Mali : Die Angst und die Freiheit
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 Drei Umstürze in zehn Monaten

Die Stadt selber, wenige Kilometer von hier, in der Islamisten ein neues Kalifat hatten aufbauen wollen, wirkt fast wie verlassen. Leere sandige Straßen, die einstöckige Lehmbauten säumen. Die Plätze um die großen Lehmmoscheen, Weltkulturdenkmäler, menschenleer. Hier und da Holzbuden, in denen junge Männer mit Wasser gestrecktes Benzin in Plastikflaschen verkaufen. "Die Bevölkerung von Timbuktu hat mir gezeigt, wie glücklich sie ist", sagt der französische Präsident François Hollande, als er einen Tag nach unserer Ankunft die Stadt besucht. "Einige habe ich gesehen, die sogar geweint haben." Er erwähnt nicht, dass ihm nur klägliche Reste der einstigen Einwohnerschaft zujubeln konnten. Die Mehrheit, verstreut über ganz Westafrika, bleibt stumm. Gleich zwei Flüchtlingswellen haben den 54.000-Seelen-Ort entvölkert. Im Frühjahr 2012 flohen vor allem dunkelhäutige Songhai vor den mit den Islamisten verbündeten hellhäutigen Tuareg und Arabern – die nun vor den anrückenden Interventionstruppen flohen.     

Wie irgendwie übrig geblieben, mit einer Plastiktasche großer und kleiner Schlüsseln, hockt der Wächter Alhusseini Maioga im Garten des Ahmed-Baba-Instituts. "Alle anderen sind weggelaufen", sagt er über die Wachmannschaft des wichtigsten Geschichtsarchivs Westafrikas. Und auch Maioga, 25, traut sich erst wieder seit dem Einzug der Franzosen an seinem Arbeitsplatz. Er ist ein trauriger Mann, der sich vom Schicksal bestraft fühlt. In den vergangenen Jahren hat er seine beiden Kinder an das Malaria-Fieber verloren. Als das neue Ahmed-Baba-Institut 2009 von Südafrika gebaut wurde, haben sie ihn, den gelernten Maurer, der nicht lesen und schreiben kann, als Wachmann eingestellt. Das Ahmed-Baba ist eine Hightech-Einrichtung mit Laboren und Restaurationswerkstätten. Es hatte die wertvollsten Bücher Timbuktus bewahren sollen. Jetzt weht Asche über das weitläufige Gelände. Nur Stunden vor ihrer Flucht haben Islamisten die Bücher, derer sie habhaft werden konnten, aus dem Gebäude getragen, sie aus ihren säurefreien Schobern gezogen und in Brand gesteckt. Das Feuer brannte für mehrere Stunden. Die Nachricht davon ging um die Welt.

An einem Betonpfeiler liegt ihre Asche, weiß wie Zucker, darin die schwarzen Kanten durchglühter Buchseiten. Die Überreste von mittelalterlichen Handschriften über islamisches Recht und Betrachtungen zur Astronomie aus dem 15. Jahrhundert. Vom Feuer verschrumpelte Ledereinbände liegen verstreut auf dem Boden. Jeden Tag trägt der Wind den Aschehaufen etwas ab. "Ich warte auf Anweisungen, was ich damit tun soll", sagt Maioga. Sämtliche wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts und auch sein Direktor hatten mit der Ankunft der Islamisten 2012 die Stadt verlassen. Als letzter floh einen Monat später auch Maioga. Eine Kampfgruppe mauretanischer und algerischer Dschihadisten hatte die Bibliothek zu ihrem Wohnquartier auserkoren. Der Wächter Maioga setzte sich in sein Heimatdorf am Niger ab, 20 Kilometer von hier, half seinen Brüdern beim Reisanbau. Alle paar Tage schlich er sich für Einkäufe zurück in die Stadt. Was er dort sah, gefiel ihm immer weniger.

Drei Umstürze in zehn Monaten erlitt die Stadt, von der die Europäer noch im 19. Jahrhundert annahmen, ihre Straßen seien aus Gold. Der erste war für Maioga der schlimmste. Am 1. April stürmten die Rebellen der Tuaregbewegung MNLA den Ort. Die Garnison aus 2.000 malischen Soldaten schloss sich ihnen entweder an, weil sie selbst den Tuareg angehörten, oder flohen. "Es war schrecklich", sagt der Wächter der Bücher. Die Rebellen, von niemandem kontrolliert, plünderten, erpressten und vergewaltigten. Timbuktus neue Herren proklamierten einen von Mali unabhängigen Staat, den "Azawad", wie die Tuareg in ihrer Sprache die Region nennen. Doch hatten sie keinen Rückhalt in der Bevölkerung, waren untereinander zerstritten. In dieses Chaos stießen die Islamisten des Al-Kaida-Ablegers AQIM und der Ansar Dine, der "Verteidiger des Glaubens", die zuvor in kleinen Gruppen in die Stadt eingesickert waren, mit der MNLA gemeinsame Sache gemacht hatten und jetzt den Umsturz im Umsturz herbeiführten.

Die Kulturen Schwarzafrikas und Arabiens treffen aufeinander

Es ist, als stießen in Timbuktu zwei mächtige Erdplatten aufeinander, ein Riss der Kulturen, an dem sich die Welt Schwarzafrikas und Arabiens berühren. Ständig reiben sie sich aneinander. Alle paar Jahre lösen sich die Spannungen in großen Erschütterungen mit Kriegen, Vertreibungen und Toten.

Über der Asche seiner Bücher erzählt der Wächter der Bibliothek, wie die Islamisten zunächst wieder die Ordnung herstellten, sie die Kämpfer in Lager außerhalb der Stadt verlegten. Das Plündern hatte ein Ende. Auf einer großen Versammlung verkündeten ihre Anführer die Einführung der Scharia. Neue Verbote wurden erlassen. Frauen, von denen sich die meisten in Timbuktu traditionell unverschleiert geben, mussten sich bedecken. Sie durften nicht mehr in Begleitung von Männern gesehen werden, was selbst ihre Brüder einschloss. Ihnen wurde das Arbeiten untersagt, die Marktfrauen wurden nach Hause gejagt, was den Handel zusammenbrechen ließ. Das Tanzen wurde verboten. Die Musik. Der Fußball. Prachtvolle Gewänder. Männer mussten Hosenbeine tragen, die über den Knöcheln endeten, so wie es zur Zeit des Propheten Mohammed Mode war. Nichts weniger planten die Mitglieder von Ansar Dine und AQIM, als die Kultur Timbuktus zu brechen. Traditionalisten rangen mit modernen Eiferern.

Die Stadt machten sie zu einem großen Umerziehungslager. Auch Maioga sperrten sie für drei Tage ein. Zwei mauretanische Dschihadisten hatten ihn beim Rauchen erwischt. Fast jede Familie kennt ein Mitglied, das eingesperrt oder geschlagen wurde. "Wenn sie dich mit einer Frau auf der Straße treffen," sagt Maioga, "bekommst du hundert Peitschenhiebe." Einmal habe er beobachtet, wie sie vor der Bibliothek ein junges Paar auspeitschten. Zwei 17-Jährige, die sich liebten und beim Austausch von Zärtlichkeit erwischt worden seien. Hundert Schläge habe jeder von denen bekommen, allerdings keine wuchtigen, wie er betont. Dem Mann mit der Peitsche wurde der Unterarm gegen den Oberarm gebunden, sodass er nicht hätte weit ausholen können." Danach haben die Dschihadisten die beiden verheiratet und ihnen Geschenke gegeben." Ein Motorrad, 150 Euro und einen Sack Reis. Ein für die Gesellschaft von Timbuktu fast salomonisches Urteil. Doch seien die Strafen über die Monate immer härter geworden, der Gurt zwischen Ober- und Unterarm wurde abgeschnallt. Die Islamisten hackten Dieben Hände ab, verurteilten andere zum Tod.

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Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Scheinheilig

Am besten gleich dort bleiben. Die Isamisten haben sich unter die Bevölkerung gemischt und tun jetzt scheinheilig, als wäre nichts gewesen. Bei der nächsten Gelengeheit kommen sie dann wieder hevor. Also aufgepasst, liebe Franzosen! Lasst Euch nicht an der Nase herum führen und drückt lieber einmal mehr ab, als zu wenig. Vor Europas Haustür darf es keine Terroristennester geben. Sofortiger Abzug würde genau dies bedeuten, denn ein zweitesmal wird Hollande seine Soldaten nicht in die Wüste schicken können, und Ansar Dine weiss dies genau. Eventuell könnten auch die Amis mit ihrer Drohnentechnologie einsteigen, das wäre billiger.

Scheinheiligkeit zwei

Scheinheiligkeit, das passt eigentlich auch zu Ihrem Kommentar. Denn einerseits scheint Ansar Dine auch für Sie ein ernstes Problem zu sein. Sie sehen ja ein bedrohliches Vorrücken des Islamismus. Andererseits verteufeln Sie aber die wirksamen Gegenmittel. Denn Sie sollten sich nichts vormachen, gegen Maschinengewehre helfen nur noch bessere Maschinengewehre, oder anders ausgedrückt: "Gegen einen bad guy mit Waffen hilft nur ein good guy mit Waffen". Und in dieser Frage haben Sie ja wie gesagt bereits Ihre Entscheidung getroffen, wer der bad guy ist.
Konflikte können ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch militärisch gelöst werden. Und vor diesem Zeitpunkt ist es praktisch unmöglich "die betroffenen Staaten zu stärken", denn das Selbstbestimmungsrecht der Staaten verhindert es. Und man sollte auch nicht vergessen, dass ja gerade Sie dann auch am lautesten Aufschreien und von Einflussnahme reden würden. Sie würden die Mudjaheddin ins Feld führen, Saddam, Gadhafi etc etc etc., wo am Ende der ehemalige Partner zum Problem wurde.

Gegenteil

Ich halte ihre hier vertretene Meinung für scheinheilig. Ob sie diese Meinung schlicht aus politische Überzeugung oder einfach aus Ignoranz der historischen Fakten vertreten kann ich nicht beurteilen. Ich möchte ihnen denoch kurz anhand einiger Stichworte erläutern warum dieser Meinung bin.
Seit 60 Jahren "intervenieren" die Westlichen Mächte aus offizell humanitären Gründen in diversen Ländern.
Guatemala (United Fruit)
Iran (Mossadegh/Iran Contra)
Kongo (Lumumba)
Cuba (Bay of Pigs)
Vietnam/Kambodscha
Chile (Allende)
Afghanistan (1979/Bin Laden Support)
Nicaragua (Sandinisten)
Irak (Massenvernichtungswaffen?/Öl)
Burkina Fasu (Thomas Sankara)
....
Mali (Uran/Areva?????)

Und immer wollten wir die Welt vor dem "Bösen" dort schützen. In Wahrheit waren es wirtschaftliche Interessen oder "falsche" politische Systeme. GENAU DAS IST SCHEINHEILIG.

BTW: Der Nahe Osten ist näher vor unserer Haustüre als Mali (rein geografisch betrachtet).