Medizingeschichte : Reichtum und Siechtum

Sie waren mächtig – und krank. Neue Untersuchungen bringen Ordnung in die Gebeine der Medici.

Die Sippe, der Florenz seinen Glanz verdankt, bestand aus bedauernswerten Gestalten. Sie litten an Knochentuberkulose, Krampfaderknoten und Wassersucht. Die Förderer der Künste und der Wissenschaft, von Michelangelo und Botticelli, Leonardo da Vinci oder Galileo Galilei, plagten Syphilis, Gallensteine, Schuppenflechten, Depressionen, Arthrose und Rachitis. Als Bauherren ließen Mitglieder des Herrschergeschlechts der Medici, das im 15. und 16. Jahrhundert die Geschicke der Stadt bestimmte, Epochales errichten: die Basilica di San Lorenzo etwa, die Uffizien. Aber sie waren nicht davor gefeit, sich mit verwachsenem Rückgrat durchs Leben schleppen zu müssen.

Die Medici waren Bankiers der Päpste, sie wurden selber Päpste und regierten als Herzöge und Großherzöge. Bei so viel Macht verwundert es nicht, dass mancher Medici durch Mord und Totschlag früh ins Jenseits verabschiedet wurde. Zum Beispiel Giuliano – erdolcht im Dom, 25-jährig, während der Ostermesse 1478. Unter dem Strich lässt sich sagen: Trotz großer finanzieller Möglichkeiten und der Fortschritte in der Medizin ging der Durchschnitts-Medici erstaunlich jung ins Grab oder vegetierte malade durch sein Leben.

Tristesse bestimmte noch das Schicksal des letzten Toskana-Regenten der Medici: Gian Gastone – liberal, juden-, freimaurer- und wissenschaftsfreundlich, vulgär, zeugungsunfähig, fett und depressiv – verließ in seinen letzten Jahren das Schlafgemach nicht mehr. Einziger Trost: die Strichjungen.

Der machtbesessene, den schönen Künsten gegenüber so offene Clan liefert bis heute großen Stoff für die Nachwelt. Wissenschaftler exhumierten, um die Geschichten rekonstruieren zu können, mehrmals die Gebeine der Sippe, die bis heute als die bekannteste und glamouröseste Italiens gilt. Mumien wurden umgebettet, 1559, 1791, 1857, 1875. Diebe plünderten die Gräber. Nach dem Zweiten Weltkrieg untersuchte Giuseppe Genna, Anthropologe und Bürgermeister von Florenz, 23 Leichname der Medici. Seine "Forschung" bestand darin, die Schädel zu skalpieren, von Gewebefitzelchen zu befreien und anhand der Knochen Rückschlüsse auf den Charakter zu ziehen.

Einer der letzten Störer der Totenruhe war der Arno. 1966 verließ er sein Bett, setzte Florenz unter Wasser und vermischte die Medici-Knochen und -Weichteile in deren Holzkisten, Zinnkassetten und Tonkrügen mit seinem Schlamm. Die anschließende Säuberung der Medici-Kapelle samt würdevoller Wiederbestattung der Knochen half nicht zwingend, die Ordnung wiederherzustellen.

Die Medizinhistorikerin Donatella Lippi hat daher viel zu tun. Es helfen ihr Anthropologen, Genetiker und Ärzte. Im Rahmen des Medici-Projekts begann man von 2004 an erneut, die Särge und Eingeweidekrüge in den Sakristeien zu heben. Mit einem ehrgeizigen Ziel: die Krankengeschichte möglichst vieler Medici zu rekonstruieren, durcheinandergewirbelte Knochen den Individuen zuzuordnen und endlich jene Todesursachen zu klären, über die seit Jahrhunderten spekuliert wird.

Die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim präsentieren vom kommenden Wochenende an nicht nur bedeutende florentinische Schätze und Renaissancegemälde, sie zeigen auch, was die Wissenschaftler bei ihren jüngsten Recherchen in den Ruhestätten der Medici ans Licht gebracht haben. Tausende von Knochen und Mumienresten landeten auf den Tischen in Donatella Lippis Medizinhistorischem Institut an der Universität Florenz. Und an der Europäischen Akademie Bozen entzifferte der Ötzi-Forscher Albert Zink Genproben aus verschiedenen Gräbern, um die durcheinandergeratenen Knochen zu ordnen.

Im Rahmen der Ausstellungsvorbereitungen in Mannheim erhielten Lippi und ein Forscherteam der Reiss-Engelhorn-Museen unter der Leitung von Wilfried Rosendahl die Erlaubnis, zusammen mit den zuständigen Institutionen in Florenz die noch unberührte Ruhestätte von Anna Maria Luisa zu öffnen, der allerletzten Repräsentantin des Hauses Medici. Die Schwester des traurigen Gian Gastone war mit dem damaligen Kurfürsten von der Pfalz verheiratet. Als Ehefrau von Johann Wilhelm trug auch sie von 1691 bis 1716 den Titel einer Kurfürstin. Schon im Norden als Kunstförderin verantwortlich für den Bau der Gemäldegalerie Düsseldorf, verfügte sie – kinderlos und nach dem Tod des Gatten nach Italien zurückgekehrt –, dass die Kunstschätze ihrer Familie Florenz nie verlassen dürfen. Aber woran ist die Grande Dame, der die Stadt so viel verdankt, am 18. Februar 1743 denn gestorben – an Syphilis? Oder an Brustkrebs?

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