NS-RaubkunstAuf Zeit spielen

Warum sind noch immer Tausende Kunstwerke jüdischer Sammler verschollen? Die Juristin Sabine Rudolph über die stockende Aufarbeitung des NS-Kunstraubs. von 

Von 1933 an mussten Hunderte von jüdischen Kunstsammlern ihre Gemälde unter Druck verkaufen oder wurden von den Nazis beraubt. Weshalb lagern viele dieser Kunstwerke heute noch in öffentlichen Sammlungen? Ein Gespräch mit Sabine Rudolph, auf NS-Raubkunst spezialisierte Anwältin in Dresden, über den Stand der Restitutionsdebatte.

DIE ZEIT: Wie viele Raubkunst-Bilder befinden sich heute noch in den Museen?

Sabine Rudolph: Das ist kaum abzuschätzen. Aber wenn man die minimale Zahl der zurückgegebenen Raubkunstsammlungen mit den Restitutionen von Grundstücken seit dem Ende des Kriegs vergleicht, dann liegt die Vermutung nahe, dass noch Unmengen von Kunstwerken verschollen sind. Wobei sich ein Großteil der verschollenen NS-Raubkunst heute wohl nicht in Museen, sondern in privaten Händen befindet.

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ZEIT: Und die Restitution von NS-Raubkunst ist gegen Privatsammler kaum durchzusetzen?

Rudolph: Man kann sich gegenüber privaten Sammlern leider nicht auf die Washingtoner Erklärung von 1998 berufen, in der sich zahlreiche Staaten zur Restitution von NS-Raubkunst verpflichteten, auch nicht auf die dazugehörige Gemeinsame Erklärung von Bund, Ländern und Kommunen. Obwohl private Sammler in letzterer ausdrücklich aufgefordert werden, sich den Grundsätzen anzuschließen, kenne ich keinen Fall, in dem das passiert ist. Ich suche etwa mit den Erben des jüdischen Sammlers Victor von Klemperer noch immer nach dem Gemälde Kohlfeld im Wannseegarten nach Westen (1917) von Max Liebermann, das zuletzt 2005 beim Auktionshaus Grisebach in Berlin versteigert wurde. Grisebach verweigert uns bis heute die Auskunft des Käufernamens. Letztlich müsste durch einen Gerichtsentscheid geklärt werden, welche Recherchen Auktionshäuser, Kunsthändler oder Kunstkäufer mindestens anstellen müssen, damit sie sich auf Gutgläubigkeit berufen können.

ZEIT: Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor?

Rudolph: In einem ersten Schritt geht es bei der Vertretung dieser Mandanten darum, den genauen Bestand der geraubten oder verschollenen Sammlung zu recherchieren, wie etwa in den Fällen der jüdischen Sammler Fritz Glaser oder Max Levy. Meist gibt es dazu kaum noch Unterlagen und auch kaum Zeitzeugen mehr, die helfen könnten. Erst im zweiten Schritt fahnden wir dann nach den heutigen Standorten der Bilder. Eine komplizierte Suche in Werkverzeichnissen, Datenbanken und Galerie-Archiven, wobei einem oft Auskünfte verwehrt werden. Wo etwa befindet sich Emil Noldes Gemälde Seerosen II von 1919 aus der Sammlung Glaser heute? Von der Nolde-Stiftung habe ich dazu bisher keine Information bekommen.

ZEIT: Arbeiten die Auktionshäuser und Kunsthändler gut mit ihnen zusammen?

Rudolph: Die meisten Auktionshäuser geben ungern Auskünfte zu Einlieferern oder Käufern. Einige wenige melden sich inzwischen jedoch auch von sich aus bei mir, wenn bei ihnen Bilder mit unklarer Provenienz auftauchen. Diese Häuser scheinen jetzt gut arbeitende Provenienzabteilungen zu haben.

Leserkommentare
  1. verschollener Raubkunst auch gern weiter fassen auf den NS-Kunstraub von jüdischen Besitzern.
    Der Raubkunst kann es egal sein, wem sie von wem geraubt wurde, wichtig ist das Auffinden und ggfs. Zugänglichmachen.

  2. Danke für den informativen Artikel. Ich würde in diesem Zusammenhang auch einmal über den Verbleib der Beutekunst der Alliierten (speziell Nachfolgestaaten der Sowjetunion) informiert werden wollen.

  3. ...welche ist.

    Es hat ja niemand etwas degegen, daß wirkliche NS-Raubkunst, die diesen Namen verdient, zurückerstattet wird. Was mich aber aufregt, sind zwei Details:

    Erstens: Nicht alles, was mit dem Schlagwort „Raubkunst“ betitelt wird, ist auch automatisch welche. Viele Sammlungen oder Einzelstücke sind Anfang der 30er Jahre anerkanntermaßen NICHT verfolgungsbedingt veräußert worden, was oft genug sogar die Erben selbst bestätigen. Aber unsere Volksvertreter waren leider so – man kann es leider nicht anders ausdrücken – dämlich, sich im Washingtoner Abkommen auf diese IDIOTISCHE Umkehr der Beweislast einzulassen.

    Während es aus guten Gründen normalerweise ein eherner Rechtsgrundsatz ist, daß derjenige, der eine Behauptung aufstellt, diese beweisen muß, und nicht der Beschuldigte seine Unschuld, finden sich die deutschen Museen nun in der Situation, beweisen zu müssen, daß ein Stück NICHT verfolgungsbedingt veräußert wurde.

    Praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Damit wird automatisch jedes Stück, das ein jüdischer Besitzer nach 1934 (nicht 1933, denn die Verfolgung begann nicht sofort nach der Machtübernahme) verkauft hat – und sei es, weil die Weltwirtschaftskrise von 1929 einen finanziellen Engpaß verursacht hatte (wie im Fall von Ersnt-Ludwig Kirchners Gemälde „Berliner Straßenszene“), oder, wie im Fall der Leipziger Sammlung Steindorff, weil der Senior der Unternehmung des Juniors im Ausland finanziell unter die Arme greifen wollte, automatisch zu „Raubkunst“.

  4. Bei so einem aberwitzigen Passus hätten bei unseren Politikern, denen wir (=die Bevölkerung) als unsere Interessenvertreter(!) das Mandat erteilt haben, sofort die Alarmglocken schrillen müssen!

    Jetzt kann man sich auf den Kopf stellen, der Urenkel in den USA mag dem Museum zur Seite springen, der Senior mag sich im Grabe umdrehen, weil er mit der Übertragung der Sammlung an seine geliebte Heimatstadt Leipzig hoch zufrieden war, es hilft alles nichts – die Stadt Leipzig verliert die Sammlung Steindorff.

    Das Zweite ist:
    Daß die potenziellen Profiteure der Restitution sich ins Zeug legen, kann ich ja verstehen.
    Aber dafür, daß obendrein deutsche Gutmenschen-Initiativen und profilierungssüchtige Anwälte einen Ehrgeiz aufbringen, möglichst viele Kunstschätze möglichst schnell aus den öffentlichen Museen heraus und in private US-amerikanische oder israelische Tresore hinein zu befördern, habe ich kein Verständnis.

    Wo bleibt denn im Gegenzug der Eifer, vielleicht endlich diejenige Raubkunst, die andersherum, nach dem Zweiten Weltkrieg völkerrechtswidrig aus den deutschen Museen und Privatsammlungen verschleppt wurde und oft genug in unzureichend klimatisierten Kellern der ehem. Sowjetunion verrottet, ihren rechtmäßigen Eigentümern zurückzuführen?

    Ich kann mir diese Schieflage nur mit dem zeitgeistigen Trend zur Turboprivatisierung erklären.

    Selbst wenn Deutschland Alles, was es hat, verschenkt, davon wird kein einziger Weltkriegstoter und kein Holocaustopfer wieder lebendig.

  5. Antwort auf "Fortsetzung"

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