In der Wüstenlandschaft wirken die mächtigen Hotelkomplexe reichlich fehlplatziert. Einst lagen ihre Terrassen direkt am Ufer des Toten Meers. Heute müssen die Urlauber lange Sandwege gehen und bis zu 100 Meter tiefe Treppen hinabsteigen, um den Salzsee zu erreichen.

Denn das Wasser des Toten Meers zieht sich immer weiter zurück: Seit über 30 Jahren sinkt der Pegel pro Jahr um rund einen Meter. Die Wasserfläche ist um ein Drittel geschrumpft. Wird nichts dagegen unternommen, sinkt der Wasserspiegel laut Prognosen in den nächsten 150 Jahren um weitere 120 Meter. Die rettende Idee: Wasser aus dem Roten Meer könnte helfen, das Tote Meer wieder aufzufüllen und nebenbei die Wüstenregion besser mit entsalztem Trinkwasser zu versorgen.

Zumindest preisen die Anrainerstaaten des Toten Meeres – Jordanien, Israel und Palästina – das Großprojekt mit diesem Versprechen an, und die Weltbank hat soeben eine Studie dazu veröffentlicht. Durch 180 Kilometer lange Pipelines soll Wasser vom Roten Meer südlich der Sinaihalbinsel ins Tote Meer fließen. Von den jährlich 2.000 Millionen Kubikmetern würden auf halber Strecke etwa 850 Millionen abgezwackt, um Süßwasser für die Bevölkerung zu gewinnen. Die benötigten Entsalzungsanlagen könnten Strom aus Wasserkraftwerken beziehen, die den Höhenunterschied von über 420 Metern ausnutzen, vom Roten hinab zum Toten Meer. Das Projekt bedeutete jedoch auch einen enormen Eingriff in die Ökosysteme beider Gewässer. In den kommenden Wochen soll in öffentlichen Debatten mit Regierungsvertretern und Experten, organisiert durch die Weltbank, über den Bau der Pipelines diskutiert werden.

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Einst war der Jordan der Hauptzufluss des Toten Meers. Heute mündet er, nachdem er sich durch Syrien, Jordanien und Israel geschlängelt hat, nur noch als Rinnsal im Salzsee. Auf dem Weg rauben ihm die landwirtschaftliche Bewässerung und Trinkwasseranlagen für die wachsende Bevölkerung zunehmend das Wasser. Auch die Mineralindustrie leert das Tote Meer. Um Pottasche, Magnesium oder Brom zu gewinnen, pumpt sie jedes Jahr 650 Millionen Kubikmeter des Seewassers zur Verdunstung in hierfür angelegte riesige Becken. Allein das entspricht schon etwa der Wassermenge, um die das Tote Meer jährlich absinkt.

Dass sich bereits über 3.000 Senklöcher gebildet haben, die in den vergangenen Jahren Häuser und Straßen verschlangen, ist nur eine von vielen gravierenden Folgen des Wasserschwunds. "Je tiefer der Pegel des Sees sinkt, desto tiefer fallen auch die Wasserreservoire im umliegenden Gebirge", erklärt Christian Siebert. Der Geowissenschaftler vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle untersucht rund um das Tote Meer die Grundwasserressourcen in den Bergen. Dabei zeigt sich, dass wegen des sinkenden Wasserdrucks im Salzsee verstärkt Süßwasser aus unterirdischen Quellen ins Tote Meer nachströmt. Jordanien ist bereits jetzt von akuter Wassernot bedroht.

Das Absinken des Pegels betrifft nahezu alle Wirtschaftszweige der Region. Der Tourismusbranche drohen in den nächsten 50 Jahren Einnahmeverluste von schätzungsweise 2,7 Milliarden US-Dollar, der Mineralindustrie von 164 Millionen Dollar. Unter anderem deshalb hatten die Regierungen von Jordanien, Israel und Palästina die Weltbank schon im Jahr 2005 gebeten, die Machbarkeit sowie die Risiken einer Verbindung zwischen Totem und Rotem Meer zu prüfen. Erst jetzt liegen die Ergebnisse vor.

"Die größte Unsicherheit", sagt Alexander McPhail, Leiter der Weltbank-Studien, "ist die Bildung von Gipskristallen." Sie könnten entstehen, wenn sich das sulfathaltige Wasser des Roten Meers mit dem des Toten Meers mischt. Fällt Gips an der Wasseroberfläche aus, würden sich weite Teile des Sees weiß färben und das Ökosystem regional verändern. "Von unseren Modellversuchen wissen wir, dass bis zu einem Zufluss von 300 Millionen Kubikmetern nichts passiert", erklärt McPhail. Die geplante Menge von über einer Milliarde Kubikmetern aber übersteige die Aussagekraft der Modelle.

Auch das Taucherparadies im Roten Meer, dessen nördliche Ausläufer an Jordanien, Israel und Ägypten grenzen, könnte in Mitleidenschaft gezogen werden. Riesige Pumpanlagen sollen in der Nähe von sensiblen Korallenriffen Wasser in die Pipelines befördern. Im Wadi Arava, dem Tal, durch das die Leitungen laufen, befürchten Bauern zudem, über winzige Lecks könnte unbemerkt Salzwasser austreten und ins Grundwasser sickern. Trotz der möglichen Risiken schließt die Studie positiv: "Die Untersuchungen zur Sozial- und Umweltverträglichkeit zeigen keine untragbaren Auswirkungen, die nicht entschärft oder auf ein akzeptables Level gebracht werden können."