Harald MartensteinÜber echten und falschen Tierschutz

Sex mit Tieren soll verboten werden, aber Quälerei bei der Tierschlachtung bleibt legal? An der deutschen Rechtsprechung stimmt etwas nicht, findet Harald Martenstein. von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Es gibt Sonderformen des Begehrens, die ich irgendwie begreifen kann, obwohl ich selbst so etwas eher nicht tun würde. Dass manche Menschen Schmerz als lustvoll empfinden, leuchtet zum Beispiel ein. Schmerz, eine starke Empfindung. Den Drang, sich zur Dragqueen zu schminken, eine Vorliebe für Füße, die Lust am Auspeitschen – das kapiere ich alles. Was ich überhaupt nicht verstehe, ist der Wunsch mancher Leute, mit ihrem Hund Sex zu haben. Allein schon der Geruch meines Hundes törnt mich total ab. Geruch ist in der Erotik ja immer sehr wichtig.

Kürzlich hat der Bundestag beschlossen, dass Sex mit Tieren wieder strafbar sein soll. Die sogenannte Sodomie ist, bis 1969, schon mal strafbar gewesen, Paragraf 175b. Das hat man im Rahmen der Liberalisierung des Strafrechts damals abgeschafft, mit der Begründung, dass sich das Strafrecht aus Moralfragen besser heraushält. Immerhin gibt es ja das Verbot der Tierquälerei. Ein Mensch, der ein Tier quält, macht sich strafbar, egal, ob dabei Sex eine Rolle spielt oder einfach nur Rohheit. Ob die Mehrheit eine bestimmte Sexualpraktik als widernatürlich empfindet, darf für das Strafrecht keine Rolle spielen – so dachte man damals, 1969, im goldenen Zeitalter der Liberalität.

Anzeige

Ich habe mir den Tierschutz-Paragrafen angeschaut. Es heißt da, dass man Tieren nicht ohne Grund erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügen darf. Da frage ich mich spontan, wieso unsere Schlachthäuser nicht längst von der Polizei dichtgemacht worden sind. Wenn ich lese oder in Filmen sehe, auf welche Weise Tiere in den Fleischfabriken behandelt werden, erscheinen mir die Wörter "Schmerzen" und "Leiden" durchaus zutreffend. Einen zwingenden "Grund" dafür gibt es eigentlich nicht. Man kann Tiere auch weniger grausam behandeln, bevor man sie isst. Das Fleisch kommt dann freilich etwas teurer – na und? Hungern muss deshalb keiner.

Vor ein paar Tagen habe ich mir das Philosophie-Magazin gekauft. Im Philosophie-Magazin befassen sie sich ebenfalls mit dem moralischen Problem der Sodomie. Sie stellen dort die Frage, weshalb man den Tieren zwar straffrei den Kopf abhacken darf, Begründung: Ich habe Lust auf Fleisch, es andererseits aber verbietet, sie zu begatten, trotz der moralisch etwa gleichwertigen Begründung: Ich habe Lust auf Sex. Logisch sei das nicht. Die Philosophen können es nicht begreifen. Wenn man Tierquälerei im Kleinen verbietet, wieso erlaubt man sie dann im Großen? Denn während die Sodomisten oder Zoophilen, wie sie selbst sich nennen, eine winzige Minderheit sind, handelt es sich bei den Schlachthöfen um ein Massenphänomen.

Und das dürfte auch der Grund sein für das unlogische Verhalten des Bundestages. Ein strenges Tierschutzgesetz berührt wirtschaftliche Interessen, da müsste man Mut und Kampfgeist beweisen und Lobbygruppen widerstehen, während das Verbot der Sodomie sich relativ problemlos durchsetzen und kaum kontrollieren lässt. Es hilft den Tieren so gut wie nicht, es ist einfach nur billig, es ist die heutzutage so beliebte moralisierende Symbolpolitik.

Klar, ein paar Verbesserungen des Tierschutzes gibt es, von Zeit zu Zeit. Zum Beispiel wurde beschlossen, dass Ferkel nicht mehr ohne Betäubung kastriert werden dürfen. Dieses Verbot tritt allerdings erst 2019 in Kraft. Das Sodomieverbot dagegen könnte noch 2013 in Kraft treten. Von 2013 bis 2019 darf dann jeder Deutsche einem Ferkel ohne Betäubung die Hoden abschneiden. Wenn er aber dem Ferkel in sexueller Absicht an den Schwanz fasst, ist dies verboten.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Nest
    • 14. Februar 2013 12:01 Uhr

    die das Individuum trifft, einfach Kompensationsgehabe von Politikern, die es frustriert, dass sie sich nicht gegenüber den wirtschaftlichen Lobbys durchsetzen können.

  1. Harald Martenstein trifft´s wie schon am 5. Januar 2013 Professor Uli Clement in seinem blog http://carl-auer.de/blogs... Dort ist in Kommentar 5 von

  2. pardon, zu schnell gestartet: also, dort ist in Kommentar 5 von Höfen die Rede, die sich der Zoophilie direkt verschrieben haben, mit Erfolg. Lieber Harald Martenstein, bitte zu lesen, diesen blog auch weiter zu verfolgen, oder noch besser Uli Clement mal für die ZEIT aufnehmen. Als ZEIT-Abonnent gilt mein erster Blick jeden Donnerstag Harald Martensteins Kolumne im Magazin, als Carl-Auerianer jeden Tag den dortigen blogs und ihren Kommentaren.

  3. ...hat Herr Martenstein reingesehen?

    Wir kennen alle die Reportage, die vor einigen Tagen im ÖR lief. Aber so muss es nicht immer ablaufen. Es gibt genügend zertifizierte Landwirte, die mit dem Tierschutzbund zusammenarbeiten. Man muss nur auf das entsprechende Siegel achten.

    Was die Zoophilie angeht, halte ich es für richtig, diese unter Strafe zu stellen. Wer ein anderes Geschöpf Kraft überlegenen Wissens zu sexuellen Handlungen bewegt, gehört bestraft.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Ginch3n
    • 18. Februar 2013 19:19 Uhr

    ... der ein anderes Geschöpf Kraft überlegenen Wissens zum Sterben bewegt?

    • mirido
    • 15. Februar 2013 21:31 Uhr

    Eigentlich ist das doch ganz einfach.
    Wenn eine Hündin dazu bereit und willig ist, lässt sie den Rüden an sich heran. Wenn nicht, dann nicht.
    Sie eruiert über den Geruch, ob das passt / ob das u.a. vom Immunpotential her gesunden Nachwuchs ergibt.
    Wenn ein Mensch sich auf sexueller Ebene einem Tier nähert, ist dies sicherlich mehr als angewidert.
    Mein Hund lebte früher bei der Leiterin eines ungarischen Tierheims. Er versucht ständig, mit angelegten Ohren, eingekniffenem Schwanz und verdrehten Augen, Frauen abzuschlecken. Der arme Hund hat in der Hinsicht `nen Schaden.
    Lasst die Tiere in Ruhe.[...]
    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/jk

    • mirido
    • 15. Februar 2013 22:00 Uhr

    dass es sicherlich besser für die Tiere wäre, wenn der Mensch masturbiert und nicht Tiere missbraucht.

    • mirido
    • 15. Februar 2013 22:06 Uhr
    7. [...]

    Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jk

  4. Ich finde, dass das Thema Tierschutz nicht zu den Banalitäten in der Politik gehört! Leider gibt es zu viele Lobbyisten und von daher ändert sich leider nichts oder erst 2019....! Das sind 6 Jahre Qual!!! Was für ein Aufschrei würde es geben, wenn es heißen würde, Sex mit Kindern ist bis 2019 noch erlaubt und dann sehen wir mal weiter! Oder auch die Beschneidung der Muslimen, tz, wie viele Jungs werden im Jahr beschnitten es steht in keinem Verhältnis wie viele Ferkel jeden Tag gequält werden und die Zähnchen abgekniffen und der Schwanz abgeschnitten wird, bei vollem Bewußtsein ohne Geschenke nach der Qual!!!!! Auch solange Wörter wie Viecher, Aas, Kreaturen usw. sich aus unserem Wortschatz nicht distanzieren werden Tiere immer die leidtragenden sein! Schlachthäuser sollten aus Glas sein! Miridos gekürzten Kommentar hätte ich gerne gelesene!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Erotik | Fleisch | Minderheit | Schmerz | Strafrecht | Tier
Service