In der Dunkelheit der Kammer sinkt er auf die Knie. Er fährt mit den Handflächen über den Lehmboden, behutsam, langsam, als streichle er den Bauch einer Schwangeren. Den Oberkörper hat er weit nach vorne gestreckt, Moulaye Haidara, 50, ein hagerer Mann. Er ist so groß und so schmal wie die Türdurchgänge dieses Hauses, das seine Familie seit Jahrhunderten bewohnt. Seine Fingerspitzen gleiten über den Sand, mit dem sie den Boden bestreut haben. Der älteste Sohn, 12, steht neben ihm, er hält das leuchtende Display eines Handys über die Hände des Vaters. Der einzige Lichtschein in diesem fensterlosen Raum.

Es dauert nicht lange, da bekommt Haidara eine Unebenheit zu fassen, ein im Boden eingegrabenes Brett. Er zieht mit den Fingerspitzen daran, wischt den Sand darüber weg, hebt die Holzkante vorsichtig an. Eine kleine Grube öffnet sich unter ihm. Zwei weitere Bretter löst er aus dem Fußboden und sieht dann hinab. Drei Metalltruhen schimmern dort, gefüllt mit Bündeln von eng beschriebenem Papier, jahrhundertealten Manuskripten. "Diese Bücher haben magische Kräfte. Sie wachen über meine Kinder." Vor acht Monaten hat der Arabischlehrer Haidara sie hier vergraben, um sie vor den Islamisten zu schützen, in der Erde Timbuktus. 600 Manuskriptsammlungen in Familienbesitz gibt es in der Stadt, und fast alle wurden sie versteckt. Jetzt holt Moulaye Haidara seine Bibliothek wieder hervor, stellt die drei Kisten in das rückwärtige Zimmer im Erdgeschoss, wo sie seine Familie seit vielen Generationen aufbewahrte, doch packt er sie noch nicht aus. Es ist der sechste Tag nach dem Einmarsch der Franzosen. Ihre Konvois patrouillieren auf den Hauptstraßen. Die Gefahr für seine Bücher aber, so sorgt sich Moulaye Haidara, ist nicht vorüber.

Mali ist auch mehrere Wochen nach Beginn der französischen Operation "Serval" in zwei Hälften geteilt. Immer noch sperren entlang der ehemaligen Frontlinie Posten der malischen Armee die Straßenverbindungen in den Norden. Weder Hilfskonvois mit Nahrungsmitteln noch Journalisten dürfen passieren. Timbuktu ist knapp 1.000 Kilometer von der Hauptstadt Bamako entfernt und bleibt vom Rest des Landes isoliert. Timbuktu, die Unerreichbare. So nannte man sie im 19. Jahrhundert. Die sprichwörtliche Fabelstadt. Bei einer Umfrage unter britischen Schulkindern vor sieben Jahren gaben 34 Prozent an, Timbuktu gebe es nicht. Ein Ort der Fantasie. Der erste französische Militärkonvoi, der Ende Januar zu ihr aufbricht, das berichten mitreisende französische Journalisten, bleibt an der mauretanischen Grenze für acht Stunden im tiefen Wüstensand stecken. Die befehlshabenden Offiziere vertrauen auf GPS-Systeme und verlieren sich bald in einer Landschaft, in der es keine Wege gibt und keine Straßen, nur Ziegenpfade. Sie mieten sich in den Dörfern kundige Führer, die die Truppen schließlich nach Timbuktu bringen. Einmal dort angekommen, nehmen sie den Ort ohne Gegenwehr ein.

Der Flughafen – Frankreichs Flugzeugträger in der Wüste

© ZEIT-Grafik

Sogar aus der Luft ist Timbuktu nur unter großen Schwierigkeiten zu erreichen. Die ZEIT hat zusammen mit amerikanischen und britischen Journalisten ein Charterflugzeug in Bamako gemietet. Wenige Tage nach der Eroberung durch die Franzosen ist es der erste zivile Flieger, der in Timbuktu landen wird. Niemand weiß so recht, was uns erwartet. Die Telefonverbindungen in die Stadt sind abgebrochen. Unter uns mäandriert der breite Strom des Niger, dem der Pilot der "Beechcraft" wie auf einem Leitstrahl folgt. Er fliegt auf Sicht, denn die Islamisten haben vor ihrer Flucht aus Timbuktu die Instrumente des Towers zerstört. Doch die Sicht ist miserabel. Die Maschine wird von immer dichteren Staubschleiern umhüllt, feuerrot leuchtend, aus denen einzelne Strähnen zum blauen Himmel hin ausfransen. Ein Gefühl, als tauchten wir ein in die Atmosphäre des Planeten Mars.

Als wir aufsetzen, der Pilot die Treppe ausklappt, ist niemand auf dem Rollfeld, um uns zu empfangen. Keiner rechnet hier mit Zivilisten. Einige Soldaten spielen Baseball. Dicht über unsere Köpfe ziehen vornüber geneigte Kampfhubschrauber. Vor dem Terminal die ersten Wracks zerstörter Flugabwehrgeschütze der Islamisten. Der Flughafen Timbuktus ist in diesen Tagen so etwas wie Frankreichs Flugzeugträger in der Wüste, das logistische Herz, von hier aus schwärmen die Truppen zu Konvois aus und fliegen Helikopter Attacken ins Hinterland.

 Drei Umstürze in zehn Monaten

Die Stadt selber, wenige Kilometer von hier, in der Islamisten ein neues Kalifat hatten aufbauen wollen, wirkt fast wie verlassen. Leere sandige Straßen, die einstöckige Lehmbauten säumen. Die Plätze um die großen Lehmmoscheen, Weltkulturdenkmäler, menschenleer. Hier und da Holzbuden, in denen junge Männer mit Wasser gestrecktes Benzin in Plastikflaschen verkaufen. "Die Bevölkerung von Timbuktu hat mir gezeigt, wie glücklich sie ist", sagt der französische Präsident François Hollande, als er einen Tag nach unserer Ankunft die Stadt besucht. "Einige habe ich gesehen, die sogar geweint haben." Er erwähnt nicht, dass ihm nur klägliche Reste der einstigen Einwohnerschaft zujubeln konnten. Die Mehrheit, verstreut über ganz Westafrika, bleibt stumm. Gleich zwei Flüchtlingswellen haben den 54.000-Seelen-Ort entvölkert. Im Frühjahr 2012 flohen vor allem dunkelhäutige Songhai vor den mit den Islamisten verbündeten hellhäutigen Tuareg und Arabern – die nun vor den anrückenden Interventionstruppen flohen.     

Wie irgendwie übrig geblieben, mit einer Plastiktasche großer und kleiner Schlüsseln, hockt der Wächter Alhusseini Maioga im Garten des Ahmed-Baba-Instituts. "Alle anderen sind weggelaufen", sagt er über die Wachmannschaft des wichtigsten Geschichtsarchivs Westafrikas. Und auch Maioga, 25, traut sich erst wieder seit dem Einzug der Franzosen an seinem Arbeitsplatz. Er ist ein trauriger Mann, der sich vom Schicksal bestraft fühlt. In den vergangenen Jahren hat er seine beiden Kinder an das Malaria-Fieber verloren. Als das neue Ahmed-Baba-Institut 2009 von Südafrika gebaut wurde, haben sie ihn, den gelernten Maurer, der nicht lesen und schreiben kann, als Wachmann eingestellt. Das Ahmed-Baba ist eine Hightech-Einrichtung mit Laboren und Restaurationswerkstätten. Es hatte die wertvollsten Bücher Timbuktus bewahren sollen. Jetzt weht Asche über das weitläufige Gelände. Nur Stunden vor ihrer Flucht haben Islamisten die Bücher, derer sie habhaft werden konnten, aus dem Gebäude getragen, sie aus ihren säurefreien Schobern gezogen und in Brand gesteckt. Das Feuer brannte für mehrere Stunden. Die Nachricht davon ging um die Welt.

An einem Betonpfeiler liegt ihre Asche, weiß wie Zucker, darin die schwarzen Kanten durchglühter Buchseiten. Die Überreste von mittelalterlichen Handschriften über islamisches Recht und Betrachtungen zur Astronomie aus dem 15. Jahrhundert. Vom Feuer verschrumpelte Ledereinbände liegen verstreut auf dem Boden. Jeden Tag trägt der Wind den Aschehaufen etwas ab. "Ich warte auf Anweisungen, was ich damit tun soll", sagt Maioga. Sämtliche wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts und auch sein Direktor hatten mit der Ankunft der Islamisten 2012 die Stadt verlassen. Als letzter floh einen Monat später auch Maioga. Eine Kampfgruppe mauretanischer und algerischer Dschihadisten hatte die Bibliothek zu ihrem Wohnquartier auserkoren. Der Wächter Maioga setzte sich in sein Heimatdorf am Niger ab, 20 Kilometer von hier, half seinen Brüdern beim Reisanbau. Alle paar Tage schlich er sich für Einkäufe zurück in die Stadt. Was er dort sah, gefiel ihm immer weniger.

Drei Umstürze in zehn Monaten erlitt die Stadt, von der die Europäer noch im 19. Jahrhundert annahmen, ihre Straßen seien aus Gold. Der erste war für Maioga der schlimmste. Am 1. April stürmten die Rebellen der Tuaregbewegung MNLA den Ort. Die Garnison aus 2.000 malischen Soldaten schloss sich ihnen entweder an, weil sie selbst den Tuareg angehörten, oder flohen. "Es war schrecklich", sagt der Wächter der Bücher. Die Rebellen, von niemandem kontrolliert, plünderten, erpressten und vergewaltigten. Timbuktus neue Herren proklamierten einen von Mali unabhängigen Staat, den "Azawad", wie die Tuareg in ihrer Sprache die Region nennen. Doch hatten sie keinen Rückhalt in der Bevölkerung, waren untereinander zerstritten. In dieses Chaos stießen die Islamisten des Al-Kaida-Ablegers AQIM und der Ansar Dine, der "Verteidiger des Glaubens", die zuvor in kleinen Gruppen in die Stadt eingesickert waren, mit der MNLA gemeinsame Sache gemacht hatten und jetzt den Umsturz im Umsturz herbeiführten.

Die Kulturen Schwarzafrikas und Arabiens treffen aufeinander

Es ist, als stießen in Timbuktu zwei mächtige Erdplatten aufeinander, ein Riss der Kulturen, an dem sich die Welt Schwarzafrikas und Arabiens berühren. Ständig reiben sie sich aneinander. Alle paar Jahre lösen sich die Spannungen in großen Erschütterungen mit Kriegen, Vertreibungen und Toten.

Über der Asche seiner Bücher erzählt der Wächter der Bibliothek, wie die Islamisten zunächst wieder die Ordnung herstellten, sie die Kämpfer in Lager außerhalb der Stadt verlegten. Das Plündern hatte ein Ende. Auf einer großen Versammlung verkündeten ihre Anführer die Einführung der Scharia. Neue Verbote wurden erlassen. Frauen, von denen sich die meisten in Timbuktu traditionell unverschleiert geben, mussten sich bedecken. Sie durften nicht mehr in Begleitung von Männern gesehen werden, was selbst ihre Brüder einschloss. Ihnen wurde das Arbeiten untersagt, die Marktfrauen wurden nach Hause gejagt, was den Handel zusammenbrechen ließ. Das Tanzen wurde verboten. Die Musik. Der Fußball. Prachtvolle Gewänder. Männer mussten Hosenbeine tragen, die über den Knöcheln endeten, so wie es zur Zeit des Propheten Mohammed Mode war. Nichts weniger planten die Mitglieder von Ansar Dine und AQIM, als die Kultur Timbuktus zu brechen. Traditionalisten rangen mit modernen Eiferern.

Die Stadt machten sie zu einem großen Umerziehungslager. Auch Maioga sperrten sie für drei Tage ein. Zwei mauretanische Dschihadisten hatten ihn beim Rauchen erwischt. Fast jede Familie kennt ein Mitglied, das eingesperrt oder geschlagen wurde. "Wenn sie dich mit einer Frau auf der Straße treffen," sagt Maioga, "bekommst du hundert Peitschenhiebe." Einmal habe er beobachtet, wie sie vor der Bibliothek ein junges Paar auspeitschten. Zwei 17-Jährige, die sich liebten und beim Austausch von Zärtlichkeit erwischt worden seien. Hundert Schläge habe jeder von denen bekommen, allerdings keine wuchtigen, wie er betont. Dem Mann mit der Peitsche wurde der Unterarm gegen den Oberarm gebunden, sodass er nicht hätte weit ausholen können." Danach haben die Dschihadisten die beiden verheiratet und ihnen Geschenke gegeben." Ein Motorrad, 150 Euro und einen Sack Reis. Ein für die Gesellschaft von Timbuktu fast salomonisches Urteil. Doch seien die Strafen über die Monate immer härter geworden, der Gurt zwischen Ober- und Unterarm wurde abgeschnallt. Die Islamisten hackten Dieben Hände ab, verurteilten andere zum Tod.

 Mohamed Moussa, der "Schrecken von Timbuktu"

Unterdessen quartierten sich immer mehr ausländische Gotteskrieger in Timbuktu ein. Es streiften Gruppen von Pakistanern und Mitglieder der nigerianischen Terrororganisation Boko Haram durch die Stadt. "Afghanistan" nannten die Einwohner den Platz am großen Markt, wo sich die Dschihadisten gerne trafen. Ein weißer Franzose sei mit seiner Frau und vier kleinen Kindern ebenfalls zu Ansar Dine gestoßen. Maioga hat ihn oft getroffen, mit einer Kalaschnikow über der Schulter, Abu Oumar, so hatte er sich mit Kriegsnamen genannt. Es gibt viele andere in der Stadt, die sich an die weiße Familie erinnern können, auch daran, dass die Kinder bereits begannen, die Sprache der Songhais zu lernen. Niemand weiß, wohin sie jetzt verschwanden.

Zur größten Geißel der Einwohner entwickelte sich jedoch einer der ihren, Mohamed Moussa ag Mohamed al Mostafa, der von den Dschihadisten berufene Chef der islamischen Polizei, dem "Schrecken von Timbuktu". Er hatte seine Zentrale im Gebäude der "Bank der Solidarität" eingerichtet. "Police" ist immer noch auf die Fassade gesprüht. Moussa war dafür berüchtigt, mit einem roten Geländewagen durch die Stadt zu fahren und wegen Geringfügigkeiten Frauen einzusperren. Viele von ihnen wurden in der "Bank der Solidarität" missbraucht.

Die Kinder der Nachbarn klettern an diesem Tag auf die Mauern des Hauses von Mohamed Moussa, viele sind nicht älter als zehn Jahre, sie singen und lachen. Breitbeinig sitzen die Jungs auf den Wänden, zu Dutzenden, und schlagen mit Axt und Spitzhacke die Lehmziegel heraus. Ihre Gesichter sind dreckverkrustet. "Er hat unsere Mütter geprügelt!", rufen einige der Älteren von ihnen. "Meine Schwester hat er auspeitschen lassen," gelt ein Siebenjähriger. Die Frauen der Nachbarschaft hätten ihnen die Anweisung gegeben, Moussas Familiendomizil dem Erdboden gleichzumachen. Stein für Stein reißen sie die Wände nieder, das Dach und die oberen zwei Meter haben sie bereits zu Staub verwandelt. Als ginge von diesem Haus ein Unheil aus. Ihre Väter verkaufen die Ziegel an Händler, mit vier Eseln transportieren sie den Schutt in Säcken ab. "Er war ein umgänglicher Mensch," sagt ein Nachbar über Mohamed Moussa, "aber kaum besaß er die Macht, begann er sich zu verändern."

Von Kinderhand niedergerissen

Er predigte gegen die Bücher an, gegen ihren vermeintlich unislamischen Inhalt. Sein Glauben duldete keinen Widerspruch, auch nicht den antiker Autoren. So beschreiben ihn die Nachbarn in Timbuktu. Ein ruhiger, kräftiger Mann mit gestutztem Bart, Mitte 40, der zu allen großzügig war. "Dann ist er nach Saudi-Arabien gereist," sagt der Vorsitzende des städtischen Krisenkomitees Diadie Hamadoun Maiga. Fünf Jahre sei er dort geblieben, was er genau dort gemacht habe, wisse man nicht. Als er nach Timbuktu zurückkehrte, baute er eine kleine Moschee, deren Imam er wurde. Er errichtete daneben sein Privathaus, in das er mit seiner Familie zog, verteilte milde Gaben an Bedürftige. Zwei saudische Organisationen hätten ihn dabei finanziert, berichtet Maiga, der während der ganzen Krise in Timbuktu blieb. Unter anderem sei Moussa durch die "International Islamic Relief Organization" unterstützt worden, eine Gründung des saudischen Königshauses, der eine Nähe zu islamistischen Terrorgruppen nachgesagt wird. Mit ihrer Hilfe habe es Moussa in die Führung von Ansar Dine geschafft. Zum Schluss galt er als Chefideologe der Gruppe.

Auf den Trümmern von Moussas Haus jubeln die Kinder, sie werfen die Hände hoch, springen hinab, tanzen, als sie an diesem Morgen von seiner Festnahme erfahren. Die Radionachrichten haben es verkündet. Eine Splittergruppe der Tuaregrebellen habe ihn an der algerischen Grenze festgesetzt, offenbar ein Handelspfand im Kampf um ihr eigenes Überleben. Flüchtig hingegen ist ein anderer Kopf von Ansar Dine, der Pressesprecher der Gruppe, Sanda Bamama, ein ehemaliger Schmuggler, wie es heißt. Er hatte die Amputationen und die Zerstörung der Heiligenschreine öffentlich gerechtfertigt. Auch sein Haus wird in diesen Tagen von Kinderhand niedergerissen. Türen, Fenster und Kabel sind bereits geplündert. "Er ist ein Tuareg!", begründen hier die Jungs ihr Wüten, die mit Stahlstangen die Fliesen von den Wänden brechen. Einen Verwandten von Bamama, ein Imam, der in einem Vorort lebte und sich zum Bleiben entschlossen hatte, nahmen die malischen Truppen fest, führten ihn hinaus in die Wüste, zusammen mit einem Freund, und exekutierten beide. 

Fast alle Häuser in diesem Wohnviertel, in dem Sanda Bamama lebte, dem Quartier der Araber, sind verlassen. Ihre Geschäfte im großen Markt wurden geplündert. Die Ladenzeilen ganzer Straßenzüge sind wie ausgeweidet, die Jalousientore aufgebrochen. Die Hellhäutigen hatten sich über die Dunkelhäutigen erhoben, jetzt erheben sich die Dunklen über die Hellen. Sogar die Regale haben sie den Arabern aus ihren Läden gerissen. Doch so sehr sie sich verabscheuen, so sehr sind sie aufeinander angewiesen. Der Handel in der Stadt bricht durch die Flucht der Araber endgültig zusammen. Die für Timbuktu lebenswichtigen Schmuggelrouten nach Algerien sind gekappt. Fast alles hatten sie bisher aus dem Nachbarstaat importiert. Die Bestechungen, die Händler auf der Nordroute hatten zahlen müssen, waren geringer als die auf der Südroute.

 Die Panzertüren hielten den Islamisten stand

"Wir werden euch unsere Telefonnummer hier lassen," sagt der Kommandeur der französischen Truppen am nächsten Tag, als er erstmals mit den Ältesten zusammentrifft. Nur eine Woche nach ihrer Ankunft bereiten die Franzosen bereits wieder ihren Abzug vor. "Schreiben Sie bitte uns auch ihren Kontakt auf, damit wir in Verbindung bleiben können." Die Verunsicherung unter den Komiteemitgliedern Timbuktus ist groß, hatte doch erst vor zwei Tagen Frankreichs Präsident François Hollande das Versprechen gegeben, so lange zu bleiben, wie es nötig sei. Wer untersuche jetzt ihre Gärten nach Munitionsverstecken, räume Blindgänger, schütze sie vor nächtlichen Einfällen der Islamisten? So viele Fragen prallen auf den Kommandeur. Doch er hat Order erhalten, mit dem Gros seiner Truppe Richtung Osten abzuziehen, nach Gao, wo die Islamisten erste Selbstmordanschläge verüben. "Wenn ihr Probleme habt," sagt er in die Runde hinein, "ruft mich an."

Das Schicksal der Stadt legen die ehemaligen Kolonialherren erneut in die Hände der malischen Armee, dieses bisher so desolaten Haufen. Die Streitkräfte Malis sind ein Spiegelbild des Landes, das auch 52 Jahre nach seiner Gründung ohne jeglichen Zusammenhalt ist. Obzwar sie die gleiche Uniform tragen, fühlen sie sich nicht dem Staat, sondern vor allem ihren jeweiligen Clans verpflichtet. Frisch eingekleidete Soldaten auf Pickups fahren die Hauptstraßen rauf und runter. Ihnen winkt in der Stadt niemand zu. In ihrem Hauptquartier sieht man sie schon früh morgens beim Saufen. Die Angst in Timbuktu ist groß, dass es nach Abzug der Franzosen zu Exzessen kommt. Oder dass die Islamisten wieder einfallen und Rache nehmen. Es ist schwer zu sagen, welche Angst die größere ist.

Für einen kurzen Moment lebt das Hotelgewerbe wieder auf. Mohamed Moussa hatte den Tourismus Timbuktus mit einem Bann belegt. Die Imame der Stadt hatten vier Jahre zuvor alle Moscheen für Touristen geschlossen, weil ein westliches Paar dabei ertappt worden war, wie es sich im Gebetsraum küsste. Darauf bauten die Islamisten auf. Viele Urlauber kämen nur nach Timbuktu, um Sex zu haben – untereinander oder mit Einheimischen. Die Hoteliers schraubten ihre Schilder ab, überstrichen ihre Namenszüge mit weißer Farbe. Die Köche vergruben ihre Biervorräte heimlich in der Wüste.

Eine Million Manuskripte

Der Mann, der am Anfang der Woche den Schatz seiner Familie aus der Grube hob, drei Kisten voller Manuskripte, Moulaye Haidara, träumt davon, eines Tages ein Privatmuseum zu eröffnen. Er greift mit den Händen in die Schichten der Manuskripte, um die Bestandsliste zu suchen. Die Ford-Stiftung hatte vor dem Einfall der Islamisten damit begonnen, den vielen kleinen Bibliotheksbesitzern bei der Katalogisierung ihrer Sammlungen zu helfen. Die Bücher Timbuktus hat die Wissenschaft erst vor 25 Jahren für sich entdeckt. Derzeit wird die Zahl der Manuskripte auf eine Million geschätzt, sie reichen bis ins 11. Jahrhundert zurück. Unter ihnen finden sich ins Arabische übersetzte Werke antiker Autoren. Und noch sind längst nicht alle Privatsammlungen erfasst. Viele Familien halten sie als Glücksbringer unter ständigem Verschluss, auch gegenüber Wissenschaftlern. Haidara wühlt vergeblich zwischen den Bündeln, von denen einige bei der bloßen Berührung zerrieseln. So viele, klagt er, sind beim Transport in das Erdloch schon kaputtgegangen.

Den Großteil der Familie hat er in den sicheren Süden geschickt, wo sie bei Verwandten wohnen. Er aber, Haidara, könne die Stadt nicht verlassen. "Die Nachbarn sagen, solange ich hier bin, wird ihnen nichts geschehen." Ein tief verankerter Glauben, dessen Schlussstein die Manuskripte von Moulaye Haidara sind. 

Im Ahmed-Baba-Institut haben die Islamisten nur einen kleinen Teil der eingelagerten Manuskripte gefunden. Die Panzertüren des vollklimatisierten Archivs im Untergeschoss konnten sie nicht knacken. Die 30.000 Manuskripte, die noch im alten Institutsgebäude aufbewahrt wurden, schmuggelten die dortigen Wachmänner Mitte des vergangenen Jahres in Reissäcken heraus. Zwei Wochen brauchten sie, bis der Abtransport aller Bücher abgeschlossen war. Sie stapelten sie auf die Ladefläche von Lastern und fuhren sie an den Niger, wo sie auf kleine Pirassen umgeladen wurden. Drei Tage waren die Bücher dann auf dem Fluss unterwegs, um in der Hafenstadt Mopti wiederum auf Lkws gepackt und endlich in die Hauptstadt Bamako gefahren werden zu können, wo sie heute an geheimen Ort lagern.

Der Wachmann Maioga hat seinen letzten Lohn im Februar 2012 ausgezahlt bekommen. Seine Familie muss von etwas leben, sagt er. Aus diesem Grund hat er damit begonnen, die Bücher zu verkaufen – nur die zeitgenössischen, beruhigt er sogleich.