Benedikt XVI.Befreiung in Rom

Joseph Ratzinger hat schwer an der Bürde des Amtes getragen – die deutschen Katholiken taten es aber auch. von 

Wie hält man 1,2 Milliarden Menschen zusammen? Ohne Gewalt, ohne gemeinsamen Staat, ohne einheitliche Sprache und ohne die Aussicht auf handfesten, persönlichen Profit? Noch dazu in Zeiten, da die Menschen immer individualistischer werden? Das wissen die Chinesen nicht, auch die Inder haben keine Ahnung. Tatsächlich gibt es niemanden auf der Welt, der auch nur einen solchen Versuch unternähme. Einzig die katholische Kirche, der älteste und größte Verein der Menschheit, lebt diese erhabene Unmöglichkeit.

An ihrer Spitze stand acht Jahre lang ein Mann, der diese Aufgabe immer mehr als persönliche Belastung empfunden hat, Benedikt XVI. Er hatte zu vermitteln zwischen Katholiken aus 170 Staaten, zwischen Fundamentalisten und Liberalen, zwischen Reich und Arm, zwischen Theologie und Seelsorge, er hatte eine Bürokratie zu führen, weit gespannt wie die UN, eng und intrigant wie ein italienisches Ministerium, übermännlicht wie sonst nur die Armeen.

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Niemanden wird es verwundern, dass ein kranker alter Mann das alles nicht mehr schultern konnte. Eher fragt man sich: Wie gesund muss einer sein, um dem auch nur in Ansätzen standzuhalten?

Hat es beim Missbrauchsskandal geholfen, dass der Papst Deutscher ist?

Standhalten konnten auch die deutschen Katholiken nicht. Für sie wurde das Pontifikat des deutschen Papstes mehr und mehr zu einer Belastung. Wir sind Papst, hieß es vor acht Jahren, heute, in der Woche seines Rücktritts, merken wir: Das Deutschsein des Papstes hat den Deutschen das Leben römischer, strenger, schwerer gemacht. Mögen in Zukunft wieder Katholiken eines anderen Landes diese Bürde tragen.

Dabei hatte alles so gut angefangen an jenem 19. April 2005. Die Ausrufung Kardinal Ratzingers zum Papst fiel in eine Hochstimmung des deutschen Katholizismus. Zwar sanken auch da schon die Mitgliederzahlen, auch hatte es erbitterte Auseinandersetzungen um die Schwangerenkonfliktberatung gegeben. Doch ansonsten ging es so gut – fast leicht – wie lange nicht mehr: Das jahrelange Leiden von Johannes Paul II. ließ die deutsche Öffentlichkeit nicht unbeeindruckt; derweil bewährten sich die Lehren der Kirche in den tiefen Debatten um Gentechnologie oder pränatale Diagnostik. Selbst wer anderer Meinung war, sah doch, wie heilsam es war, dass es die Stimme des Glaubens gab. Anders als in der Sexualmoral wirkten die Bischöfe hier nicht missgönnerisch, sondern ernst und klug.

Zugleich schwand hierzulande die Einschüchterungsmacht der Amtskirche, die zunehmend selbstbewussten einfachen Katholiken nahmen sich so viel Liberalität heraus, wie sie brauchten. Nicht zuletzt brachte der öffentliche Gedankenaustausch zwischen dem linken Großphilosophen Jürgen Habermas und dem katholischen Cheftheologen Joseph Ratzinger eine Rehabilitierung des katholischen Diskurses.

Vor diesem Hintergrund wirkte die Wahl Ratzingers zum Papst fast wie eine logische Konsequenz. Heute wissen wir: Es war die Wende zum Schweren.

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