Goebbels-Rede : Das große Heldenopfer
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Für Hitler gab es nur Sieg oder Zerstörung

Am 19. März 1945 erklärte Hitler seinem Rüstungsminister Albert Speer: »Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das deutsche Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil, es ist besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk hat sich als das schwächere erwiesen, und dem stärkeren Ostvolk gehört ausschließlich die Zukunft. Was nach diesem Kampf übrigbleibt, sind ohnehin nur die Minderwertigen, denn die Guten sind gefallen.«

»Sein oder Nichtsein!«, »Endsieg oder Untergang!« hießen jetzt die Parolen. Dadurch wurden die Deutschen mit der Vorstellung vertraut gemacht, dass es keinen Waffenstillstand und keinen Friedensschluss geben werde und sie stattdessen zum »fanatischen Durchhalten« bereit sein müssten. »Kraft durch Furcht« lautete nun die Maxime der Propaganda. Sie zeichnete die Gefahren, die den Deutschen im Fall der Niederlage drohten, in denkbar dramatischer Weise. Vor allem sollte suggeriert werden, die Feindmächte seien entschlossen, das deutsche Volk »auszurotten«. Wie unschwer zu erkennen, projizierte man so die eigene Vernichtungspolitik auf die alliierten Kriegsgegner.

Darüber hinaus sollte jeder Zentimeter deutschen Bodens bis zur völligen Vernichtung verteidigt werden. Der »Führerbefehl Nr. 11« vom 8. März 1944 verpflichtete die Kampfkommandanten »Fester Plätze«, sich äußerstenfalls vom Gegner einschließen zu lassen und keinesfalls aus eigenem Entschluss auszuweichen oder gar die Waffen zu strecken, sondern den Ort »bis zum Letzten zu halten«. Schließlich nahm der Befehl Hitlers vom 19. März 1945 über »Zerstörungsmaßnahmen im Reichsgebiet« – später als »Nero-Befehl« bezeichnet – die eigene Zivilbevölkerung, eigene militärische Verkehrs-, Industrie- und Versorgungsanlagen ins Visier.

In der Schlussphase des Krieges zwang das Regime alte Männer, Frauen und Kinder zu »freiwilligen« Kriegs- und Kriegshilfsdiensten. Die Militarisierung der nationalsozialistischen »Volksgemeinschaft« erlebte ihren Höhepunkt. Gleichzeitig wurde die Kriegsführung selbst immer radikaler. Gegen jede Regung des gesunden Menschenverstands erzwangen die politischen und militärischen Spitzen des NS-Regimes die Verteidigung des Reiches und damit zugleich ihrer Herrschaft. »Hass« sollte die Kraft verleihen, den Feind »überall mit aller Unnachgiebigkeit und Unerbittlichkeit« zu bekämpfen, und zwar »bis zum letzten Atemzug«. Der Chef der NSDAP-Parteikanzlei und Reichsleiter Martin Bormann, Hitlers rechte Hand, gab die unmissverständliche Devise aus: »Siegen oder fallen!«

Zu den »Festen Plätzen«, die seit März 1944 unter keinen Umständen preisgegeben werden durften und bis zum Untergang zu halten waren, gehörten zuletzt Königsberg, Breslau, Gnesen und auch die Festung Posen. In der Hauptstadt des damaligen Warthegaus standen im Januar 1945 noch etwa 15000 schlecht ausgebildete deutsche Soldaten. Als Zweifel aufkamen, ob Generalmajor Ernst Mattern die Festung »bis zum letzten Mann« verteidigen werde, löste der Befehlshaber des Ersatzheeres, Heinrich Himmler, ihn ab und ersetzte ihn durch den Obersten Ernst Gonell, der die Garantie dafür zu bieten schien, dass eine Kapitulation nicht infrage kam.

Entsatz oder Ausbruch waren daher die einzigen Rettungsmöglichkeiten für die von der Roten Armee eingeschlossenen Soldaten. Da das Führerhauptquartier keinen Ersatz sandte und Kapitulation und Ausbruch untersagte, kamen in den Endkämpfen um die Festung Posen mehr als zehntausend Männer ums Leben. Kurz bevor Soldaten der Roten Armee seinen Gefechtsstand eroberten, tötete sich Oberst Gonell Ende Februar 1945 selbst. Das war die Pflichterfüllung bis zuletzt, wie Hitler sie sich vorstellte.

Es ist noch nicht abschließend erforscht, wie viele hohe Funktionsträger des Regimes – die Wehrmacht eingeschlossen – sich bei Kriegsende selbst töteten und so, dem »Führer« getreu, ihren ganz persönlichen Untergang wählten. Bekannt ist, dass von den 43 NSDAP-Gauleitern, die zuletzt im Amt waren, sich elf das Leben nahmen, also jeder vierte.

Suizid begingen auch, wie Josef Folttmann und Hanns Möller-Witten bereits 1953 bilanzierten, etliche führende Männer der Geheimen Staatspolizei und des Reichssicherheitshauptamts, dazu Höhere SS- und Polizeiführer (nämlich sieben von 47). Mit ihnen wählte eine beachtliche Zahl von Generälen der Wehrmacht und der Waffen-SS den selbstzerstörerischen Weg in den Untergang. Folttmann/Möller-Witten nennen 35 Generäle des Heeres, sechs Generäle der Luftwaffe, acht Admiräle der Marine und 13 Generäle der Waffen-SS.

Besonders in den östlichen Regionen Deutschlands, die 1945 von der Roten Armee erobert wurden, machten viele verzweifelte Deutsche ihrem Leben selbst ein Ende. Insgesamt sollen sich Zehntausende während der letzten Kriegswochen das Leben genommen haben, Schuldige und Unschuldige, Nazi-Größen, Gestapo-Beamte und kleine Mitläufer, die zum Teil ihre Familien mit in den Untergang rissen. Manche Historiker sprechen gar von 100.000 Selbstmordfällen.

Die wahnhafte Vorstellung vom Heldenkampf und heroischen Untergang, wie sie die Militärtradition des 19. Jahrhunderts ausgeprägt hat, ist in Deutschland nach 1945 komplett verschwunden. Die Erinnerung daran befremdet nur noch. Die vermeintlich so todessüchtigen Deutschen haben wahrlich zu leben gelernt und ertragen heute gelassen den Vorwurf von Bellizisten diesseits und jenseits des Atlantiks, sie seien nach 1945 ein »postheroisches« Volk geworden. Siebzig Jahre nach Goebbels’ Rede im Sportpalast kann man nur sagen: Gut so.

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