MaliDie Angst und die Freiheit

Die Islamisten sind aus Timbuktu geflohen, doch die Menschen fürchten ihre Rückkehr. Reise in eine verstörte Stadt von 

Überreste zerstörter Manuskripte im Ahmed-Baba-Institut in Timbuktu

Überreste zerstörter Manuskripte im Ahmed-Baba-Institut in Timbuktu  |  © Benoit Tessier/Reuters

In der Dunkelheit der Kammer sinkt er auf die Knie. Er fährt mit den Handflächen über den Lehmboden, behutsam, langsam, als streichle er den Bauch einer Schwangeren. Den Oberkörper hat er weit nach vorne gestreckt, Moulaye Haidara, 50, ein hagerer Mann. Er ist so groß und so schmal wie die Türdurchgänge dieses Hauses, das seine Familie seit Jahrhunderten bewohnt. Seine Fingerspitzen gleiten über den Sand, mit dem sie den Boden bestreut haben. Der älteste Sohn, 12, steht neben ihm, er hält das leuchtende Display eines Handys über die Hände des Vaters. Der einzige Lichtschein in diesem fensterlosen Raum.

Es dauert nicht lange, da bekommt Haidara eine Unebenheit zu fassen, ein im Boden eingegrabenes Brett. Er zieht mit den Fingerspitzen daran, wischt den Sand darüber weg, hebt die Holzkante vorsichtig an. Eine kleine Grube öffnet sich unter ihm. Zwei weitere Bretter löst er aus dem Fußboden und sieht dann hinab. Drei Metalltruhen schimmern dort, gefüllt mit Bündeln von eng beschriebenem Papier, jahrhundertealten Manuskripten. "Diese Bücher haben magische Kräfte. Sie wachen über meine Kinder." Vor acht Monaten hat der Arabischlehrer Haidara sie hier vergraben, um sie vor den Islamisten zu schützen, in der Erde Timbuktus. 600 Manuskriptsammlungen in Familienbesitz gibt es in der Stadt, und fast alle wurden sie versteckt. Jetzt holt Moulaye Haidara seine Bibliothek wieder hervor, stellt die drei Kisten in das rückwärtige Zimmer im Erdgeschoss, wo sie seine Familie seit vielen Generationen aufbewahrte, doch packt er sie noch nicht aus. Es ist der sechste Tag nach dem Einmarsch der Franzosen. Ihre Konvois patrouillieren auf den Hauptstraßen. Die Gefahr für seine Bücher aber, so sorgt sich Moulaye Haidara, ist nicht vorüber.

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Mali ist auch mehrere Wochen nach Beginn der französischen Operation "Serval" in zwei Hälften geteilt. Immer noch sperren entlang der ehemaligen Frontlinie Posten der malischen Armee die Straßenverbindungen in den Norden. Weder Hilfskonvois mit Nahrungsmitteln noch Journalisten dürfen passieren. Timbuktu ist knapp 1.000 Kilometer von der Hauptstadt Bamako entfernt und bleibt vom Rest des Landes isoliert. Timbuktu, die Unerreichbare. So nannte man sie im 19. Jahrhundert. Die sprichwörtliche Fabelstadt. Bei einer Umfrage unter britischen Schulkindern vor sieben Jahren gaben 34 Prozent an, Timbuktu gebe es nicht. Ein Ort der Fantasie. Der erste französische Militärkonvoi, der Ende Januar zu ihr aufbricht, das berichten mitreisende französische Journalisten, bleibt an der mauretanischen Grenze für acht Stunden im tiefen Wüstensand stecken. Die befehlshabenden Offiziere vertrauen auf GPS-Systeme und verlieren sich bald in einer Landschaft, in der es keine Wege gibt und keine Straßen, nur Ziegenpfade. Sie mieten sich in den Dörfern kundige Führer, die die Truppen schließlich nach Timbuktu bringen. Einmal dort angekommen, nehmen sie den Ort ohne Gegenwehr ein.

Der Flughafen – Frankreichs Flugzeugträger in der Wüste

Karte Mali

© ZEIT-Grafik

Sogar aus der Luft ist Timbuktu nur unter großen Schwierigkeiten zu erreichen. Die ZEIT hat zusammen mit amerikanischen und britischen Journalisten ein Charterflugzeug in Bamako gemietet. Wenige Tage nach der Eroberung durch die Franzosen ist es der erste zivile Flieger, der in Timbuktu landen wird. Niemand weiß so recht, was uns erwartet. Die Telefonverbindungen in die Stadt sind abgebrochen. Unter uns mäandriert der breite Strom des Niger, dem der Pilot der "Beechcraft" wie auf einem Leitstrahl folgt. Er fliegt auf Sicht, denn die Islamisten haben vor ihrer Flucht aus Timbuktu die Instrumente des Towers zerstört. Doch die Sicht ist miserabel. Die Maschine wird von immer dichteren Staubschleiern umhüllt, feuerrot leuchtend, aus denen einzelne Strähnen zum blauen Himmel hin ausfransen. Ein Gefühl, als tauchten wir ein in die Atmosphäre des Planeten Mars.

Als wir aufsetzen, der Pilot die Treppe ausklappt, ist niemand auf dem Rollfeld, um uns zu empfangen. Keiner rechnet hier mit Zivilisten. Einige Soldaten spielen Baseball. Dicht über unsere Köpfe ziehen vornüber geneigte Kampfhubschrauber. Vor dem Terminal die ersten Wracks zerstörter Flugabwehrgeschütze der Islamisten. Der Flughafen Timbuktus ist in diesen Tagen so etwas wie Frankreichs Flugzeugträger in der Wüste, das logistische Herz, von hier aus schwärmen die Truppen zu Konvois aus und fliegen Helikopter Attacken ins Hinterland.

Leserkommentare
  1. Nun, eine Quelle ist hier ja schon genannt worden: Saudi-Arabien aber auch Qatar gelten in der gesamten Region als sichere Nummer bei der Finanzierung des "richtigen" (wahabitischen) Glaubens.

    Allerdings ist das nur ein Standbein: Seit dem Ende des algerischen Bürgerkriegs hatten sich viele der dort gescheiterten Terroristen im Wüstengebiet zwischen Algerien/Mali/Niger/Mauretanien festgesetzt und haben sich seither durch Schmuggel, Drogenhandel (Südamerika-Europa-Route) und Entführungen ein hübsches finanzielles Polster aufgebaut.

    Erinnern Sie sich an die Entführung der Deutschen, die man schon 2003 von Algerien nach Mali verschleppt hatte und für deren Befreiung "keinerlei Lösegeld" gezahlt wurde? Wahrscheinlich war dieses "Keinerlei" ein ganz guter Grundstock.

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    • Apoxx
    • 18. Februar 2013 18:59 Uhr

    Ich halte ihre hier vertretene Meinung für scheinheilig. Ob sie diese Meinung schlicht aus politische Überzeugung oder einfach aus Ignoranz der historischen Fakten vertreten kann ich nicht beurteilen. Ich möchte ihnen denoch kurz anhand einiger Stichworte erläutern warum dieser Meinung bin.
    Seit 60 Jahren "intervenieren" die Westlichen Mächte aus offizell humanitären Gründen in diversen Ländern.
    Guatemala (United Fruit)
    Iran (Mossadegh/Iran Contra)
    Kongo (Lumumba)
    Cuba (Bay of Pigs)
    Vietnam/Kambodscha
    Chile (Allende)
    Afghanistan (1979/Bin Laden Support)
    Nicaragua (Sandinisten)
    Irak (Massenvernichtungswaffen?/Öl)
    Burkina Fasu (Thomas Sankara)
    ....
    Mali (Uran/Areva?????)

    Und immer wollten wir die Welt vor dem "Bösen" dort schützen. In Wahrheit waren es wirtschaftliche Interessen oder "falsche" politische Systeme. GENAU DAS IST SCHEINHEILIG.

    BTW: Der Nahe Osten ist näher vor unserer Haustüre als Mali (rein geografisch betrachtet).

    Antwort auf "Scheinheilig"
  2. Endlich einmal eine Reportage, wie man sie von
    einer Qualitätszeitung alten Schlages erwartet !
    Gratulation, Herr Bauer - als ehemaliger Dozent
    fürwirklichen Journalistik möchte ich Sie von der Güte der Recherche und dem lebendigen Stil des Textes her am liebsten für den Theodor-Wolff-Preis für Reportage vorschlagen... Vielleicht ergreift Ihre Redaktion die Initiative...
    Außerdem würde ich die Reportage aber auch einigen Damen und Herren als Pflichtlektüre
    auferlegen:
    Herrn de Maizière und seinen EU-Kollegen - die Passagen über das Versagen des GPS, vor
    allem aber die Aussagen über die Loyalitäten der malischen Armmee zum Beispiel - bevor sie
    den Unsinn einer "Ausbildungsmission" für diese
    Armee weiter verfolgen. Vielleicht ist ja auch
    ein hoher Militär klüger als unsere Minister - wenn nach Afghanistan Zweifel am Mannesmut der Karriere-Generäle vor Minister-Thronen auch
    angebracht sein dürften...
    Herrn Westerwelle und seinen Nahost-Beratern,
    die genau diese aus der ganzen islamischen
    Welt herbeigeeilten "Dschihadisten" in Syrien
    als "Rebellen" und "Freiheitskämpfer" hofieren
    und nach Kräften unterstützen - und in das Hauptquartier des sunnitischen Islamismus, nach
    Saudiarabien deutsche Panzer verkaufen lassen...
    Frau Slomka (der Prophetin der "Arabellion" und der "facebook-Revolution" )wie der Mehrzahl der ör TV-Korrespondenten, um sich ein Beispiel an gründlicher Recherche und seriöser politischer
    Einschätzung zu nehmen...
    kluger politischer Einschätzung

    Eine Leserempfehlung
  3. Einmal abgesehen davon, dass die Islamisten gegen für uns wichtige Werte verstoßen.

    Das die Islamisten den arabisch-islamischen Wissenschatz
    zerstören ist unglaublich beschränkt überheblich. Sie
    verhalten sich wie Kulturimperialisten und oktroieren eine Kultur auf, die einfach nicht zur dortigen Kultur passt. Die Wirtschaft zusammenbrechen zu lassen zeugt von Unverständnis, Unwissen und Ignoranz. Islamisten sollten sich klar machen, wie die USA es geschaft hat, weltweit abgelehnt zu werden: Ignoranz und Überheblichkeit die ins Maßlose geht. Die Islamisten hier ziehen gleich. Sie werden sich nicht zu wundern brauchen, wenn die einheimische Bevölkerung sich gegen sie wendet und anfeindet, so wie die USA an vielen Orten angefeindet wird.

    Wenn man schon von Selbstzerstörung der Muslime an ihrer eigenen Kultur und Geschichte redet. Ich habe neulich gehört, dass die Ägypter noch Dörfer haben, wo das frühere Ägyptisch gesprochen wird. Die Ägypter hatten vor der Arabisierung eine andere Sprache. Man findet sie im Koptischen. Die koptischen Christen hatten die ursrüngliche ägyptische Sprache beibehalten. Sie hatten das Arabisch nicht so übernommen wie die anderen Ägypter. Und in einigen Dörfern wird noch ein Dialekt verwendet, der noch der Sprache, mit der die Hieroglyphen gelesen und geschrieben werden ähnlich ist.

    Wenn islamische Fanatiker diese Kopten vertreiben, vertoßen sie nicht nur gegen die Anordnungen Mohammeds, sondern richten sich gegen Ägypten selbst.

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    es ist doch egal, fanatisch ist es und war es, als Synagogen brannten, und maschinell gemordet wurde war es das selbe Muster Rassen Wahn, Egal ob religioeser Wahn, das Ergebnis ist ..Untergang, Zertoerung, Leid

  4. Seien Sie vergewissert, die Islamisten kommen wieder. Frankreich kann nicht auf Ewig die Kosten für einen Einsatz in Mali bestreiten. Die ISlamisten werden eine Hit and RUn Taktik anwenden, ohne eine große Breitseite zu bieten. Es wird keine "Schlachten" nach altem Muster geben. Das ist wie David gegen Goliath. Schnell werden die Terroristen handeln. Bis die Armee reagiert sind sie schon wieder woanders. Erst wenn der Gegner Schwäche zeigt, dann werden sich die Terroristen wie ein STachel festsetzen. Was meinen Sie, weshalb es zu keinen relevanten Kämpfen kam? Seit Syrien wissen wir, dass weltweit islamistische Schläfer unter uns Lauern und unsere SIcherheit gefährden. Alleine aus Britannien sind tausende junge Islmaisten nach Syrien in den Jihad gepilgert, obwohl sie keinen Bezug zu Syrien hatten. Die werden wir leider nicht los. Die kommen zurück. Davor graust es mir! Eine neue Zeit des suadisch finanzierten Terrors hat begonnen. Brutstätten sind die weltweit saudisch finanzierten Islamisten Zentren! Die sind auch über ganz Afrika verteilt. Mali wird leider keine Ruhe haben, ist auch nur ein Dominostein, wie Syrien, etc. Man müsste das saudische Geld einfrieren und so den Nachschub trocken legen!

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    Mit den Saudius werden gerade tolle Waffen Geschaefte gemacht, gerade so als ob niemand im Staate wuesste was die Saudis so fuer den islamischen Terror tun, sie bemuttern ihn....

  5. Zitat"Unter anderem sei Moussa durch die "International Islamic Relief Organization" unterstützt worden, eine Gründung des saudischen Königshauses, der eine Nähe zu islamistischen Terrorgruppen nachgesagt wird. " Den Saudis verkauft Deutschland Waffensysteme da es stabil gilt. Schafft die Geheimdienste ab in Deutschland dann muss man sich nicht schaemen das die Regierung die Waffen Verkaufe genehmeigt an ein Regime, das den terror stuezt. !!

  6. Mit den Saudius werden gerade tolle Waffen Geschaefte gemacht, gerade so als ob niemand im Staate wuesste was die Saudis so fuer den islamischen Terror tun, sie bemuttern ihn....

    Antwort auf "Keine FLucht!"
  7. es ist doch egal, fanatisch ist es und war es, als Synagogen brannten, und maschinell gemordet wurde war es das selbe Muster Rassen Wahn, Egal ob religioeser Wahn, das Ergebnis ist ..Untergang, Zertoerung, Leid

    Antwort auf "Kulturzerstörer"

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