ZEITmagazin: Herr Touitou, Sie sagten mal, Ihre Mode sei "etwas frigide". Kann minimalistische Mode nicht sexy sein?

Jean Touitou: Doch, für mich ist es sogar die einzige Art von Mode, die überhaupt sexy sein kann. Der neue komplexe Minimalismus bedeutet für mich Mode, der es um Verführung und Begehren geht, die das aber nicht hinausposaunt.

ZEITmagazin: Was ist minimalistische Mode eigentlich?

Touitou: Der Minimalismus hat sich über die Jahre verändert. Er ist komplex geworden. Als ich Ende der achtziger Jahre anfing, bedeutete Minimalismus in der Frauenmode, robuste Hosen mit maskulinem Schnitt zu entwerfen. Dazu kamen ein T-Shirt und eine Jacke, und der Look war komplett. Heute sind mehr Details nötig, da zu oft kopiert wird. Man muss immer wieder überraschen. Für uns ist es schwieriger geworden, überhaupt noch minimalistische Mode zu machen. Minimalismus ist komplexer als die auffällige, überladene Mode. Er verlangt genaues Arbeiten. Bitte entschuldigen Sie diesen hässlichen Vergleich, aber macht man ein Steak au Poivre und entscheidet sich, nicht das Fleisch mit der besten Qualität zu nehmen, muss man in die Sauce investieren, um die mangelnde Qualität zu verbergen. Entwirft man minimalistische Mode und versaut den Schnitt, ist man geliefert. Es muss alles perfekt sein, keine Applikationen oder Stickereien können ablenken. Deshalb arbeiten in unserem Atelier allein 25 Leute jeden Tag daran, die richtigen Schnitte zu kreieren.

ZEITmagazin: Gibt es ein Kleidungsstück, das Sie als völlig unnötig empfinden?

Touitou: Wozu brauche ich ein Lederband um mein Handgelenk? Es ist vollkommen überflüssig. Aber uns geht es ja um das Schöne, darum, Dinge zu finden, in denen man sich wohlfühlt. Manchmal ist das Unnötige nötig. Es geht also nur um den richtigen Anteil überflüssiger Dinge.

ZEITmagazin: Und was ist der richtige Anteil?

Touitou: Gute Unterwäsche sollte jeder im Schrank haben, das gilt sowohl für Frauen als auch für Männer. Und ich glaube, es ist wichtig, pedikürte Füße zu haben. Das meine ich ganz ernst. Der Rest ergibt sich aus dem Geschmack. Mode bedeutet für mich, dass sich in erster Linie der Körper gut anfühlen muss. Ich finde, eine Frau darf auf keinen Fall eine angesagte Handtasche tragen. Das ist einfach unmöglich und tötet den gesamten Look. Hohe Absätze in ungeeigneten Situationen zu tragen, zum Beispiel auf dem Land, finde ich unelegant. Was auch nicht geht: den gesamten Look von nur einem Label zu tragen, das ist einfach unsexy. Das gilt auch für die Angestellten von A.P.C. Die müssen mir nicht den Hof machen. Ich mag es, wenn sie schöne Kleidung anderer Marken anziehen. Und: Mit Make-up kann eine Frau viel falsch machen.

ZEITmagazin: Sie verzichten auf ein Logo und weitgehend auf Werbung. Trotzdem gibt es einen großen Hype um A.P.C. Wie kommt das?

Touitou: Weil wir natürlich trotzdem kommunizieren. Auf Modeschauen präsentiere ich die neue Kollektion und rede mit der Presse. Außerdem haben wir einen festen Kundenstamm, der unsere Sachen kauft. Der Unterschied zu vielen anderen Marken ist: Wir zeigen nicht nur Kleidung, wir fertigen sie auch.

ZEITmagazin: Sie sind in Tunesien geboren und in Paris aufgewachsen. Der diskrete Charme Ihrer Mode gilt als klassisch französisch. Gibt es etwas, das Sie sich von Ihren tunesischen Wurzeln bewahrt haben?

Touitou: Ich kam nach Paris, als ich neun Jahre alt war. Man muss bedenken, dass Tunesien damals eine Art Provinz Frankreichs war, und so bin ich von Anfang an mit der französischen Kultur aufgewachsen. Meine persönliche Kultur ist die der Sonne, deshalb reise ich oft nach Italien.

ZEITmagazin: Stimmt es, dass Sie Ihr Atelier von Paris nach Berlin verlegen wollen?

Touitou: Jeder in Paris möchte diese Stadt eigentlich verlassen, denn es verändert sich dort nichts. Frankreich wird niemals im 21. Jahrhundert ankommen. Dieses Land wird ein wunderschönes Museum werden. Die alten Reichen gehen aus Steuergründen, und auch die jungen Kreativen wollen mittlerweile weg. In Deutschland werdet ihr bald viele Franzosen sehen. Mein ganzes Team ist jünger als ich, alle wollen weg aus Paris. Wir haben über Berlin nachgedacht. Aber das Wetter spricht einfach dagegen. Es ist zwar eine viel dynamischere Stadt als Paris, aber das Wetter macht mir schlechte Laune.