Nicht ganz klar ist mir, warum Menschen Biografien lesen. Klar aber dürfte sein, warum Schriftsteller über Leben und Werk anderer Schriftsteller schreiben – sei es einst Adolf Muschg über Gottfried Keller, sei es jüngst Gerhard Henschel über Walter Kempowski: Sie wollen sich in ihnen spiegeln, ihre eigene Kunst in ein Verhältnis zur Kunst des anderen setzen. Und vielleicht wollen sie gar eine kleine Poetologie entwerfen, eine Art Lektüreanleitung zum eigenen Werk, vielleicht auch eine Art Stammbaum entwerfen nach dem Rühmkorfschen Motto: "Wo ich gelernt habe..." Wenn ein Autor wie Jochen Missfeldt, tief im Land und in der Landschaft Schleswig-Holsteins verwurzelter Erzähler dreier Romane, eine Biografie über Theodor Storm schreibt, den großen Erzähler von der Nordseeküste, aus Husum, den schleswig-holsteinischen Literaturnationalhelden, dann fordert er eine solche Interpretation heraus. Und wenn die ZEIT einen schleswig-holsteinischen Minister einlädt, dieses Buch vorzustellen, dann fordert sie in Wahrheit eine Auseinandersetzung mit der Frage nach Heimat und dem Sprechen über Heimat ein.

Allerdings will ich in diese Falle nicht tappen: Lange genug ist Theodor Storm nur als Heimatschriftsteller wahrgenommen worden. Diese Zeiten sind – der modernen Storm-Forschung (allen voran: Karl Ernst Laage) sei Dank – vorbei. Storm konnte mit dem Schimmelreiter eine meisterhafte Novelle schreiben, die seiner Heimat ein Denkmal setzt und dennoch Weltliteratur ist.

Missfeldts Storm-Biografie ist sicher die aktuellste und eine der faktenreichsten Zusammenstellungen von Lebensdokumenten. Aber das Entscheidende ist, dass auf den 450 eng bedruckten Seiten sich Missfeldt dem Klassiker aus seiner eigenen Anschauung nähert, ihn neu komponiert, nah an den Quellen bleibt und fast wie bei einer literarischen Collage Texte Storms mit seinen eigenen verwebt und so den Klang Storms und den Missfeldt-Ton ineinanderfließen lässt. Gleich zu Anfang macht der Biograf deutlich, aus welcher Perspektive er sich Storm nähert, nämlich der seiner eigenen Anschauung des Landes. "Da unten ziehen sich die gelben Weizenfelder und die grünen Weidewiesen der Marsch bis an den Geestrand. Die Wiesen und Felder sind große und kleine Rechtecke und liegen da wie mit dem Lineal auf dem Zeichenbrett gezeichnet." Wie diese Landschaft entstanden ist, das beschreibt der alte Storm in der Novelle Grieshuus. Und Missfeldt kommentiert: "Storms großartige Naturschilderung am Beginn klingt wie ein Abgesang auf die ›Haide‹, die demnächst als ›Heide‹ umgebrochen und in eine landwirtschaftliche Nutzfläche verwandelt werden wird."

Die Freiheit wohnt an der Westküste Schleswig-Holsteins

Der andere große Erzähler aus Schleswig-Holstein, Thomas Mann, machte in der Dichtung des Husumers "Stimmungskunst und Erinnerungsweh" aus; ganz ähnlich spürt Missfeldt als zentrales Motiv bei Storm Sehnsucht und Heimweh nach einer vertrauten Landschaft. Das ist nun nichts Storm-Typisches, sondern Grundton fortschrittskritischer und zivilisationsskeptischer Literatur seit der Romantik.

Aber nicht die Sehnsucht nach Vergangenem ist das romantische Ziel Stormschen Schreibens, es ist das Land der friesischen Westküste Schleswig-Holsteins. Storms "Heimaterzählung", wie Missfeldt sie einmal nennt, sucht nicht die vergangene Zeit, sie ist gegenwärtig und auf den Raum bezogen und sogar streng geografisch lokalisiert. Aus der Landschaft leitet Storm seine Dichtung ab und Missfeldt den Dichter. Das raue Land schaffe einen "eisernen Unabhängigkeitswillen" und ein "ichbezogenes Freiheitsempfinden". Darum sei es kein Zufall, dass "Schleswig-Holsteins große Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft an der Westküste geboren wurden".

Da muss man erst einmal durchatmen. "Empfindungen" und "Willen" werden vom Land geprägt und sorgen für große Persönlichkeiten? So kühn diese These ist, so viele Fragen zieht sie nach sich. Nicht zuletzt die Frage, ob nicht auch große Kulturleistungen aus beengten, städtischen, fremdbestimmten Sozialmilieus heraus entstehen und ob nicht auch "Persönlichkeiten" mit weniger Lokalpatriotismus großartige Texte, ja Heimatromane schreiben können. Andere Storm-Biografen haben jüngst andere Aspekte nach vorn gerückt, die republikanische Gesinnung stärker betont oder auch sein Interesse für die soziale Frage.

Missfeldt aber zieht andere Deutungen vor, etwa wenn er die Novelle Im Sonnenschein bespricht und feststellt: "Storm nimmt nicht Militär und das Militärische aufs Korn, die Vermutung läge nahe – er lässt das nicht zu benennende, nicht zu begreifende Schicksal spielen [...]. Storms Sache ist die Literatur, und die Sache der Literatur steht aller Politik und Polemik fern." Man kann bezweifeln, ob das so stimmt, und argumentieren, dass gerade der Existenzdruck, das Leiden an seinem ungeliebten Brotberuf, der Juristerei, und Geldknappheit mindestens ebenso starke, dann aber soziale Ursachen für jenen Grundzug von Scheitern, Schicksalsschlag und Entsagung sind, die Storms Werk durchziehen. Mir jedenfalls behagt die Deutung nicht, die Storm tendenziell aus dem Gesellschaftlichen hinaus- und in die Landschaft hineinsteuert.