KirchenreformVergesst die Kondome

Wenn es eine Reform gibt, dann kann sie nur aus der Welt kommen. von Heinz Bude

Weil die Kirche das Urbild aller Institutionen ist, weiß sie, dass es einen Unterschied zwischen gelebter Praxis und verkündeter Theorie gibt. Die katholischen Nonnen, die in Simbabwe, Tansania oder Kenia Stationen für Menschen unterhalten, die HIV-positiv sind, denken gar nicht daran, den gottgewollten Sex zu preisen. Wer seinen Nächsten liebt, stellt keine unangemessenen Forderungen, ist aber auch fern von herablassendem Mitleid. Die Wahrheit des Lebens hat viele Gesichter, die alle in der Kirche ihren Platz haben. Dazu gehört ganz gewiss, in Zeiten von Aids nicht zu verschweigen, dass man im Zweifelsfall Kondome benutzen sollte, um sich und andere zu schützen.

Darin besteht der unglaubliche Realismus des Christentums, für den die Gottesmutter Maria steht, die alle Worte in ihrem Herzen bewegt. Das heißt aber überhaupt nicht, dass es keine Lehren der Kirche gibt, die von ewigem Bestand sind. Schließlich ist Petrus, der den Herrn aus Schwäche und Kleinmut gleich dreimal verleugnet hat, der Fels geworden, auf dem die Kirche bis heute ruht. Jeder Nachfolger übernimmt von diesem ersten der zwölf Apostel das Amt der Sorge für das Ganze, das nur in seiner Vielgestaltigkeit existiert. Was Maria umfasst, bringt Petrus auf den Punkt.

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Dies macht den Grund für die unerschütterliche Menschlichkeit aus, die für die Nonnen, die überall auf der Welt vor Ort ihren Dienst tun, der Maßstab ist. Dieser Maßstab gebietet, dass man ohne langes Fragen einer jungen Frau, die sich in ihrer Not, weil sie vergewaltigt worden ist, in ein katholisches Krankenhaus begibt, die »Pille danach« verabreicht. Das hat nichts mit Leichtfertigkeit oder Beliebigkeit zu tun, sondern diese Hilfeleistung ist Ausdruck einer Verantwortung vor Gott, die in diesem Fall in Ansehung schlimmer Umstände ein lebenspraktisch eminent bedeutsames Urteil fordert. Nichts ist dabei einfach, weil es im Prinzip um alles geht.

Heinz Bude

lehrt Soziologie in Kassel.

Es sind solche Situationen, die die pastorale Wirklichkeit der katholischen Kirche prägen. Die erregten Debatten über Homosexualität oder Schwangerschaftsverhütung verdecken, worum es tatsächlich geht: um die Wahrhaftigkeit einer Lebensführung, die sich Maßstäben unterstellt, die weder in Gewinn- noch in Genussmaximierung aufgehen. Dafür bietet die katholische Kirche ein reiches Vokabular, das sich um die Idee einer natürlichen Vernunft dreht, die die Ausgerichtetheit der Welt auf einen transzendenten Bezugspunkt zur Anschauung bringt. Von den Heiligen wie Hildegard von Bingen oder Franz von Assisi ist zu erfahren, was das für einen selbst bedeuten kann.

Die Alternative von Kontinuität und Bruch führt in die Irre

Die Kirche kommt weltgesellschaftlich und weltgeschichtlich nur wieder aus der Defensive, wenn sie diese Bindung der Gottesfrage an die Lebenspraxis als ihr Eigentliches und Wesentliches ausspricht. Das erinnert an die Rhetorik des Zweiten Vatikanischen Konzils, die kein anderer als Benedikt XVI. aus intimer Kenntnis der seinerzeitigen Vorgänge und Erklärungen als eine Rhetorik der Reform gekennzeichnet hat. Die Alternative von Kontinuität und Bruch ist deshalb so schlecht, weil sie die Zeitlichkeit der Kirche selbst missversteht. Es ist nämlich eine Zeit, die aus einer Ewigkeit kommt und den Augenblick trifft. Da wird etwas hervorgeholt, was die Menschen immer schon beschäftigt und umgetrieben hat, das sich aber nur hier und jetzt zeigt. Reform ist daher die Existenzweise einer Kirche, die Fragen aufbewahrt, die plötzlich alles infrage stellen können.

Leserkommentare
    • Sikasuu
    • 21. Februar 2013 15:51 Uhr

    Sie hat sich sehr schnell von einer "semitischen" sehr sozialen , für den unterdrückten Menschen kämpfenden "Sekte" über Paulus bis zur Staatskirche gewandelt und nach nicht ungeschickten Machtkämpfen (vergl. konstantinische Schenkung et all) es zur fast bestimmenden Macht in Europa gebracht. Bis hin zu dem nicht einmal 150 Jahre altem Dogma "der Unfehlbarkeit" des Papstes.
    .
    Wie und mit welchen Mitteln die jetzt vom Autor als "Mehrheit" postulierten afrikanischen und südamerikanischen Gläubigen zur RKK gekommen sind ist auch kein Geheimniss.
    .
    Warum sollen also die "Erfahrungen" der europäischen RKK Mitglieder nicht als Quelle für die anderen Erdteile gut sein.
    .
    Müssen die das ganze "Leid" noch einmal durchleben, das wir in > 1.000 Jahre hier schon einmal mitgemacht haben um zu "eigenen" Erfahrungen zu kommen?
    .
    Fragt sich
    und in die Runde
    Sikasuu

    4 Leserempfehlungen
  1. Auch wenn ich mit Herrn Bude nicht in allem konform gehe, muss ich doch sagen, dass dies einer der besten Artikel im Bereich Kirche und Religion ist, die ich seit langem gelesen habe.
    (Die Rubrik "Glauben und Zweifeln" ist ja in letzter Zeit doch eher zur religionspolitischen Berichterstattung gepaart mit Frau Fingers antikonfessionellen Reflexen verkommen.)

    Es ist schön, dass hier doch noch Raum für die Diskussion des Wesentlichen geboten wird.

    Ich hätte dazu ein paar Rückfragen:
    1) Es kommt so rüber, als wenn der Sinn der Kath. Kirche vor allem die Trostspendung im Diesseits ist. Ist es nicht aber so, dass man als Christ vor allem "den Willen meines Vaters" tun will?
    2) Was heißt dass dann für das Verhältnis von Lehre und Leben? Rückkehr zu alter katholischer Laxheit und Doppelmoral, neuer moralischer Rigorismus oder doch Verständnigung darüber wie göttliche Gebote gelebt werden können und wie und bis zu welcher Konsequenz?
    3) Wie kann die zutiefst humanistische Zielrichtung eines religiösen Lebens in einer indifferenten Welt verdeutlicht werden, wo hinter kirchlicher Lehre per se weltlicher Machtwillen und nicht göttliche Liebe und Zuwendung gesehen wird?
    4) Was bedeutet in diesem Zusammenhang, dass es auf die einzelne Person ankommt? Nur wieder Sozialarbeiter für alle oder reden wir auch über ein aktives Verkünden Gottes und seiner Botschaft in der Welt?
    5) Wo soll man sich in unserer Gesellschaft eigentlich darüber verständigen und mit welcher Verbindlichkeit?

    3 Leserempfehlungen
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    • Sikasuu
    • 21. Februar 2013 16:03 Uhr

    Wenn ich die letzten 300 Jahre dieser aktiven Verkündigung sehe, wäre passiv besser!
    .
    "Lasset die Kindlein zu mir kommen!" scheint mir die bessere Losung als "Geht hin in alle Welt...!"
    .
    Da war die Vergangenheit nicht so toll!
    .
    Weiss
    Sikasuu

    Vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie stellen genau die richtigen Fragen. Ich fürchte jedoch, daß Sie auf diese keine befriedigenden Antworten erhalten werden. Denn die Kirche (zumindest in Deutschland) sieht sich mittlerweile eher als weltliche Sozialanstalt, in der kirchensteuerfinanzierte Sozialarbeiter gemäß den aktuellen weltlichen Moden und Theorien die Welt komfortabler gestalten denn als Heilsanstalt mit göttlichem Auftrag. Aus diesem Grunde auch die zumindest in Europain in ihr herrschende Orientierungs- und Glaubenslosigkeit, die mit immer neuen Reformen und Reförmchen sich eine weltliche Daseinsberechtigung zu erbetteln hofft.

  2. Schreibt da ein Katholik für Katholiken? Als Nicht-Katholik komme ich mir merkwürdig außen vor gelassen vor. Die katholische Kirche ist ja nur eine von vielen Glaubensrichtungen, und gerade im Ausschließen anderer Möglichkeiten durchaus führend - man denke an die nicht überreichten Geschenke an die evangelische Delegation beim letzten Papstbesuch. Sollte der Artikel eine Öffnung auch in diese Richtung meinen, dann sei es gut. Eine Erneuerung des Katholizismus aus sich und in sich selbst ohne Bezug auf andere sollte hingegen hinterfragt werden.

    5 Leserempfehlungen
  3. 4. ??????

    Ich habe den Beitrag mehrfach gründlich gelesen.
    Ich verstehe nichts, rein gar nichts und höre nur diffuse Appelle an -, ja ich weiß nicht an wen.

    15 Leserempfehlungen
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    Fängt schon mit dem ersten Satz an. "Weil die Kirche das Urbild aller Institutionen ist, weiß sie, dass es einen Unterschied zwischen gelebter Praxis und verkündeter Theorie gibt".
    Was soll das denn bitte bedeuten. Wenn die Kirche weiß, dass ihre Theorien teilweise völlig weldfremd sind, warum verkündet sie sie dann immernoch. Ich schätze gläubige Menschen sind einfach besser im interpretieren von kryptischen Botschaften. "Nichts ist einfach, weil es im Prinzip um alles geht" Selten einen Satz mit weniger Aussagekraft gelesen. Gleich zwei mal verlorener Gegensatz.

  4. Wo steht es eig. in der Bibel das Pille und Kondom unreligiös sind?
    Kannte man vor 1900 Jahren schon ein Kondom geschweige denn die Pille?
    All die Hanebüchenen Verbote wie Pille, Kondom, Stammzellenforschung, etc. gab es zu Zeiten Jesus nicht, wie also kann man da wissen das sie schlecht sind?
    Das erste Evangelium wurde 70 nach Christus geschrieben, Jesus starb aber schon mit etwa 30, d.h. dazwischen liegen 40 Jahre stille Post, und immer wurden Verbote des und persönliche Ansichten mit reingebracht.

    Geschweige denn die Verbote und Ansichten der R.K.K., denn die Bibel von heute ist nicht 1:1 die Ursprungsversion, man geht davon aus das mit den Jahrhunderten etwa 80 Seiten dazu kamen.

    Angesichts dessen ist die RKK nicht mehr reformfähig, da man sich zusehr an die eigenen, und selbst geschaffenen Grundsätze klammert, die sich schon zusehr vom Christentum entfernt haben.

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    Werter Humanist

    Ihre Ausführungen erstaunen mich.

    Aha da sind also 80 Seiten zur Bibel dazugekommen so so .

    Nun man könnte jetzt lang und breit über die Kanonisierung der Schriften in der Bibel sprechen und und und...

    Ohne jede Arroganz oder Abwertung glaube ich Sie teilen ein Problem mit vielen mit Kommentatoren zum Artikel.

    Das Problem dass sie letztlich keine Ahnung haben was wie warum die Katholische Kirche ist und lehrt.

    Es ist wie mit dem berühmten Elefanten den die Blinden abtasten.
    Jeder reduziert auf die Projektionsfläche die er gerade sehen will und die ins Weltbild passt.

    Wie in diesem uralt BAP song machen sich viele nicht nur ihren aufblasbaren Gott sondern auch die aufblasbare Kirche dazu.
    Kondome machen keine Kirche.

    In Josef Ratzingers "Einführung in das Christentum" gibt es am Anfang die Geschichte vom Clown der ins Dorf rennt um Hilfe zu holen von den Dorfbewohnern aber nicht verstanden wird weil er ja der Clown ist.

    MFG

  5. Ich werde nicht fündig.

    Die Kirche wird doch nicht etwa am Ende über Verhütungsgummis stolpern wollen, mit denen man HIV, HPV und andere Geschlechtskrankheiten sowie Schwangerschaften verhindern kann?

    So weltfremd kann sie doch nicht sein.

    3 Leserempfehlungen
    • Sikasuu
    • 21. Februar 2013 16:03 Uhr

    Wenn ich die letzten 300 Jahre dieser aktiven Verkündigung sehe, wäre passiv besser!
    .
    "Lasset die Kindlein zu mir kommen!" scheint mir die bessere Losung als "Geht hin in alle Welt...!"
    .
    Da war die Vergangenheit nicht so toll!
    .
    Weiss
    Sikasuu

    Eine Leserempfehlung
  6. "Die erregten Debatten über Homosexualität oder Schwangerschaftsverhütung verdecken, worum es tatsächlich geht: um die Wahrhaftigkeit einer Lebensführung, die sich Maßstäben unterstellt, die weder in Gewinn- noch in Genussmaximierung aufgehen."

    und einmal mehr fackelt ein apolegt einen strohmann ab indem er nicht-katholiken (bzw. christen (?) bzw. (nicht-gläubigen) eine gewinn bzw. genussmaximierende lebensführung unterstellt. mal abgesehen davon dass diese beiden vermeindlichen ziele mehr unterschiede als gemeinsamkeiten haben ist diese vorgehensweise außerordentlich bemüht und den intellekt langweilend.

    wenn die prämissen eines möglichen arguments bereits hanebüchen sind, wird die folgende diskussion wahrscheinlich nicht besonders ergiebig sein.

    schade eigentlich, der aufrichtige dialog zur säkularen welt ist dringender den je!

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  • Schlagworte Katholische Kirche | Reform | Christentum | Papst | Vatikan
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