Mali : Die Angst und die Freiheit
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 Mohamed Moussa, der "Schrecken von Timbuktu"

Unterdessen quartierten sich immer mehr ausländische Gotteskrieger in Timbuktu ein. Es streiften Gruppen von Pakistanern und Mitglieder der nigerianischen Terrororganisation Boko Haram durch die Stadt. "Afghanistan" nannten die Einwohner den Platz am großen Markt, wo sich die Dschihadisten gerne trafen. Ein weißer Franzose sei mit seiner Frau und vier kleinen Kindern ebenfalls zu Ansar Dine gestoßen. Maioga hat ihn oft getroffen, mit einer Kalaschnikow über der Schulter, Abu Oumar, so hatte er sich mit Kriegsnamen genannt. Es gibt viele andere in der Stadt, die sich an die weiße Familie erinnern können, auch daran, dass die Kinder bereits begannen, die Sprache der Songhais zu lernen. Niemand weiß, wohin sie jetzt verschwanden.

Zur größten Geißel der Einwohner entwickelte sich jedoch einer der ihren, Mohamed Moussa ag Mohamed al Mostafa, der von den Dschihadisten berufene Chef der islamischen Polizei, dem "Schrecken von Timbuktu". Er hatte seine Zentrale im Gebäude der "Bank der Solidarität" eingerichtet. "Police" ist immer noch auf die Fassade gesprüht. Moussa war dafür berüchtigt, mit einem roten Geländewagen durch die Stadt zu fahren und wegen Geringfügigkeiten Frauen einzusperren. Viele von ihnen wurden in der "Bank der Solidarität" missbraucht.

Die Kinder der Nachbarn klettern an diesem Tag auf die Mauern des Hauses von Mohamed Moussa, viele sind nicht älter als zehn Jahre, sie singen und lachen. Breitbeinig sitzen die Jungs auf den Wänden, zu Dutzenden, und schlagen mit Axt und Spitzhacke die Lehmziegel heraus. Ihre Gesichter sind dreckverkrustet. "Er hat unsere Mütter geprügelt!", rufen einige der Älteren von ihnen. "Meine Schwester hat er auspeitschen lassen," gelt ein Siebenjähriger. Die Frauen der Nachbarschaft hätten ihnen die Anweisung gegeben, Moussas Familiendomizil dem Erdboden gleichzumachen. Stein für Stein reißen sie die Wände nieder, das Dach und die oberen zwei Meter haben sie bereits zu Staub verwandelt. Als ginge von diesem Haus ein Unheil aus. Ihre Väter verkaufen die Ziegel an Händler, mit vier Eseln transportieren sie den Schutt in Säcken ab. "Er war ein umgänglicher Mensch," sagt ein Nachbar über Mohamed Moussa, "aber kaum besaß er die Macht, begann er sich zu verändern."

Von Kinderhand niedergerissen

Er predigte gegen die Bücher an, gegen ihren vermeintlich unislamischen Inhalt. Sein Glauben duldete keinen Widerspruch, auch nicht den antiker Autoren. So beschreiben ihn die Nachbarn in Timbuktu. Ein ruhiger, kräftiger Mann mit gestutztem Bart, Mitte 40, der zu allen großzügig war. "Dann ist er nach Saudi-Arabien gereist," sagt der Vorsitzende des städtischen Krisenkomitees Diadie Hamadoun Maiga. Fünf Jahre sei er dort geblieben, was er genau dort gemacht habe, wisse man nicht. Als er nach Timbuktu zurückkehrte, baute er eine kleine Moschee, deren Imam er wurde. Er errichtete daneben sein Privathaus, in das er mit seiner Familie zog, verteilte milde Gaben an Bedürftige. Zwei saudische Organisationen hätten ihn dabei finanziert, berichtet Maiga, der während der ganzen Krise in Timbuktu blieb. Unter anderem sei Moussa durch die "International Islamic Relief Organization" unterstützt worden, eine Gründung des saudischen Königshauses, der eine Nähe zu islamistischen Terrorgruppen nachgesagt wird. Mit ihrer Hilfe habe es Moussa in die Führung von Ansar Dine geschafft. Zum Schluss galt er als Chefideologe der Gruppe.

Auf den Trümmern von Moussas Haus jubeln die Kinder, sie werfen die Hände hoch, springen hinab, tanzen, als sie an diesem Morgen von seiner Festnahme erfahren. Die Radionachrichten haben es verkündet. Eine Splittergruppe der Tuaregrebellen habe ihn an der algerischen Grenze festgesetzt, offenbar ein Handelspfand im Kampf um ihr eigenes Überleben. Flüchtig hingegen ist ein anderer Kopf von Ansar Dine, der Pressesprecher der Gruppe, Sanda Bamama, ein ehemaliger Schmuggler, wie es heißt. Er hatte die Amputationen und die Zerstörung der Heiligenschreine öffentlich gerechtfertigt. Auch sein Haus wird in diesen Tagen von Kinderhand niedergerissen. Türen, Fenster und Kabel sind bereits geplündert. "Er ist ein Tuareg!", begründen hier die Jungs ihr Wüten, die mit Stahlstangen die Fliesen von den Wänden brechen. Einen Verwandten von Bamama, ein Imam, der in einem Vorort lebte und sich zum Bleiben entschlossen hatte, nahmen die malischen Truppen fest, führten ihn hinaus in die Wüste, zusammen mit einem Freund, und exekutierten beide. 

Fast alle Häuser in diesem Wohnviertel, in dem Sanda Bamama lebte, dem Quartier der Araber, sind verlassen. Ihre Geschäfte im großen Markt wurden geplündert. Die Ladenzeilen ganzer Straßenzüge sind wie ausgeweidet, die Jalousientore aufgebrochen. Die Hellhäutigen hatten sich über die Dunkelhäutigen erhoben, jetzt erheben sich die Dunklen über die Hellen. Sogar die Regale haben sie den Arabern aus ihren Läden gerissen. Doch so sehr sie sich verabscheuen, so sehr sind sie aufeinander angewiesen. Der Handel in der Stadt bricht durch die Flucht der Araber endgültig zusammen. Die für Timbuktu lebenswichtigen Schmuggelrouten nach Algerien sind gekappt. Fast alles hatten sie bisher aus dem Nachbarstaat importiert. Die Bestechungen, die Händler auf der Nordroute hatten zahlen müssen, waren geringer als die auf der Südroute.

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Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Scheinheilig

Am besten gleich dort bleiben. Die Isamisten haben sich unter die Bevölkerung gemischt und tun jetzt scheinheilig, als wäre nichts gewesen. Bei der nächsten Gelengeheit kommen sie dann wieder hevor. Also aufgepasst, liebe Franzosen! Lasst Euch nicht an der Nase herum führen und drückt lieber einmal mehr ab, als zu wenig. Vor Europas Haustür darf es keine Terroristennester geben. Sofortiger Abzug würde genau dies bedeuten, denn ein zweitesmal wird Hollande seine Soldaten nicht in die Wüste schicken können, und Ansar Dine weiss dies genau. Eventuell könnten auch die Amis mit ihrer Drohnentechnologie einsteigen, das wäre billiger.

Scheinheiligkeit zwei

Scheinheiligkeit, das passt eigentlich auch zu Ihrem Kommentar. Denn einerseits scheint Ansar Dine auch für Sie ein ernstes Problem zu sein. Sie sehen ja ein bedrohliches Vorrücken des Islamismus. Andererseits verteufeln Sie aber die wirksamen Gegenmittel. Denn Sie sollten sich nichts vormachen, gegen Maschinengewehre helfen nur noch bessere Maschinengewehre, oder anders ausgedrückt: "Gegen einen bad guy mit Waffen hilft nur ein good guy mit Waffen". Und in dieser Frage haben Sie ja wie gesagt bereits Ihre Entscheidung getroffen, wer der bad guy ist.
Konflikte können ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch militärisch gelöst werden. Und vor diesem Zeitpunkt ist es praktisch unmöglich "die betroffenen Staaten zu stärken", denn das Selbstbestimmungsrecht der Staaten verhindert es. Und man sollte auch nicht vergessen, dass ja gerade Sie dann auch am lautesten Aufschreien und von Einflussnahme reden würden. Sie würden die Mudjaheddin ins Feld führen, Saddam, Gadhafi etc etc etc., wo am Ende der ehemalige Partner zum Problem wurde.

Gegenteil

Ich halte ihre hier vertretene Meinung für scheinheilig. Ob sie diese Meinung schlicht aus politische Überzeugung oder einfach aus Ignoranz der historischen Fakten vertreten kann ich nicht beurteilen. Ich möchte ihnen denoch kurz anhand einiger Stichworte erläutern warum dieser Meinung bin.
Seit 60 Jahren "intervenieren" die Westlichen Mächte aus offizell humanitären Gründen in diversen Ländern.
Guatemala (United Fruit)
Iran (Mossadegh/Iran Contra)
Kongo (Lumumba)
Cuba (Bay of Pigs)
Vietnam/Kambodscha
Chile (Allende)
Afghanistan (1979/Bin Laden Support)
Nicaragua (Sandinisten)
Irak (Massenvernichtungswaffen?/Öl)
Burkina Fasu (Thomas Sankara)
....
Mali (Uran/Areva?????)

Und immer wollten wir die Welt vor dem "Bösen" dort schützen. In Wahrheit waren es wirtschaftliche Interessen oder "falsche" politische Systeme. GENAU DAS IST SCHEINHEILIG.

BTW: Der Nahe Osten ist näher vor unserer Haustüre als Mali (rein geografisch betrachtet).