Goebbels-RedeDas große Heldenopfer

Mit Goebbels' Sportpalastrede begann das "Dritte Reich" vor 70 Jahren die Inszenierung des eigenen Untergangs. Eine Inszenierung ganz in der Militärtradition des 19. Jahrhunderts. von Wolfram Wette

Lisso Selbstmorde Nationalsozialismus Leipzig

Diese Aufnahme entstand am 18. April 1945 im Leipziger Neuen Rathaus. Sie zeigt die Leichen des Vize-Oberbürgermeisters Ernst Kurt Lisso (am Schreibtisch), seiner Frau Renate Stephanie und deren Tochter Regina. Die Familie hatte sich mit Zyanid das Leben genommen, nachdem Leipzig von US-Soldaten eingenommen worden war.  |  Public Domain

Es sollte seine größte Rede werden. Unter dem Motto »Totaler Krieg – Kürzester Krieg« rief Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast zur umfassenden Mobilmachung auf. Wenige Tage zuvor hatten die Reste der 6. Armee in Stalingrad kapituliert. Dies gestand die NS-Führung jedoch nicht ein, sondern verklärte die desaströse Niederlage zu einem Heldenepos – frei nach dem katholischen Nazi- und Arbeiterdichter Heinrich Lersch: »Sie starben, damit Deutschland lebe.«

Schon in seiner Rede zum 10. Jahrestag der »Machtübernahme« am 30. Januar 1943 hatte Goebbels die Deutschen wissen lassen: »Für uns aber war es seit jeher feststehender und unumstößlicher Grundsatz, daß das Wort Kapitulation in unserem Sprachschatz nicht existiert.« Nun pries er vor mehr als zehntausend Zuhörern im weiten Rund des 1910 errichteten Sportpalastes – wo zu friedlichen Zeiten Boxturniere und Sechstagerennen ausgetragen wurden – das »große Heldenopfer« der Stalingrad-Kämpfer. Ihr unbeirrbarer Glaube an »Führer« und Reich verpflichte alle Deutschen, an der Front wie in der Heimat.

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Es gebe für Deutschland, das machte Goebbels deutlich, nur Sieg oder Untergang. »Der Führer«, so beendete er seine anderthalbstündige Rede, »hat befohlen, wir werden ihm folgen. Wenn wir je treu und unverbrüchlich an den Sieg geglaubt haben, dann in dieser Stunde der nationalen Besinnung und der inneren Aufrichtung. Wir sehen ihn greifbar nahe vor uns liegen [...]. Wir müssen nur die Entschlußkraft aufbringen, alles andere seinem Dienst unterzuordnen. Das ist das Gebot der Stunde. Und darum lautet die Parole: Nun, Volk, steh auf, und Sturm, brich los!«

Wolfram Wette
Wolfram Wette

Jahrgang 1940, ist Professor (em.) für Neueste Geschichte an der Universität Freiburg.

Mit den letzten Worten seiner Rede zitiert Goebbels Theodor Körner, der zur Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon nationalistische Kampflieder schrieb. Aus jenen Jahren stammt auch der Begriff des »totalen Kriegs« selbst: Der preußische Reformgeneral Carl von Clausewitz benutzt ihn in seinem Buch Vom Kriege. Vor allem aber finden wir just bei diesem kühlen Theoretiker der Kriegskunst schon jene raunende Beschwörung des heldenhaften Opfergangs, die Goebbels’ Rede durchzieht: Er würde sich, schreibt Clausewitz 1812, »nur zu glücklich fühlen, einst in einem herrlichen Kampfe um Freiheit und Würde des Vaterlandes einen glorreichen Untergang zu finden«.

Hitler selbst hat diese Clausewitz-Passagen früh verinnerlicht und sie zum festen Bestandteil seiner politischen Überzeugungen und zur »Richtschnur meines Handelns« gemacht. In vielen seiner Kriegsreden zitiert er Clausewitz’ pathetische Idee des Untergangs, und noch in seinem finsteren »politischen Testament«, verfasst kurz vor seinem Selbstmord im Berliner Bunker Ende April 1945, beruft er sich auf den »grossen Clausewitz« und hofft, nach einem ehrenvollen Untergang des deutschen Volkes werde es früher oder später zu einer »strahlenden Wiedergeburt der nationalsozialistischen Bewegung« kommen.

Heldenhaft in den Untergang, kompromisslos bis zum Ende – das alles ist eben nicht genuin nationalsozialistisch, sondern nationalistische Militärideologie des 19. Jahrhunderts. Vor allem die viel gelesenen Barden der Befreiungskriege priesen den Tod fürs Vaterland als höchste Sinngebung – erinnert sei nicht nur an Körner, sondern auch an die »patriotische« Lyrik Ernst Moritz Arndts oder Max von Schenkendorfs: »Heldenwangen blühen / Schöner auf im Tod.«

Der Historiker René Schilling hat die Ideengeschichte der deutschen »Kriegshelden« zwischen 1813 und 1945 untersucht und dabei eine lange Tradition des Untergangskults erschlossen. Gegen Ende des Kaiserreichs und während des Ersten Weltkriegs erfuhr dieses »heroische Denken« eine Renaissance in rasch populär gewordenen Werken wie Rainer Maria Rilkes Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke oder Walter Flex’ Roman Wanderer zwischen den Welten. Neben Rilke und Flex huldigten noch etliche andere Autoren dem »Kult der bedingungslosen, nicht nach Erfolg trachtenden Hingabe«, wie Schilling es nennt. So schrieb der Germanist Gustav Roethe 1915, »das Kostbare an der ›deutschen Treue‹« sei »das rückhaltlose Einsetzen des ganzen Menschen, das nicht dingt, nicht wägt, nicht schwankt, sondern durchhält bis zuletzt, und mag der Erdball darüber in Trümmer gehen«.

Leserkommentare
  1. "Dulce et decorum est ..."; "Gib mir Freiheit oder Tod!" - solche Phrasen können freilich nur der deutschen Militärtradition des 19. Jahrhunderts entsprungen sein, oder etwa doch nicht? Liebe ZEIT-Journalisten, der Heldentod wurde und wird in so ziemlich allen Kulturen zelebriert. Und ihr wirres Weltbild haben sich die Nationalsozialisten nicht nur aus heimischen Ideen zusammengeklaubt.

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  2. Mag ja sein dass nach 1945 die Glorifizierung des militärische Heldentod in Deutschland ausgestorben ist,

    aber entweder - oder Denken gibt es nicht nur auf militärischen Gebiet.

    Es ist schon erschreckend, dass das Wort "alternativlos", in
    unterschiedlichen Kontexten die Runde macht.

    Hört sich irgendwie nach Clauswitz an.

    17 Leserempfehlungen
    • Netiew
    • 21. Februar 2013 7:02 Uhr

    Ihr sterbt für euer Vaterland - diese Propagandalüge der deutschen Kriegsparteien im 1. u. 2. WK bildete das geistige Fundament für das 'Heldentum' der Soldaten. Die meisten haben daran geglaubt und sie wirkt noch heute.
    Diejenigen, die rechtzeitig erkannten, dass sie von Verbrechern geführt werden und sich absetzten, gelten noch heute für viele als Verräter.

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  3. Gerade die Sportpalastrede ist ein gutes Beispiel dafür, dass man vorsichtig sein muss, eine überhebliche Position im Stil einzunehmen: wie konnten die nur darauf reinfallen.

    Wir haben damals im Geschichts-LK bei einem auch ansonsten hervorragenden Lehrer die vollständige Sportpalastrede gehört. Halbverdunkelter Raum, keiner sollte reden, keiner "durfte raus".

    Die Rede ist rhetorisch so brillant aufgebaut und inszeniert, dass selbst wir, die wir aus ansonsten völlig Watte gepackter, ungefährdeter Situation heraus, nicht schon vorgeprägt, nachempfinden konnten, dass die Massen auf die Frage: Wollt ihr den totalen Krieg? JA gebrüllt haben.

    Diese Erfahrung hat mich viel Demut gelehrt! Sie wirkt bis heute, fast 40 Jahre später.

    Demut davor, nicht überheblich zu sein, wenn es darum geht, andere zu be-, zu verurteilen, wenn sie in bestimmten Situationen charismatisch und rhetorisch geschickten Rattenfängern folgen, Demut davor, dass es aktive Arbeit an sich selbst und wirkliche Auseinandersetzung mit der Person oder Sache bedeutet, wenn man Dinge, Situationen, Personen beurteilt.

    Ich bin diesem Lehrer dafür (und für noch einige andere Dinge) bis heute sehr dankbar. Ich würde mir wünschen, dass so etwas zum Pflichtprogramm für Schüler wird, mindestens in der Oberstufe.

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    Hitlerreden oder Goebbelsreden im Unterricht der Oberstufe...

    Das da alle ja gebrüllt haben, kann man verstehen wenn man sich den Film life reinzieht.

    Pädagogisch gesehen halte ich das für sehr problematisch, ehrlich gesagt.

    Wenn es darum geht den Missbrauch von Rhetorik zu vermitteln, ist es meineserachtens hilfreicher und schärfender für das Bewußtsein, wenn die Schüler aufgeklärt werden über rhetorische sprachliche Mittel. Das erfordert eine genaue Textanalyse und eben die Kenntnis rhetorischer Mittel, die ganz schön umfangreich sind. Natürlich fällt das eher in den Deutschunterricht, jedoch auch in der Geschichte ist Quellenstudium von Texten häufig aufklärender als das sehen von Filmen. Wenn man Filme sich ansieht, erweitert man die Rhetorik auf die Filmsprache, dass heißt filmische Darstellungsmittel müssen ebenfalls thematisiert werden, ganz schön komplex das ganze. Das wäre dann ein Projet von mindestens 4 Wochen, wenn nicht sogar einem halben Jahr.

    Die Nationalsozialistische Ästhetik ist ebenfalls ein Thema für den Kunstunterricht. Die filmische Ästhetik des Nationalsozialismus liegt also in der Schnittmenge von Geschichte, Deutsch und Kunst.

    Meistens leistet der Unterricht jedoch nicht diesen komplexen Zugang.

    Darüber hinaus: Rhetorik, Ästhetik, Film sind eben Mittel die für das Gute und das Böse eingesetzt werden können.

    Damit spricht diese Thematik "Sportpalastrede" auch noch das Fach Religion an.

    Alles andere ist UNVERANTWORTLICH.

    • Moin.
    • 22. Februar 2013 0:27 Uhr

    Dass es in Ihrer Schule vor 40 Jahren Leistungskurse gab...

    Interessant, daß es das noch gibt!

    Mir wurden Nazi-Reden in voller Länge immer vorenthalten, obwohl sie mich brennend interessiert hätten, um mir ein Bild zu machen.
    Wie die meisten anderen kenne ich leider auch nur die unvermeidlichen Auszüge.

    Vollends unter der Gürtellinie ist es immer, wenn Goebbels’ Sportpalastrede als ‘Beweis’ herhalten soll, “die Deutschen” hätten Hitler ja zugejubelt. Einem ausgewählten Publikum, vermutlich noch leicht alkoholisiert, nach einer massenpsychologisch ausgeklügelten, aufpeitschenden Inszenierung die Frage “Wollt Ihr den totalen Krieg?” zu stellen, erfüllt nicht gerade die Kriterien einer repräsentativen Umfrage...

  4. damit geht man nur noch nachträglich den Nazis auf den Leim die mit Clausewitz mehr als Mißbrauch sicher nichts zu tuan haben.....

    7 Leserempfehlungen
  5. ...in der Zeit? Mittlerweile leider oft eine Falschaussage. Es war auch nicht Clausewitz, der den Begriff "Totaler Krieg" erstmals verwendete. Genauer gesagt, er hat ihn überhaupt nicht verwendet. Clausewitz sprach vom absoluten Krieg. Der totale Krieg in seiner heutigen Bedeutung ist eher ein Konstrukt Ludendorffs. Die Mobilisierung aller wirtschaftlichen Ressourcen eines Landes im und für den Krieg gelang erstmals Rathenau im Ersten Weltkrieg. Und wo Clausewitz in seinem Hauptwerk den alles mit sich reißenden Untergang für den Fall einer Niederlage beschrieben hat, wüsste ich auch gern.

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    Antwort auf "Unsauber..."
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    einfach niveaulos.
    Clausewitz war 1812 in russischen Diensten.
    Er schaute sich damals das Scheitern MacDonalds vor Riga an.

    Das Zitat aus dem Brief kann eher so gemeint sein, dass wenn er persönlich bei dem "Befreiungskampf" aus reinem Pech selbst sein Leben verlöre es auch nicht schlimm sei, da man, man mit hoher Wahrscheinlichkeit siegen würde.

    Denn die Franzosen befanden sich komplett in der Defensive.
    Sowohl in Russland, wo gar nicht soviele frz. Truppen Standen, als auch in Spanien, wo die brit-port. Truppen im Sommer 1812 über 10..00 frz. Verluste verursachten, von der Guerillia ganz abgesehen.

  6. Dieser Militarismus des Kaiserreiches ist auch eher eine Floskel, als wirklich substantiert.
    Ende des 19. Jahrhunderts waren alle Mächte in Europa mehr oder minder militaristisch, sei es Großbritannien, Frankreich oder Deutschland, auch Russland.
    Von den kleinere Staaten auf dem Balkan gar nicht zu reden.

    Das in Russland und Frankreich eher Schlendrain geherrscht hat, als in Deutschland und Großbritannien ändert nichts an der Sache. Auch das man sich in den Kolonien mehr der Legion Entrange bediente.

    Clausewitz hat nun etwa genauso viel mit Militarismus zu tun, wie Sun Tzu.

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  7. Republik befindet sich politisch auf Position "scapa flow."
    Bezogen auf die EU-Politik.

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    Was soll das denn bitte heißen? Welchen Zusammenhang sehen Sie da?

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