Stephan Weil"Wir sind noch nicht so weit"

Ein Gespräch über Atommüll, Bildung und Geld mit dem nächsten niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil.

DIE ZEIT: Herr Weil, kann ein Ministerpräsident in Niedersachsen essen, was er möchte?

Stephan Weil: Niedersachsen ist ein freies Land.

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ZEIT: Kann er auch Hähnchen essen? Es ist doch so: Entweder essen Sie das Huhn aus Käfighaltung und düpieren den Koalitionspartner, der die Massentierhaltung bekämpft, oder sie tun es nicht und schädigen einen wichtigen Wirtschaftszweig.

Weil: Ich esse nicht so wahnsinnig viele Hähnchen, unabhängig von Haltungsfragen. Aber typischerweise erkundige ich mich nicht danach, woher es gerade kommt. Ich bin da ziemlich unbefangen. Eine solche Frage ist mir noch nie gestellt worden.

ZEIT: Dafür sind wir ja hier.

Weil: Ah ja. Die Frage nach den Lebensmitteln ist eine Frage an den mündigen Verbraucher. Da ist ein Ministerpräsident Verbraucher wie jeder andere.

ZEIT: Ist das die Haltung, die Sie empfehlen: nicht zu fragen, woher ein Produkt kommt?

Weil: Sie haben jetzt in Bezug auf Hähnchen gefragt. Da erinnere ich an meine Aussage, dass ich das sowieso relativ selten esse.

ZEIT: Sie planen eine Agrarwende. Wird es danach mehr oder weniger Hühner geben als heute, die nicht artgerecht gehalten werden?

Weil: Weniger.

ZEIT: Welches ist der rote Beitrag zur rot-grünen Regierungspolitik?

Weil: Vor allem eine neue Bildungspolitik.

1958–1993

1958 geboren in Hamburg

1977 Abitur in Hannover, Zivildienst

1978–1986 Jurastudium in Göttingen, Erstes und Zweites Staatsexamen. Zugleich Eintritt in die SPD, zwei Jahre Juso-Vorsitzender in Hannover

1987–1993 Berufseinstieg als Rechtsanwalt in Hannover, später Richter und Staatsanwalt, zuletzt Amtsrichter

1994–2013

1994 Wechsel in das Justizministerium, Ministerialdirektor

1997 Kämmerer der seit 1946 von der SPD regierten Stadt Hannover

2006 Oberbürgermeister von Hannover

2013 Sieger der Landtagswahl mit 6 Promille Vorsprung für Rot-Grün

ZEIT: Das ist eine schöne Tradition in Deutschland: Wechselt die Landesregierung, wird das Schulsystem umgebaut.

Weil: Wir brauchen keinen Umbau des Schulsystems. Es geht um mehr Qualität in der Bildung. Es gibt in Niedersachsen eine Situation, die mir wirklich Sorgen macht. Niedersachsen ist das Bundesland mit dem größten Geburtenrückgang. In zehn oder fünfzehn Jahren werden wir große Probleme im sozialen Bereich haben. Vor allem wird es an Fachkräften mangeln. Daraus muss man zwei Schlussfolgerungen ziehen: Erstens muss sich Niedersachsen sehr anstrengen, damit junge Leute Verhältnisse vorfinden, die das Kinderkriegen attraktiv erscheinen lassen. Zweitens, wenn wir schon weniger junge Leute haben, dann müssen sie optimal ausgebildet und qualifiziert sein. Damit sind wir bei Themen wie dem Bau von Krippenplätzen, mehr Ganztagsschulen, der Entdiskriminierung von Gesamtschulen. Auch die Abschaffung von Studiengebühren gehört dazu.

ZEIT: Das wird teuer, aber andererseits wollen Sie auch sparen.

Weil: Das ist ein Schlüsselproblem, vor dem, glaube ich, die deutsche Politik insgesamt steht. Wenn ich in die Zukunft blicke, wenn ich mir vorstelle, dass ein unterfinanzierter Staat zum Beispiel die notwendigen Anstrengungen für Bildung unterlässt, wird mir angst und bange. Das wird ganz teuer werden. Wie Kennedy mit Recht festgestellt hat: Bildung ist teuer. Es gibt nur eines, was noch teurer ist: keine Bildung.

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