Dass Dinge, statt sauber wegerledigt zu werden, erst einmal auf der langen Bank landen, ist ein Verhalten, das in den letzten Jahren unter dem Stichwort Prokrastination aktenkundig geworden ist. Keiner kann sie so recht leiden, diese einst als Bummeln bekannte Sitte aus grauer Vorzeit, nicht einmal mehr die Bohemiens. Das Prokrastinieren steht dem freien und effizienten Wirken der Kreativkräfte entgegen, weshalb Betroffene schleunigst eines der zahlreichen Selbsthilfebücher konsultieren sollten. Außer vielleicht man heißt Kevin Shields.

Wie oft das dritte Album seiner Band My Bloody Valentine schon angekündigt und im letzten Moment dann doch wieder verschoben wurde, wissen bloß eingefleischte Fans. Immerhin haben Zählungen ergeben, dass wir uns bis vor Kurzem im 22. Winter des Wartens befanden – länger hat bloß Brian Wilson für Smile gebraucht. Shields, den man sich als freundlichen, aber wortkargen, durch einen in die Stirn ragenden Haarvorhang auch optisch von seiner Umwelt separierten Menschen vorstellen muss, ist so etwas wie der inoffizielle Weltmeister des Hinauszögerns. Geschadet hat es ihm nicht.

Die Chronik eines angekündigten Erscheinens ist in seinem Fall der erbrachte Beweis, dass nichts das Begehren mächtiger anfeuert als die Verknappung. Als Shields während eines Konzerts die Bemerkung entfuhr, "in zwei oder drei Tagen" sei es so weit, konnte es keiner glauben. Als Gerüchte die Runde machten, diesmal sei es ernst, liefen die Fan-Foren heiß. Als mbv – so heißt das Werk – Anfang Februar dann tatsächlich über die bandeigene Homepage in die Welt hinausploppte, nüchtern und hüllenlos, als bezahlter Download, brachen die Server zusammen. Inzwischen hat die Erregungskurve durch Links und Likes die Form einer Fieberkurve angenommen. Ausnahmsweise allerdings handelt es sich um einen gerechten Hype.

My Bloody Valentines endlich vollendete Dritte ist einer dieser Würfe, die gerade deshalb überzeugen, weil sie es niemandem recht machen wollen. Es gibt keine Strophen, keine Refrains, nichts, was an herkömmliche Popsongs erinnert, bloß einen magmatischen, an- und abschwellenden Soundstrom. Und doch klingt das Ergebnis nicht hermetisch, sondern warm und auf subkutane Weise vertraut. Man weiß mit einem Schlag wieder, was so großartig ist an dieser Band, das Dengeln und Drängeln, die Verbindung von laut und leise, Komplexität und Finesse, Avantgarde und Pop, die Zeitlupeneruptionen der Gitarren im Zusammenspiel mit den verhuschten Stimmen von Shields und Co-Sängerin Bilinda Butcher – eine Mischung, unter deren Einfluss man wie hypnotisiert jegliche Initiative erlahmen fühlt.

Shoegaze nannte man diese Richtung in den Achtzigern, des gesenkten Blicks auf der Bühne wegen. Damals bildete eine Schar blasser Schüchterlinge den Gegenpol zum fröhlich zeitgeistigen Britpop von Blur und Oasis. Shoegazer schauten meditativ an sich selbst hinab, sie waren die Autisten unter den Selbstdarstellern, doch so unspektakulär ihr Erscheinungsbild ausfiel, so groß war ihr Einfluss: Spuren von My Bloody Valentine finden sich im fortgeschrittenen Metal ebenso wie in den Feedback-Orgien von Sonic Youth. Sensationellerweise aber gelingt es Kevin Shields nicht nur, an den Lärm der frühen Tage anzuknüpfen, es öffnen sich sogar Türen zur Gegenwart. Was früher Shoegaze hieß, heißt heute Hypnagogic Pop und bietet dem herrschenden ADS-Sound die Stirn.

Hypnagogic Pop bezeichnet weniger einen Stil als einen Geisteszustand: den keiner eindeutigen Ordnung angehörenden Moment zwischen Wachen und Schlafen. Exakter lässt sich die Wirkung von mbv nicht umschreiben: Die Musik versetzt einen in eine Art Wachkoma, in dem die Konturen verwischen. Während die Band selbstvergessen ihre Instrumente bearbeitet, kommen wie auf einer Traumbühne die Schatten vorübergezogen. Man fragt sich, was sie einem wohl ins Ohr flüstern wollen, ob sie von draußen oder von drinnen kommen, man glaubt, es seien unerhörte Botschaften, die sie für einen bereithalten, zu fassen jedoch bekommt man sie nie. Bleibt die Frage, warum es 22 Jahre gedauert hat, um diesen somnambulen Zustand ein zweites Mal zu erzeugen.

In Blogs und Fan-Foren heißt es, Kevin Shields sei nun mal ein Eigenbrötler in der Tradition Syd Barretts, zumindest ein großer Vertreter des Werkgedankens im Pop, kurzum ein Mann, der einen Mix erst nach unzähligen Kontrollgängen aus der Hand gibt, und auch dann nur unter Geburtsschmerzen. Für all das spricht der Umstand, dass der Perfektionist Shields, während diese Zeilen geschrieben werden, gerade letzte Hand an die Vinylausgabe legt, auf der dann – eine gute Anlage vorausgesetzt – endgültig sämtliche in langen Jahren ertüftelten Feinheiten zu hören sein werden.

Vom Standpunkt der Kunst aus betrachtet, ist das Prokrastinieren ja nicht einfach die Kardinaluntugend der Leistungsgesellschaft, sondern ein Versuch, die eigene Fantasie zu kontrollieren: Wer zur Verzettelung neigt, besteht darauf, nur dann inspiriert zu sein, wenn die Inspiration sich meldet. Manchmal entsteht dabei gar nichts, manchmal bleibt bloß eine überschrittene Deadline zurück, mit etwas Geduld und den richtigen Reagenzien jedoch wird daraus ein dunkel verführerisches Stück Traumpop wie mbv. Lehnen wir uns also zurück, starren auf unsere Schuhspitzen und lassen diese kleine Lärmmusik in Ruhe ihr Sirenenwerk verrichten. Abschließendes zur Wirkung dann im Jahre 2035.