Nachdem John Whitehead, Rentner und Musikliebhaber aus Cambridge, Großbritannien, am Morgen seines 70. Geburtstags den Computer hochgefahren hat, findet er in seinen E-Mails ein Video aus Japan. Ein Mädchen hat sich selbst beim Klavierspielen gefilmt, es bringt ihm ein Geburtstagsständchen, dann guckt es in die Kamera und wünscht ihm alles Gute.

Whitehead und das Mädchen haben sich bei YouTube kennengelernt. Sie ist 14 Jahre alt und begabt, hat Wettbewerbe gewonnen und will Pianistin werden. Er ist 70 und Autodidakt, spielt nur zum Vergnügen, Chopin, Mendelssohn und manchmal Schlager von Frank Sinatra. Das japanische Mädchen ist eine von 50 YouTube-Nutzern, die Whiteheads Kanal abonniert haben. Sie wohnen auf verschiedenen Kontinenten, aber sie mögen dieselbe Musik. Sie filmen sich beim Spielen, geben einander Rat, loben und kritisieren sich.

Im 19. Jahrhundert trafen sich Musikliebhaber im Salon. Wer etwas auf sich hielt, kaufte einen Flügel oder ein Klavier, putzte den besten Raum des Hauses heraus und lud Freunde ein. Das gemeinsame Musizieren war für das aufstrebende Bürgertum ein Akt der kulturellen Selbstvergewisserung. Man war plötzlich wer.


Diese Geselligkeit hat sich heute in die virtuelle Welt verlagert. Viele Musikfreunde treffen sich im Internet. Der YouTube-Kanal ist der Salon des 21. Jahrhunderts, wenn man so will. Pro Minute werden rund 60 Stunden Filmmaterial auf die Videoplattform hochgeladen. Videos von Popstars, die Lieder singen, und Fußballspielern, die Tore schießen. Oder eben von Musikstudenten, die Hauskonzerte geben, von Hobbypianisten wie John Whitehead, die daheim an ihrem Flügel sitzen, von Mädchen aus Japan, die Chopins Minutenwalzer spielen. Es gibt Eltern, die bei YouTube Videotagebücher führen, um die musikalischen Fortschritte ihrer Kinder zu dokumentieren. "Gianna’s violin progress report" heißt so etwas dann.

Auf YouTube ist das kitschige "Gebet einer Jungfrau" der Hit

Im Salon spielte man an Instrumenten von Pleyel oder Erard, man sang und geigte vor dem Biedermeierschrank. Bei YouTube spielt man meist an Keyboards oder schwarzen E-Pianos, im Hintergrund das Billy-Regal. Früher tauschte man Erfahrungen und Notendrucke aus. Heute schickt man die Scans von Partituren rund um den Globus und postet Tutorials. Klaviervirtuosen wie Franz Liszt oder Frédéric Chopin wurden in den Salons des 19. Jahrhunderts berühmt, Salonièren wie Rahel Varnhagen gehörten zu den angesehensten Frauen des Bürgertums, Komponisten wie Robert Schumann wurden für ihre Soireen geschätzt. Diese Kultur findet sich fest im modernen Musikbetrieb verankert. Ganze Konzertreihen und CD-Serien spüren dem musikalischen Salon nach – hochprofessionell, versteht sich, als Marktsegment.

In den meisten bürgerlichen Haushalten aber war der Salon kein Ort für Virtuosen, er war ein Ort für Dilettanten. Einer, an dem Musik gemacht wurde, die für den Konzertsaal zu kitschig und zu billig war. Die Kritik hat die Salonmusik deshalb gern verteufelt. Als "triviales Tongeklingel", "heuchelnde Afterkunst", als "Musikpest" und "Salonquark". Ein besonders innig gehasstes Stück war das Gebet einer Jungfrau, geschrieben von der polnischen Komponistin Tekla Bądarzewska. Es ist kurz und hat eine eingängige Melodie. Ein wenig klingt es, als hätte man Richard Clayderman ins 19. Jahrhundert gebeamt. Bądarzewska war nur für dieses eine Werk bekannt, ein One-Hit-Wonder der Biedermeierzeit. In Konzertsälen begegnet einem das Gebet heute so gut wie nie. Auf YouTube aber ist es ein Hit – zweihändig, vierhändig, am Flügel oder am Keyboard, arrangiert für Gitarre und für Ukulele mit Country-Band.

Nähe entsteht, wenn ein Kommentar gepostet wird


2009 berichtete das britische Musikmagazin Gramophone über Phillip Sear, einen Steuerberater und Pianisten aus London. Sear hat einen YouTube-Kanal, auf dem er vergessene Salon-Komponisten wie Bądarzewska rehabilitiert. Mehr als 1.600 Videos finden sich auf seiner Seite, Sear hat gut 5.000 Abonnenten und mehr als fünf Millionen Klicks. Überfliegt man die Kommentare zu seinen Videos, finden sich dort fast alle Komponenten des biedermeierlichen Salons wieder: Zerstreuung des Geistes ("Ich habe es sehr genossen"), Rührung des Herzens ("Ich musste weinen"), Bewunderung ("Ihre Triller sind hinreißend"), Sehnsucht nach Austausch ("Könnten Sie mir die Noten scannen?") und auch der notorische Hohn der Kritiker ("Ich bekomme Brechreiz!").

Der Unterschied ist nur: Man besucht sich nicht gegenseitig, man abonniert sich. Man sitzt alleine vor dem Klavier und vor der Kamera. Nähe entsteht, wenn ein Kommentar gepostet wird. Die Geselligkeit ist rein virtuell.

Man kann im Netz flirten, ohne sich in die Augen zu schauen, man kann Kleider kaufen, ohne den Stoff zu fühlen. Doch kann man eine musikalische Gemeinschaft sein, ohne miteinander Musik zu machen? John Whitehead, der Hobbypianist aus Cambridge, sagt: Ja. Whitehead hat 50 Abonnenten. Aber vor 50 Menschen auftreten? Das würde er sich nie trauen.

Online-Videos schaffen einen Entfaltungsraum für die Schüchternen und Heimlichen. Sie machen aber auch sichtbar, was man sonst nur selten mitbekommt: wenn Menschen sich tatsächlich zu Hause treffen, um miteinander Musik zu machen. Bei Facebook posten Studenten der New Yorker Juilliard School seit einiger Zeit die Fotos ihrer Hauskonzerte, bei YouTube findet man Videos von Familien, die vor der Schrankwand sitzen und Streichquartett spielen. Die Hausmusik, das intimste aller Genres, wird öffentlich.


Manchmal verbreiten sich solche Videos mit ungeahnter Geschwindigkeit. Ende letzten Jahres etwa feierte der Musikstudent Felix Pätzold, 26, Abschied aus Leipzig. Er kaufte elf Kisten Bier, lud Kommilitonen und Freunde ein, besorgte Noten und ein Paar Barockpauken. Er wollte in seiner Dreizimmerwohnung Bachs Weihnachtsoratorium aufführen. Jemand hat das WG-Konzert gefilmt und das Video bei YouTube hochgeladen. Es ist 52 Minuten lang und beginnt mit einem Schwenk durch die stuckverzierte Altbauwohnung: Vor den Fenstern spielen die Streicher, an der Heizung Continuo und Holzbläser, im Nebenzimmer drei Trompeter und ein Pauker, im Rest der Wohnung drängeln sich die Sänger, in der Küche und im Bad, an die 80 Leute. Und mittendrin steht Pätzold auf einem Ikea-Tisch und dirigiert.

Seine Mitbewohner und er machen seit Jahren WG-Konzerte, sie haben schon Händels Messias und Mozarts Requiem in ihrer Wohnung aufgeführt. Chor und Orchester haben sie über Facebook rekrutiert, die Solisten sind Gesangsstudenten und Profimusiker, unter den Sängern finden sich viele Laien. "Die Hälfte des Chores kannte ich gar nicht", sagt Pätzold. Bei Minute 24:50 des Videos, nach dem Schlussakkord von Ach mein herzliebes Jesulein, geht dem Orchester der Alkohol aus. Die Fensterscheiben sind beschlagen. "Bierkette!", ruft ein Tenor. Aus dem Flur werden volle Flaschen nach hinten gereicht und gegen leere getauscht. Die Köpfe der Trompeter glühen, von den Scheiben rinnt das Kondenswasser. Die Sänger fächeln sich Luft zu, sie haben rote Wangen und verschwitzte Haare. Sie sehen glücklich aus und ein bisschen betrunken. "Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen", singen sie.

Mittlerweile wurde das Video fast 70.000-mal aufgerufen. Die Sänger werden in Leipzig auf der Straße angesprochen, ein italienischer Dirigent hat die Studenten zu sich eingeladen, ein alter Mann aus den USA fragt, ob er einziehen darf. Und ein deutscher Facebook-Nutzer will wissen, ob die erste Geige, eine Blondine mit zartem Gesicht, noch zu haben ist.

"In der WG spielen wir ohne den ganzen Zirkus"

Das WG-Konzert der Leipziger Studenten berührt. Weil es trotz Bier und stickiger Luft gut klingt. Und weil es sich charmant von allen Konventionen löst, die mit dem klassischen Konzertbetrieb verbunden sind. Konventionen, die hauptsächlich an den Konzertsälen des 19. Jahrhunderts geschult wurden und an deren Repertoire, an Symphonien von Anton Bruckner oder an Klavierkonzerten von Sergej Rachmaninow. Mit älterer, vorklassischer Musik haben diese Rituale meist nur wenig gemein.

"Heute käme niemand auf die Idee, mitten im Konzert etwas zu trinken", sagt der Leipziger Musikwissenschaftler und Bachforscher Michael Maul. "Dabei war das zu Bachs Zeit nicht ungewöhnlich." Bei den Collegia Musica, den Studentenensembles des frühen 18. Jahrhunderts, könnte es ähnlich zugegangen sein wie in Felix Pätzolds WG, sagt Maul. Die Studenten trafen sich in Privathäusern und Cafés, es gab Musik, Likör und Konfitüre, und wahrscheinlich wurde viel gelacht. Selbst in den Gottesdiensten der Bachzeit saßen die Zuhörer nicht still auf der Kirchenbank, das belegen Tagebücher und Reiseberichte. Die Gemeindemitglieder kamen und gingen, sie brachten ihre Hunde mit und gingen während des Gottesdienstes ihren Geschäften nach. "Bach ist nicht davon ausgegangen, dass die Leute innehalten und ihm lauschen", sagt Michael Maul.

Später wurden aus den Studentenensembles Profi-Orchester, aus Stadtpfeifern Virtuosen und aus Kaffeehäusern Konzertsäle – mit der Folge, dass wir heute nicht mehr essen, trinken und schwatzen, sondern uns verlegen räuspern, sobald es im Saal dunkel wird, ganz egal, welche Musik aus welchem Jahrhundert gleich erklingt. "Wenn wir WG-Musik machen, dann spielen wir ohne diesen ganzen Zirkus", sagt Felix Pätzold. Ohne den Konkurrenzdruck, der an den Hochschulen herrscht, und ohne schwarzen Anzug. Das strenge Protokoll des öffentlichen Konzertlebens verliert im Wohnzimmer jede Gültigkeit.


Deshalb verirrten sich in die Leipziger Wohnung auch Leute, die Bach kaum kannten. "Ich habe mir solche Musik nie angehört", sagt eine Studentin, "aber plötzlich stand ich mittendrin und bekam eine Gänsehaut." Diese Gänsehaut hat sich auf Zehntausende übertragen. Wie gebannt sitzt das Publikum vorm Rechner und nimmt Anteil: "Ich glaub, ich hab noch nie ein genialeres Video bei YouTube gesehen." / "I want to be the neighbour!" / "Sitze hier in Quebec, Kanada, und habe gerade meinen Glauben an die Musik, von Herzen und mit Spaß musiziert, wiedergefunden. Danke, merci!"

Auch John Whitehead, der Hobbypianist, hat das Video gesehen. "Many thanks from Cambridge, England!", schreibt er. Jeden Morgen schaut Whitehead nach neuen E-Mails, postet Kommentare und übt Klavier. "Wenn eine Nachricht im Postfach liegt, weiß ich, dass es noch zu früh zum Sterben ist", sagt er. Nur sein Garten habe sehr gelitten: "Alles voller Unkraut." Seit er den YouTube-Channel hat, bleibt ihm keine Zeit zum Jäten. Whitehead sitzt nur noch am Computer. Oder am Klavier.

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