Form follows function: Ein Zebra © Michael Dalder/Reuters

Das Zebra

Der Minimalismus ist in Wirklichkeit etwas kompliziert. Eine Philosophie, die mit den schwarzen Hosen und marineblauen Hemden auf den Bügeln bei COS in der Fußgängerzone wenig zu tun hat. Anhand eines Zebras lässt sich die Idee des Minimalismus aber ganz gut erklären.

Das Zebra hat das Gebiss eines Vegetariers und verbringt seine Tage am liebsten damit, mit vielen anderen Zebras durch die Steppe zu rennen. Nach mehr verlangt es dieses Tier nicht. Aber es gibt die Hyänen, Löwen und Tsetsefliegen, die ihm das Leben schwer machen. Also hat es sich ein gestreiftes Fell zugelegt, damit es unsichtbar wird für die Fliegen und die Raubtiere es schwer haben, sich in einer Horde Zebras zurechtzufinden. Form follows function. Und was macht der Mensch? Er bedruckt Kissen, Tapeten, Schuhe, Teppiche, Autositze und Taschen mit Zebramuster.

Minimalismus ist die Erkenntnis, dass es Überflüssiges geben kann (Zebrakissen zum Beispiel) und dass Dinge, die wir tun, sagen, denken, entscheiden, sich als falsch erweisen können. Minimalismus ist eine Philosophie des Zweifels und der Zurückhaltung. Eine fünfte schwarze Hose von COS ist nicht minimalistisch, sondern überflüssig. Raf Simons, der nach Jahren bei Jil Sander seit dem letzten Sommer bei Dior entwirft, hat den Minimalismus in der Mode wiederbelebt. "Minimalismus ist eine Parodie seiner selbst geworden", sagt er. "Ich will das Vokabular erweitern. Minimalismus darf lustig, lebendig und sinnlich sein."

Elisabeth Raether