Und jetzt Erneuerung!: Gott ist wichtig, ich bin es nicht
Benedikt XVI. wird nicht als Kirchenfürst in Erinnerung bleiben, sondern als Erneuerer des Glaubens.
Gesten kann er nicht, dachte man immer. Gesten waren die Domäne seines Vorgängers, des Tatmenschen und Weltstars Johannes Paul II. Von Benedikt XVI. hieß es dagegen, stets etwas entschuldigend, wie um einen Mangel zu beschönigen, er sei ein Papst des Wortes – mehr zum Anhören oder zum Lesen gemacht als zum Hinsehen, Teilnehmen und Mitfühlen. Und nun, zum Schluss, ist dem schüchternen Gottesgelehrten Joseph Ratzinger mit seiner Rücktrittsentscheidung eine ungeheuerliche Geste gelungen, die so gewiss in den Geschichtsbüchern stehen wird wie die Reisen, Moschee- und Synagogenbesuche oder das öffentliche Sterben seines Vorgängers.
Gewollt, im Sinne einer kalkulierten Inszenierung, war der Effekt gewiss nicht. Gesicht und Blick Benedikts XVI., während der Sprecher des Kardinalskollegiums in geläufiger höfischer Wohlerzogenheit dem scheidenden Machthaber seinen Respekt bezeugte, wirkten nicht nur müde, sondern traurig; sie erinnerten, in aller Würde der Selbstbeherrschung und der wie immer perfekt gewahrten Form, an ein verlassenes Kind. Es wäre ein Wunder, wenn ihn die Isolation im Apostolischen Palast und der Verrat in seiner nächsten Umgebung, durch die Dokumentendiebstähle seines Kammerdieners, nicht tief verstört hätten. Wahrscheinlich hat er wirklich einfach nicht mehr weitergekonnt.
Schwäche ist ein Lebensthema des vermeintlich eisernen Dogmatikers Joseph Ratzinger. Schon 1977, als der Regensburger Theologieprofessor zum Erzbischof von München berufen wurde, machte er sich Sorgen um seine empfindliche Gesundheit – als Fünfzigjähriger. 2005, in seiner Predigt beim Amtsantritt als Papst, sprach er über die Pflichten des Hirten, der seine Herde beschützen soll; der Zweifel, ob er der Aufgabe gewachsen sein würde, war ihm anzumerken. »Betet für mich«, wandte sich der frisch gewählte Benedikt XVI. an die Gläubigen auf dem Petersplatz, »betet für mich, dass ich nicht fliehe aus Angst vor den Wölfen.«
Eisern ist dieser Dogmatiker gerade nicht. Für Ratzinger ist der Kampf etwas, das er sich mühsam abringen muss, aus Sorge, dass das Verkehrte sonst überhandnimmt. Menschlich am stärksten war er als Papst, wenn er diese persönliche Fragilität, auch Fehlbarkeit, hinter der strengen Treue zur katholischen Sache sichtbar machte: Gott ist wichtig, ich bin es nicht. So im März 2009, als er nach dem kirchenpolitischen Desaster des Versöhnungsversuchs mit den reaktionären Piusbrüdern eine noch von keinem Papst gewagte Selbsterklärung und Selbstkritik publizierte. Oder jetzt, in seiner Rücktrittsankündigung, mit dem Satz: »Ich bitte euch um Verzeihung für alle meine Fehler.« Einen solchen Satz wird man bei Politiker-Abgängen selten hören.
Was bleibt von Benedikt XVI.? Es bleibt Joseph Ratzinger. Nicht die Jahre als Papst waren sein eigentliches und eigenständiges Lebenswerk, sie gehören zusammen mit der Zeit davor, als Theologe, Kardinal und Mitgestalter der Ära Johannes Pauls II. Ganz an der Spitze, als Oberhaupt der Kirche, war Ratzinger glücklos. Im Missbrauchsskandal gehörte er nicht zu den Leugnern und Verharmlosern, er hat sich mehrfach mit Opfern priesterlicher sexueller Gewalt getroffen, unter ihm hat die Kirche zum ersten Mal leidlich Ernst gemacht mit Aufklärung und Prävention – doch die wirklich befreienden Worte eines schonungslosen Schuldbekenntnisses hat er nicht gefunden. Von einer sauberen und wirksamen Kirchenregierung ist der Vatikan weiter entfernt denn je; zuletzt hat er stattdessen ein bizarres Schauspiel von Chaos, Intriganz und Lakaienkriminalität geboten. Als Vorstandsvorsitzender eines multinationalen Konzerns in einer schweren Krise, und das ist die katholische Weltkirche heute, war Joseph Ratzinger schlicht die falsche Wahl.
Aber man muss die Perspektive ausweiten, um ihm gerecht zu werden, man muss seine Jahre seit 1981 als Präfekt der Glaubenskongregation mit hinzunehmen – dann erst sieht man das volle Bild, das ganze Ratzinger-Projekt. Es ist eine Art Rettungsunternehmen, der Bau einer geistigen und spirituellen Arche – der Versuch, die großen Schätze des Christentums aus einer langen Geschichte zu sammeln, zu bewahren und in die Zukunft mitzunehmen. Formuliert in einer schönen, unverbrauchten Sprache, dialog- und konfliktfähig mit dem Denken der Moderne. Das ist mitnichten bloß Bildung, Gelehrsamkeit, Theologie, sondern für das Glaubensleben genauso zentral und notwendig wie Seelsorge, Gottesdienst oder Caritas. Joseph Ratzinger ist, bei aller Unvergleichbarkeit der Dimensionen, ein Kirchenlehrer, so wie sein großes Vorbild, der heilige Augustinus, ein Kirchenlehrer und Kirchenvater war.
Der Katechismus der katholischen Kirche, der 1992 erschien, war Ratzingers Idee – eine Gesamtdarstellung des Glaubens, die der Inhaltsleere eines bloß stimmungsmäßigen oder sozial gut gemeinten Christentums entgegenwirken sollte und als Buch ein Welterfolg geworden ist. Ratzinger hat seine Kirche wieder geistig satisfaktionsfähig gemacht, nicht nur im berühmt gewordenen Dialog mit Jürgen Habermas, sondern auch in Streitgesprächen mit atheistischen italienischen Intellektuellen, deren Antiklerikalismus einen ganzen Zacken schärfer war als die Religionsskepsis des im Alter milde gewordenen deutschen Philosophen.





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