Goebbels-Rede : Das große Heldenopfer
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 Die Idee vom Heldentod gab es schon 1918

Im Oktober 1918, als der Krieg für Deutschland verloren war, entstand im Kreis der Obersten Heeresleitung die Idee des »Königtodes«. Die Generalstabsoffiziere stellten sich vor, Kaiser Wilhelm II., der zugleich König von Preußen war, könne durch einen inszenierten Heldentod an der Front die Schmach der Niederlage mindern und damit die Ehre der Monarchie retten. Es kam, wie wir wissen, etwas anders. Im November 1918 begab sich Wilhelm bei Nacht und Nebel über die belgisch-niederländische Grenze ins Exil. Nicht wenige deutsche Offiziere legten ihm dies als Fahnenflucht aus und sagten sich damit innerlich von der Monarchie los.

Ein Dreivierteljahr später empörte man sich in Deutschland über die harten Friedensbedingungen der Siegermächte. Eine Offizierskamarilla hielt »Kriegsrat« und überlegte ernsthaft, ob Deutschland den Waffenstillstand von Compiègne brechen und die Kriegshandlungen wieder aufnehmen solle. Auch der bekannteste unter den deutschen Heerführern, Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, mischte sich ein. In einem Telegramm an den sozialdemokratischen Reichswehrminister Gustav Noske vom 17. Juni 1919 stellte er zunächst ganz nüchtern fest, dass jedes Weiterkämpfen aussichtslos sei, und legte als logische Konsequenz die Unterzeichnung des Friedensvertrages nahe. Dennoch müsse er »als Soldat den ehrenvollen Untergang einem schmählichen Frieden vorziehen«. Bei der Formulierung dieses Telegramms spielten wohl in erster Linie propagandistische Motive eine Rolle. Mit der Beschwörung des soldatischen Mythos vom »ehrenvollen Untergang« wollte sich der Feldmarschall jenen Nationalisten empfehlen, denen militärische Ehrbegriffe wichtiger waren als nüchterne Politik.

Pathetische Untergangsfantasien geistern auch durch die Weimarer Zeit. Im Kreise der rechtsradikalen Freikorps spielen sie keine geringe Rolle. Und just zum Ende der Republik, Anfang 1933, läuft in den Kinos der Ufa-Film Morgenrot an, ein militaristisches Marine-Melodram, das in den Tagen des Ersten Weltkriegs spielt. Zur Premiere in Berlin am 2. Februar erscheint der soeben zum Reichskanzler ernannte Hitler mit seinem Kabinett. In diesem Film sagt ein U-Boot-Kommandant namens Liers zu seiner Mutter: »Leben können wir Deutsche vielleicht schlecht, aber sterben können wir jedenfalls fabelhaft.« Eine geisterhafte Episode, die von heute her betrachtet fast schon prophetisch anmutet.

So erließ Admiral Erich Raeder am 22. Dezember 1939 eine Weisung, die den kollektiven Selbstmord für die Marine verbindlich machte: »Das deutsche Kriegsschiff kämpft unter vollem Einsatz seiner Besatzung bis zur letzten Granate, bis es siegt oder mit wehender Fahne untergeht.« Eines der Schlachtschiffe, die diesem Befehl gemäß sanken, war die 1939 in Dienst gestellte Bismarck.

Als sie im Mai 1941 im Nordatlantik von den Briten zusammengeschossen worden war, befahl ihr Kommandant Ernst Lindemann die Selbstversenkung. 2106 Seeleute kamen dabei um, nur 115 wurden gerettet. Lindemann selber, so heißt es in Berichten Überlebender, habe »militärisch grüßend, die Hand an der Mütze«, vorn am Bug gestanden, »vor der Fahne salutierend, einem Standbild gleich, Ausdruck eisernen Willens«. Noch am Abend vor dem Untergang hatte Lindemann einen pathetischen Funkspruch nach Berlin absetzen lassen: »Wir kämpfen bis zum Letzten im Glauben an Sie, mein Führer, und im felsenfesten Vertrauen auf Deutschlands Sieg.« Das Durchschnittsalter der umgekommenen Soldaten betrug 21 Jahre.

Im Dezember 1943 tat es im Nordmeer Fritz Hintze, der Kapitän des Schlachtschiffes Scharnhorst, Lindemann nach. Hier starben 1932 Seeleute in den eisigen Fluten.

Hitler zeigte sich beeindruckt. Noch in seinem bereits zitierten »politischen Testament« preist er 1945 die Marine emphatisch: »Möge es dereinst zum Ehrbegriff des deutschen Offiziers gehören – so wie dies in unserer Marine schon der Fall ist –, dass die Übergabe einer Landschaft oder einer Stadt unmöglich ist und dass vor allem die Führer hier mit leuchtendem Beispiel voranzugehen haben in treuester Pflichterfüllung bis in den Tod.«

Höhepunkt der Untergangsverklärung allerdings bleibt die Stilisierung von Stalingrad. Schon bald nach der Einkesselung der 6. Armee durch die sowjetischen Truppen erwartete Hitler von den 260.000 Soldaten, dass sie »bis zum letzten Mann« und »bis zur letzten Patrone« kämpften. Nachdem ihre aussichtslose Lage klar war, sollten sie »untergehen« – sei es durch die Hand des Feindes, durch Hunger, Kälte oder durch Selbstmord.

Indem die Propaganda das militärische Desaster auf die Höhe eines kollektiven Opfertodes hob (selbst die Nibelungen wurden von Hermann Göring bemüht), zielte sie in die Sphäre des Erhabenen. Mit quasireligiösen Begriffen wie »heiliger Schauder«, »Ehrfurcht«, »Allmacht«, »Vorsehung« und »Glauben« verschrieben sich Hitler, Göring und Goebbels schon zu diesem Zeitpunkt einer systematischen »Derealisierung«.

So beförderte Hitler noch Ende Januar 1943 den ranghöchsten Offizier im Kessel, Generaloberst Friedrich Paulus, zum Feldmarschall und würdigte ihn als »den heldenhaften Verteidiger von Stalingrad«. Mit der Auszeichnung verband Hitler allerdings eine Erwartung: Statt zu kapitulieren, sollte Paulus Selbstmord begehen und damit allen anderen Offizieren der Wehrmacht ein Beispiel dafür geben, was man in Berlin von den Führern einer besiegten Armee erwartete.

Die in Stalingrad eingeschlossenen Generäle zeigten sich jedoch keineswegs zur Selbsttötung bereit. Hitler geriet außer sich, als er erfuhr, dass Paulus wenige Stunden nach seiner Beförderung zusammen mit zahlreichen Generälen und Stabsoffizieren in Gefangenschaft gegangen war. In einem Gespräch mit Goebbels wenige Tage vor der Sportpalastrede bekräftigte der »Führer« noch einmal, von »uns« werde man »niemals das Wort Nachgiebigkeit oder Kapitulation« hören – womit Hitler, wie der Hamburger Historiker Bernd Wegner überzeugend dargelegt hat, bereits seine Untergangsstrategie von 1944/45 ankündigte.

Dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden konnte, war den meisten Deutschen allerspätestens im Herbst 1944 klar; da hatten die Amerikaner Aachen als erste deutsche Großstadt eingenommen und strebten zum Rhein. Selbstverständlich durfte diese Einsicht in das Unvermeidbare nicht geäußert werden. Wer es dennoch tat, riskierte, von einem Standgericht wegen »Wehrkraftzersetzung« zum Tode verurteilt und ermordet zu werden. Zugleich lief die Propaganda auf Hochtouren. Zum »Modell« wurde dabei Stalingrad: Wie einst die 6. Armee an der Wolga, so sollte jetzt die gesamte deutsche Nation kämpfend untergehen.

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