HolocaustAuf dunklem Grund

In Berlins alter Mitte ist ein gemeinsames Bethaus für Juden, Christen und Muslime geplant. Die Kirche, die dort einst stand, war die Wirkungsstätte des mutmaßlichen Judenmörders Walter Hoff. von Manfred Gailus

Mitten in Berlin stand bis 1964 die Ruine der Petrikirche. Dann ließ die Ostberliner Verwaltung sie sprengen. Seit 2007 wird auf dem Gelände unweit des Roten Rathauses, wo sich der neugotische Bau einst befand, gegraben. Archäologen legten an diesem Ursprungsort der Doppelstadt Berlin-Cölln staunenswerte Dinge frei: Reste einer Lateinschule, Gebeine hier bestatteter Menschen und die Relikte von drei alten Petrikirchen; deutlich zeichnen sich die Grundmauern des letzten Baus von 1853 ab.

Auf diesen Fundamenten nun soll ein neuer Bau entstehen: das Bet- und Lehrhaus Petriplatz – ein Gebäude für Juden, Muslime und Christen, das drei separate Sakralräume für die drei Religionen und einen Zentralraum für den Dialog vorsieht. Nach dem Willen der Initiatoren soll hier gemeinsam gebetet und gefeiert werden; zugleich soll es ein Ort der »Lehre über die Religionen, ihre Geschichte und ihre gegenwärtige Rolle in Berlin und im Land« werden.

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Das hört sich gut an. Aber wissen die Initiatoren aus der evangelischen Kirche, der jüdischen Gemeinde und den islamischen Verbänden eigentlich, auf welchen Fundamenten sie ihr gemeinsames Haus da bauen wollen?

Im April 1933 zelebrierten nationalsozialistische Christen der Gemeinden St. Petri und Luisenstadt, die sich Deutsche Christen nannten, in St. Petri einen Festgottesdienst zum »Führergeburtstag«. Pfarrer Karl Themel – ein sippenforschender Theologe und später Mittäter beim Holocaust – pries in seiner Predigt die tiefe Religiosität des neuen Kanzlers: Der von Gott gesandte »Führer« habe hier, in der roten Hochburg des »Fischerkiezes«, jene harten braunen Gesellen erstehen lassen, die dem Spuk der Gottesverleugner ein Ende gemacht und die Kirche aus großer Gefahr gerettet hätten. An jenem Gottesdienst nahmen auch zwei SA-Stürme teil. Nach dem Gottesdienst grüßte die vor St. Petri versammelte Menge die Fahnen der SA mit dem Horst-Wessel-Lied.

Er preist Hitlers segensreichen Kampf gegen das »Weltjudentum«

Wie viele andere Gemeinden im Zentrum Berlins schrumpfte St. Petri in den dreißiger Jahren stark. Nur zwei der vier Pfarrstellen waren 1933 noch besetzt. Die beiden Amtsinhaber befanden sich im Pensionsalter. Von der braunen Welle der Deutschen Christen in der Kirche wurden sie überrollt. Am Pfingstsonntag 1934 feierten die Deutschen Christen in der Kirche erneut, diesmal eine Fahnenweihe. Das Tuch trug das Christenkreuz, vereint mit dem Hakenkreuz.

Zur eigentlichen Wachablösung kam es 1936, als zwei neue Geistliche ihren Dienst antraten, darunter Walter Hoff. 1890 in Eulenburg (Posen) geboren, amtierte Hoff nach seinem Studium in Halle, Königsberg und Berlin zunächst in Norddeutschland, seit 1930 an der Charlottenburger Luisengemeinde. Hier machte er als Nazi-Pfarrer gleich von sich reden. Wiederholt rühmte er sich, am Totensonntag 1931 als erster Geistlicher Berlins einen Gottesdienst für die »gefallenen Nationalsozialisten« gehalten zu haben. Goebbels hatte ihm ein Dankschreiben geschickt, Hoff reichte es stets stolz herum. Im Frühjahr 1934 wurde er als Konsistorialrat in das Konsistorium der Mark Brandenburg berufen. Für sein neues Amt ließ sich der Pfarrer in SA-Uniform vereidigen. Kollegen der Bekennenden Kirche denunzierte er gern im SS-Organ Das Schwarze Korps.

Über seine tägliche Arbeit in der St.-Petri-Gemeinde ist wenig bekannt. Alle Jahre fuhr er zur Kur und verfasste nebenher eine Doktorarbeit über die Glashütten der Neumark in friderizianischer Zeit. 1940 kam er zur Wehrmacht, Mitte 1941 an die Ostfront. Mit Vorliebe stattete er dem Konsistorium, seiner alten Dienststätte, in Uniform Besuche ab und rühmte sich dabei seines Einsatzes gegen »Partisanen« und »Spione«.

Leserkommentare
  1. Interessant dürften die Schnittpunkte "gemeinsame Nutzung"
    und "Geschlechtertrennung werden. Aber wir werden sehen, ich wünsche dem Projekt ein gutes Gelingen.

    3 Leserempfehlungen
  2. "des mutmaßlichen Judenmörders Walter Hoff." Uuups, das ist gewagt. Worauf Beruhen die Mutmaßungen, gibt es Urteile?

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    Der Kirche lag ein Bekennerschreiben vor:

    "Der Probst zu Berlin, Konsistorialrat Dr. Walter Hoff, hatte seinem Berliner Amtskollegen Oberkonsistorialrat Fichtner am 29. September 1943 mitgeteilt, dass er "in Sowjetrussland eine erhebliche Anzahl von Juden, nämlich viele Hunderte, habe liquidieren helfen"."

    http://einestages.spiegel.de/s/tb/27561/kirche-und-kriegsverbrechen-der-...

  3. Der Kirche lag ein Bekennerschreiben vor:

    "Der Probst zu Berlin, Konsistorialrat Dr. Walter Hoff, hatte seinem Berliner Amtskollegen Oberkonsistorialrat Fichtner am 29. September 1943 mitgeteilt, dass er "in Sowjetrussland eine erhebliche Anzahl von Juden, nämlich viele Hunderte, habe liquidieren helfen"."

    http://einestages.spiegel.de/s/tb/27561/kirche-und-kriegsverbrechen-der-...

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf ""mutmaßlich""
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    Redaktion

    Lieber Leser,

    Geschichtsredakteur Benedikt Erenz und ich haben diesen Aspekt noch einmal diskutiert - auch wir wussten, wie Spiegel online berichtet.

    Die Wahrscheinlichkeit, dass Hoff sich an Erschießungen,
    in welcher Form auch immer, beteiligt hat, ist sehr hoch. Warum sonst hätte er sich einem Kollegen gegenüber damit derart brüsten sollen? Warum sonst wäre er aus Berlin geflohen? Warum sonst hätten ihn die Engländer
    als Kriegsverbrecher eingestuft?

    Hoffs eigene Erklärung nach 1945, er habe das nur geschrieben,
    um seine Regime-Treue zu belegen, ist offensichtlicher Mumpitz. Dass er ein glühender Nazi und Antisemit
    war, stand damals und steht heute außer Frage.

    Es ist dringend nötig, dass die evangelische Kirche nach Jahrzehnten der Vertuschung endlich diesen Fall aufklärt.

    Doch de facto sind die genauen Umstände der Taten, derer sich Hoff in seinem Schreiben rühmt, bis heute nicht geklärt worden. Dies müsste wie gesagt dringend geschehen. Doch bis das nicht passiert ist, ist es korrekt, das Wort "mutmaßlich" zu gebrauchen.

  4. Fassen wir es einmal zusammen:

    Auf dem Gelände, auf dem früher mal eine Kirche stand, war kurze Zeit auf ein nationalsozialistischer Pfarrer tätig. (Von 1934 -1940) Zitat: "Über seine tägliche Arbeit in der St.-Petri-Gemeinde ist wenig bekannt." Also auch nicht darüber, dass er aus der Kirche "einen Hort des Bösen" gemacht hätte.

    Weiter: "Hier wurde er zunächst als »Kriegsverbrecher« eingestuft, im Herbst 1946 jedoch entlassen."

    Folgendes ist schon reine Spekulation: "Sie deckte einen Mann, der den Engländern als Kriegsverbrecher galt und der mutmaßlich am Holocaust beteiligt war."

    Die Engländer wussten wohl recht schnell, dass sie einen strammen Nazi vor sich hatten. Aber trotzdem wurde er entlassen. Von dem Autor hätte ich hier doch ein paar mehr Details erwartet. Genauso wie für den Vorwurf der Holocaust-Beteiligung.

    Und selbst, wenn... Was hat das Mit dem Ort der ehem. Kirche zu tun? Hier wird einen Nazi doch etwas zuviel Aufmerksamkeit zu teil. Das bekommt langsam religiöse Züge.

    4 Leserempfehlungen
    • eins2
    • 12. Februar 2013 19:29 Uhr

    in der Kirche. Was soll man davon halten? Dieser Verbrecher im Kirchendienst hat doch nicht im Dunkeln gewirkt, nein, vor aller kirchenwichtigen Augen.

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  5. "Das hört sich gut an. Aber wissen die Initiatoren aus der evangelischen Kirche, der jüdischen Gemeinde und den islamischen Verbänden eigentlich, auf welchen Fundamenten sie ihr gemeinsames Haus da bauen wollen?"
    was soll die suggestivfrage? welchen grund sollte es geben zu unterstellen, sie wüssten es möglicherweise nicht? weil immer alle schlauer sind als die kirche? oder ist es ausgesprochenes insiderwissen, welches der autor hier preisgibt? hat er vlt selber in der erde und den archiven gebuddelt?

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  7. 8. [...]

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  • Quelle DIE ZEIT, 14.02.2013 Nr. 8
  • Schlagworte Holocaust | Berlin | Brandenburg | Europa | Halle an der Saale | Hamburg
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