Bald ein Dutzend Jahre sind vergangen, seit dem großen Sprung von der Südhalbkugel ins Herz Europas – im Jahr 2001 wechselte ich als Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung von Buenos Aires nach Wien. Ich hatte mir die Donaumetropole, wo meine Mutter auf die Welt gekommen war, wo meine Urgroßeltern und meine Großeltern ihr Leben verbracht hatten, als Standort gewünscht.

Ich hegte von vielen Besuchen kostbare Kindheitserinnerungen an Wien, verklärte Reminiszensen in Pastellfarben, versüßt von der Musik Mozarts und köstlichen Tortenstücken: die damals noch wirklich edle Konditorei Demel, der damals noch geheimnisvoll-heruntergekommene Prater, die paradiesischen Zuckerlgeschäfte (so etwas gab es in der Schweiz nicht), Staats- und Volksoper, die Oma, für die Pause ausgerüstet mit einer Packung rosaroter Mannerschnitten in der Kroko-Handtasche. Das graue, triste Wien der fünfziger Jahre – rüttelnde Straßenbahnen, die letzte Bombenruine bei der Ruprechtskirche, Einschusslöcher an Hauswänden, Kriegswitwen mit grünen Filzhüten und kläffenden Hündchen in den Kaffeehäusern, Schweigen und Verlogenheit, was die NS-Vergangenheit betraf.

Das also war das Wien meiner Kindheit – und jetzt, im Sommer 2001, kehrte ich zurück, aus der exotischen Welt Lateinamerikas, nunmehr Korrespondent eines Weltblattes. Zum Abschied hatte mir der damalige österreichische Botschafter in Buenos Aires eine wohlgemeinte Botschaft mit auf den journalistischen Weg gegeben: »Vergessen Sie nie: Österreich war das erste Opfer des Nationalsozialismus.« Aha, dachte ich, interessant.

In Österreich erwartete mich dann eine aufgeregte Nation. Die blau-schwarze Koalition war noch nicht lange an der Macht, der mephistophelische Pakt Schüssel-Haider erregte immer noch die Gemüter im In- und Ausland. Österreich war polarisiert wie zu Zeiten von Kurt Waldheim. In den Zentren der Macht am Ballhausplatz herrschte ein fröhlich-grimmiger Widerstandsgeist: wir gegen die Welt.

Sofort nach meiner Ankunft stolperte ich in einen Presse-Heurigen, organisiert von der Volkspartei (ÖVP), wurde von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Nationalratspräsident Andreas Khol empfangen wie der verlorene Sohn höchstpersönlich: Ich war einer der Ihren, hatte das gute Werk meines Vorgängers weiterzuführen und die umstrittene Koalition mit wohlwollenden Artikeln gegen die Anfechtungen des Auslands zu verteidigen. Als Schüssel und seine Getreuen feststellten, dass ich – bei aller Anerkennung für Schüssels ambitiöse Reformvorhaben – seiner Regierung mit derselben kritischen Distanz begegnete wie allen Regierungen, mit denen ich im Laufe meiner langjährigen Korrespondententätigkeit konfrontiert war, machte sich herbe Enttäuschung breit: Ich wurde versuchsweise dem roten Lager zugeordnet, und dies wurde dann auch sicherheitshalber der Redaktion in Zürich in einer handgeschriebenen Note mitgeteilt.