, die durchaus an eine Agentenfantasie erinnert, geht so: Der Kalte Krieg wurde von den Amerikanern (auch) mithilfe der Spieltheorie gewonnen, also einer Theorie, die mit komplizierten Formeln zeigt, mit welchen Schachzügen man den Gegner niederringt in der Gewissheit, dass dieser genau dasselbe vorhat. Doch dann war der Kalte Krieg plötzlich zu Ende, und die Spieltheoretiker wurden arbeitslos. Wo landeten sie? Genau: in der Wall Street.