Totes MeerDer durstige Salzsee

Das Tote Meer trocknet aus. Mit Wasser aus dem Roten Meer soll dies verhindert werden. Über den Sinn und die ökologischen Folgen dieses internationalen Großprojekts wird heftig gestritten. von Inka Reichert

Totes Meer Salz

Eine Luftaufnahme zeigt Salzformationen im südlichen Teil des Toten Meers.  |  © Menahem Kahana/AFP/Getty Images

In der Wüstenlandschaft wirken die mächtigen Hotelkomplexe reichlich fehlplatziert. Einst lagen ihre Terrassen direkt am Ufer des Toten Meers. Heute müssen die Urlauber lange Sandwege gehen und bis zu 100 Meter tiefe Treppen hinabsteigen, um den Salzsee zu erreichen.

Denn das Wasser des Toten Meers zieht sich immer weiter zurück: Seit über 30 Jahren sinkt der Pegel pro Jahr um rund einen Meter. Die Wasserfläche ist um ein Drittel geschrumpft. Wird nichts dagegen unternommen, sinkt der Wasserspiegel laut Prognosen in den nächsten 150 Jahren um weitere 120 Meter. Die rettende Idee: Wasser aus dem Roten Meer könnte helfen, das Tote Meer wieder aufzufüllen und nebenbei die Wüstenregion besser mit entsalztem Trinkwasser zu versorgen.

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Zumindest preisen die Anrainerstaaten des Toten Meeres – Jordanien, Israel und Palästina – das Großprojekt mit diesem Versprechen an, und die Weltbank hat soeben eine Studie dazu veröffentlicht. Durch 180 Kilometer lange Pipelines soll Wasser vom Roten Meer südlich der Sinaihalbinsel ins Tote Meer fließen. Von den jährlich 2.000 Millionen Kubikmetern würden auf halber Strecke etwa 850 Millionen abgezwackt, um Süßwasser für die Bevölkerung zu gewinnen. Die benötigten Entsalzungsanlagen könnten Strom aus Wasserkraftwerken beziehen, die den Höhenunterschied von über 420 Metern ausnutzen, vom Roten hinab zum Toten Meer. Das Projekt bedeutete jedoch auch einen enormen Eingriff in die Ökosysteme beider Gewässer. In den kommenden Wochen soll in öffentlichen Debatten mit Regierungsvertretern und Experten, organisiert durch die Weltbank, über den Bau der Pipelines diskutiert werden.

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Klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Einst war der Jordan der Hauptzufluss des Toten Meers. Heute mündet er, nachdem er sich durch Syrien, Jordanien und Israel geschlängelt hat, nur noch als Rinnsal im Salzsee. Auf dem Weg rauben ihm die landwirtschaftliche Bewässerung und Trinkwasseranlagen für die wachsende Bevölkerung zunehmend das Wasser. Auch die Mineralindustrie leert das Tote Meer. Um Pottasche, Magnesium oder Brom zu gewinnen, pumpt sie jedes Jahr 650 Millionen Kubikmeter des Seewassers zur Verdunstung in hierfür angelegte riesige Becken. Allein das entspricht schon etwa der Wassermenge, um die das Tote Meer jährlich absinkt.

Dass sich bereits über 3.000 Senklöcher gebildet haben, die in den vergangenen Jahren Häuser und Straßen verschlangen, ist nur eine von vielen gravierenden Folgen des Wasserschwunds. "Je tiefer der Pegel des Sees sinkt, desto tiefer fallen auch die Wasserreservoire im umliegenden Gebirge", erklärt Christian Siebert. Der Geowissenschaftler vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle untersucht rund um das Tote Meer die Grundwasserressourcen in den Bergen. Dabei zeigt sich, dass wegen des sinkenden Wasserdrucks im Salzsee verstärkt Süßwasser aus unterirdischen Quellen ins Tote Meer nachströmt. Jordanien ist bereits jetzt von akuter Wassernot bedroht.

Das Absinken des Pegels betrifft nahezu alle Wirtschaftszweige der Region. Der Tourismusbranche drohen in den nächsten 50 Jahren Einnahmeverluste von schätzungsweise 2,7 Milliarden US-Dollar, der Mineralindustrie von 164 Millionen Dollar. Unter anderem deshalb hatten die Regierungen von Jordanien, Israel und Palästina die Weltbank schon im Jahr 2005 gebeten, die Machbarkeit sowie die Risiken einer Verbindung zwischen Totem und Rotem Meer zu prüfen. Erst jetzt liegen die Ergebnisse vor.

"Die größte Unsicherheit", sagt Alexander McPhail, Leiter der Weltbank-Studien, "ist die Bildung von Gipskristallen." Sie könnten entstehen, wenn sich das sulfathaltige Wasser des Roten Meers mit dem des Toten Meers mischt. Fällt Gips an der Wasseroberfläche aus, würden sich weite Teile des Sees weiß färben und das Ökosystem regional verändern. "Von unseren Modellversuchen wissen wir, dass bis zu einem Zufluss von 300 Millionen Kubikmetern nichts passiert", erklärt McPhail. Die geplante Menge von über einer Milliarde Kubikmetern aber übersteige die Aussagekraft der Modelle.

Auch das Taucherparadies im Roten Meer, dessen nördliche Ausläufer an Jordanien, Israel und Ägypten grenzen, könnte in Mitleidenschaft gezogen werden. Riesige Pumpanlagen sollen in der Nähe von sensiblen Korallenriffen Wasser in die Pipelines befördern. Im Wadi Arava, dem Tal, durch das die Leitungen laufen, befürchten Bauern zudem, über winzige Lecks könnte unbemerkt Salzwasser austreten und ins Grundwasser sickern. Trotz der möglichen Risiken schließt die Studie positiv: "Die Untersuchungen zur Sozial- und Umweltverträglichkeit zeigen keine untragbaren Auswirkungen, die nicht entschärft oder auf ein akzeptables Level gebracht werden können."

Leserkommentare
  1. Pottasche ist auf deutsch unter Kali besser bekannt.

    Brom ist ein Halogen wie Chlor und Flour auch. Die sind ziemlich giftig.

    Siehe Wikipedia.

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    Br und I aind realtiv große Atome , darum auch recht Reaktionsträge im Vergleich zu F oder Cl.
    F hat die höchste Elektronegativität mit 7,00.

    Solange man Brom nicht massiv inhaltier etc. geht es.
    Es wird wahrscheinlich immer noch als Falmmschutz benutzt.

    Was haben sie denn für ein Periodensystem? Alle periodensysteme die ich kenne (und ich habe schon einige gesehen) geben eine Elektronegativität von 4 - 4,2 an.

    • gooder
    • 24. Februar 2013 19:11 Uhr

    Der Jordan war bis 1964 Hauptzufluss,dann wurde die National Water Carrier fertiggestellt.

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    anstatt die massive Entnahme aus Genezareth zu beenden und Ideen und Lösungen für Alternativen zu entwickeln, soll nun ein riesen Aufwand getrieben werden um sprichwörtlich Regen von unten nach oben fallen zu lassen...

    Der Mensch kriegt schon alles kaputt.

    Statt das unselige Projekt NWC endlich zu korrigieren, dass neben Feindseligkeit und Krieg auch die totale Zerstörung der Natur zur Folge hat, soll mit Milliarden weiter experimentiert werden, wie man die Katastrophe noch grösser machen kann.

  2. 3. Hurra.

    Wie es aussieht wird es immer einfacher über den Jordan zu gehen.

    7 Leserempfehlungen
  3. Die Distanz zum Toten Meer ist per Luftlinie nur etwa halb so groß, die Baukosten dürften also auch geringer sein. Außerdem wäre das Gefälle entsprechend höher - man könnte mehr Energie für die Stromgewinnung abzweigen. Keine Ahnung wie viel Sulfat das Mittelmeer enthält, aber ökologisch dürfte es auch nicht so sensibel sein wie das Rote Meer bei Eilat. Das zu durchkreuzende Gebiet ist freilich um einiges dichter besiedelt als die Wüste im Süden Israels.

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    Also wenn mich mein Physikverständnis nicht täuscht, dass ist das Gefällt Wurscht und nur der Höhenunterschied (potentielle Energie) spielt hier eine Rolle. Daher ist es energetisch egal ob das Wasser von weiter weg kommt oder nicht. Und da die Wüste kaum bebaut ist, wie schon festgestellt, macht sich dort die Pipeline viel günstiger und weniger störend als im dicht besiedelten Gebiet an der Mittelmeerküste.

    Wenn die Schweizer es fertigbringen, einen über 100 km langen Tunnel unter dem Gotthard zu bohren, dann sollte es Israel doch möglich sein, die ca 80 km vom Mittelmeer zum Toten Meer zu untertunneln.

    Um das Wasser in 10 Jahren wieder auf den Stand von vor 10 Jahren zu bringen, bräuchte man bei dem starken Gefälle einen Tunneldurchmesser von vielleicht 2,5 m. Und man könnte eine Menge Strom gewinnen.

    Allerdings lässt sich eine Tunnellösung vom Mittelmeer her wegen der Zerstrittenheit mit den Palästinensern (Ghazastreifen, Westbank) wohl aus politischen Gründen nicht so leicht verwirklichen. Es wäre aber eine gute Gelegenheit, wieder einmal konstruktiv zusammenzuarbeiten, zumal evtl. ja auch Entsalzung und Bewässerung für die Westbank dabei herausspringen würde. (Die Haltung Israels, der Kobra keine Milch geben zu wollen, macht diese nur gefährlicher.)

    Aber vielleicht wird auch das vom Roten Meer gepumpte Wasser nebenbei für Bewässerung verwendet und verändert das Mikroklima, so dass die Wüste (auch die in den Köpfen) zurückgeht.

  4. 5. Kosten

    Also wenn mich mein Physikverständnis nicht täuscht, dass ist das Gefällt Wurscht und nur der Höhenunterschied (potentielle Energie) spielt hier eine Rolle. Daher ist es energetisch egal ob das Wasser von weiter weg kommt oder nicht. Und da die Wüste kaum bebaut ist, wie schon festgestellt, macht sich dort die Pipeline viel günstiger und weniger störend als im dicht besiedelten Gebiet an der Mittelmeerküste.

    5 Leserempfehlungen
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    Sie vergessen, dass bei einer verkürzten Leitungslänge auch weniger Reibung auftritt. Die Rohrreibungszahl ist keinesfalls zu vernächlässigen und bei einer Leitungslänge von etwa 200 Kilometern oder auch mehr ist ein Höhenunterschied von 400 Metern auch nicht gerade sehr viel.

  5. Sie vergessen, dass bei einer verkürzten Leitungslänge auch weniger Reibung auftritt. Die Rohrreibungszahl ist keinesfalls zu vernächlässigen und bei einer Leitungslänge von etwa 200 Kilometern oder auch mehr ist ein Höhenunterschied von 400 Metern auch nicht gerade sehr viel.

    Antwort auf "Kosten"
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    Der Rhein bei Basel liegt auf etwa 250 Meter NN. Das Gefälle des Flusses ist somit wesentlich kleiner, als das der Pipeline.

  6. Eine Rohrreibungszahl gibt es nicht. Das ist die Viskosität des Wassers.
    Wenn der Durchmesser des Rohres groß genug ist, spielt die Viskosität eine geringe Rolle. Der Druckverlust läßt sich nach Hagen-P. berechnen.

    Zwischen Mittelmeeer und Totem Meer liegt Jerusalem ( 700 Meter hoch ) und Gebirge. Da müsste man das Wasser erst hochpumpen oder einen langen Tunnel tief durch bohren.

    Die südliche Verbindung vom Roten Meer ist flacher, war da aber noch nicht.

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  7. Warum sollte man Projektkosten 10 Milliarden US-Dollar stämmen, wenn man den gleichen effekt durch ein Wasserverbot für die Mineralindustrie (welche ca 150 - 200 Millionen Dollar/Jahr gewinn macht)?

    Das rechnet sich doch nur, wenn der Steuerzahler das Stemmt und die Gewinne privat bleiben.

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    "Der Tourismusbranche drohen in den nächsten 50 Jahren Einnahmeverluste von schätzungsweise 2,7 Milliarden US-Dollar, der Mineralindustrie von 164 Millionen Dollar."

    Und dagegen sollen 10 Milliarden US-Dollar in wenigen Jahren investiert werden.

    "Rund fünf Milliarden US-Dollar, so die Kalkulation, müssten die internationalen Spender dafür aufbringen."

    Und das alles um die Umwelt zu zerstören damit manche Rentner sich gut erholen können.

    "Rund fünf Milliarden US-Dollar, so die Kalkulation, müssten die internationalen Spender dafür aufbringen."

    Und wie so schön im letzten Absatz zusammen gefasst wird geht es weder um Naturschutz/erhaltung noch um Kosten...

    es ist ein politisches Projekt.

    Wie wäre es aber, wenn die mit dem Friedensprojekt einfach nicht ums rote Meer herum anfangen, sondern in den Golanhöhen und See Genezareth?
    (Israel, Libanon, Syrien und Jordanien)

    Dann kann man ökologie und politik zusammen haben.

    Im Rahmen des Weltbank-Programms wurden mögliche Alternativen zum Großprojekt geprüft. Das Ergebnis: Diese sind ökologisch meist deutlich weniger riskant. Trotzdem erhielten sie von Beginn an kaum Aufmerksamkeit. Die Regierungen haben eher politische und wirtschaftliche Gründe im Blick. Denn das Verbindungsprojekt könnte Aushängeschild eines Friedensabkommens im Nahen Osten werden und ihnen viel Geld in die Kassen spülen. Rund fünf Milliarden US-Dollar, so die Kalkulation, müssten die internationalen Spender dafür aufbringen.

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