Und jetzt Erneuerung!: Betet, Ihr Brüder
Die Favoriten für die Nachfolge Benedikts – eine Übersicht
Die Stimme ist ruhig, die Botschaft revolutionär. » Cambia, todo cambia – alles ändert sich«, sang einst Mercedes Sosa, die Liedermacherin Lateinamerikas: »Der Hirte mit seiner Herde, die Sonne in ihrer Umlaufbahn, die Richtung des Wanderers, und was sich gestern verändert hat, wird sich morgen erneut ändern müssen.« Die Hymne der argentinischen Sängerin gehört zum Soundtrack des italienischen Films Habemus Papam, der im vergangenen Jahr auf den Filmfestspielen von Cannes gezeigt wurde. Sie könnte auch zum Motto der bevorstehenden Papstwahl werden. Denn die Zeichen im Konklave stehen auf Veränderung. Kommt der nächste Pontifex aus Lateinamerika?
Cambia, todo cambia – der Traum vom Wandel beflügelt Afrika, Asien und Lateinamerika gleichermaßen. Schließlich lebt die große Mehrheit der 1,3 Milliarden Katholiken weltweit südlich des Äquators. Auf dem afrikanischen Kontinent verzeichnet die katholische Kirche die höchsten Wachstumsraten. Und noch immer stellen Lateinamerikaner die Hälfte aller Katholiken. Zwischen Feuerland und Amazonas wächst deshalb die Sehnsucht nach einem »Latino« auf dem Heiligen Stuhl.
»Alles ist möglich«, meint die brasilianische Theologin Maria Clara Bingemer von der katholischen Universität in Rio de Janeiro. »Am Anfang scheinen viele Mitglieder des Konklaves keine Chancen zu haben, doch im Laufe des Wahlverfahrens werden ihre Namen auf einmal bekannt.« Dies sei auch bei der Wahl Benedikts so gewesen. Der brasilianische Journalist Ricardo Noblat ist sich sicher, dass die Wahl des Nachfolgers zügig verlaufen wird. »Schon seit fünf Jahren denken die Kardinäle über einen Nachfolger Benedikts nach«, schreibt er in seinem Blog für die brasilianische Tageszeitung Globo.
Niemand weiß, wo der Heilige Geist weht, wenn Mitte März die 117 stimmberechtigten Kardinäle im Konklave zusammenkommen. Sie werden sich in völliger Isolation in die Sixtinische Kapelle zurückziehen. Keine Telefone, kein Fernsehen, keine elektronischen Geräte. Das Prozedere wird beginnen wie in den beiden vorangegangenen Konklaven auch. Auf der einen Seite die italienischen Kardinäle, die übrigen auf der anderen. Die 500 Jahre alte Tradition, den Papstthron ausschließlich mit einem italienischen Pontifex zu besetzen, wurde erst 1978 mit dem polnischen Karol Wojtyła gebrochen. Danach kam mit Joseph Ratzinger ein Deutscher auf den Stuhl Petri.
- Zölibat
Dass katholische Geistliche nicht heiraten dürfen, gilt vielen liberalen Katholiken als Ärgernis. Hier wäre eine Veränderung noch relativ leicht möglich: Der Zölibat, die Ehelosigkeit der Priester, hat keine verbindliche Grundlage in der Bibel. Die orthodoxe Kirche weiht verheiratete Männer zu Geistlichen, die katholische Kirche hat es in den ersten Jahrhunderten ihrer Geschichte ebenfalls getan. Die Gründe für die Einführung des Zölibats waren mindestens so sehr praktisch-politisch wie theologisch: Man wollte verhindern, dass Priester die (nicht zuletzt materiellen) Interessen ihrer Familie über das Interesse der Kirche stellen.
- Frauenpriestertum
Das Verbot der Priesterweihe von Frauen in der katholischen Kirche wäre schwerer abzuschaffen als der Zölibat. Denn hier gibt es aus römischer Sicht eine Begründung im Neuen Testament: Bischöfe und Priester sind Nachfolger der Apostel, und zu Aposteln hat Jesus nur Männer berufen. Auch die orthodoxe Kirche lässt Frauen nicht als Priester zu.
- Geschiedene
Nach katholischer Lehre ist die Ehe ein Sakrament und unauflöslich; die Kirche kennt daher keine Ehescheidung und segnet keine neuen, zweiten Ehen ein. Gläubige, die sich (staatlich) haben scheiden lassen und (staatlich) wiederverheiratet sind, bleiben nach kirchlicher Auffassung mit ihrem ersten Mann oder ihrer ersten Frau verheiratet und leben mit dem neuen Partner im Konkubinat. Wegen ihres fortdauernden Verstoßes gegen die katholische Morallehre sind diese Paare, so die römische Position, nicht zur Kommunion zuzulassen. Viele Laien, aber auch Priester und Bischöfe plädieren dafür, die rigide kirchenamtliche Haltung zu lockern, wiederverheirateten Geschiedenen den Kommunionempfang zu ermöglichen oder wenigstens großzügige Ausnahmeregelungen zu schaffen.
Werden die italienischen Kardinäle ein Comeback feiern, oder wird mit dem nächsten Pontifex die Weltkirche gestärkt? Bis jetzt steht außer Gerüchten nur die Herkunft der 117 Papabili fest: 19 Purpurträger stammen aus Lateinamerika, 14 aus Nordamerika, Asien und Afrika sind mit jeweils elf Kardinälen vertreten, und Australien verfügt lediglich über einen einzigen Kandidaten. Die große Mehrheit der Würdenträger – 61 – stammt aus Europa. Brasilien, das mit rund 125 Millionen Katholiken das Land mit der größten katholischen Bevölkerung weltweit ist, ist mit fünf Kardinälen im Konklave vertreten.
Cambia, todo cambia – ist Gott Brasilianer? Oder vielleicht Argentinier? Weit weg von Rom, in den südamerikanischen Medien, wird darüber genüsslich spekuliert. Die argentinische Zeitung Clarín erinnert daran, dass Landsmann Leonardo Sandri »die Stimme des Papstes« gewesen sei. Der 69-jährige Kurienkardinal, Präfekt der Kongregation für orientalische Kirchen im Vatikan, verlas die Reden von Johannes Paul II., als dieser aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr sprechen konnte.
Das Amt sei ein »Albtraum«, sagt einer der Favoriten
Brasilien geht mit zwei deutschstämmigen Würdenträgern ins Rennen, das wäre sozusagen ein fließender Übergang von Rom nach Rio, dazu noch mit europäischem Flair: Kurienkardinal João Braz de Aviz aus Santa Catarina, der im Vatikan für die Ordenskongregationen verantwortlich ist, und Odilo Pedro Scherer, der mächtige Erzbischof von São Paulo. Scherer, mit 63 Jahren einer der jüngeren Kandidaten, gilt in Brasilien zwar als eher konservativ, in der Weltkirche jedoch als moderat.





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