Und jetzt Erneuerung!Mehr Erde als Himmel

Papst-Kritiker und -Freunde scheinen sich einig: Der Rücktritt war richtig. Aber stimmt das?

Sein letzter freier Schritt als Papst scheint Kritiker wie Freunde gleichermaßen zu versöhnen: Für seinen Rücktritt erhält Benedikt XVI. mehr Anerkennung als für jede Enzyklika. »A difficult pope to love« sei der Deutsche gewesen, kommentierte ein amerikanischer Kritiker, als Papst schwer zu lieben, »aber seinen Schlussakt sollten wir alle bewundern.« Doch stimmt das? Wie bewunderungswürdig ist dieser Rücktritt?

Benedikt XVI. hat die Problematik selbst in seinem Abschiedsbrief benannt: Der Petrusdienst könne »wegen seines geistlichen Wesens« nicht nur durch Taten und Worte ausgeübt werden, sondern »nicht weniger durch Leiden und durch Gebet«. Und wer wüsste das besser als Joseph Ratzinger, der seinen Vorgänger und Freund Johannes Paul II. auf dessen letzten Lebenswegen begleitete, als der polnische Papst von seiner Parkinson-Erkrankung bereits so schwer gezeichnet war, dass er in einer weltlichen Weise lange vor seinem Tod 2005 als dienstunfähig zu gelten hatte. Doch Johannes Paul verstand und versah seinen Dienst durch Leiden und Gebet, bis zum Schluss.

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Damit erregte er zunächst Anstoß, zu seltsam, zu verkehrt erschien die Logik des Leidens in einer Welt der Leistungssteigerung. Gar zu wörtlich schien da einer zu nehmen, was in der Figur des Jesus Christus durchaus angelegt war: dass einer für die anderen leidet. Doch bald gewann der gebeugte Papst an Zuspruch: Da ging einer aufrecht, gleich wie gebückt er daherkam. Nicht nur Kranke, gewohnt aus dem Blickfeld zu geraten, erkannten sich in seinem öffentlichen Leiden wieder, auch vielen Gesunden imponierte das ungebrochene Ringen. Und am Ende bahnte ausgerechnet sein Leidensweg ihm einen Pfad zu manchen der vielen Enttäuschten, die den Aufbruch des jungen Mannes im Vatikan, seinen Ruf »Fürchtet euch nicht!« vielleicht mit Sympathie begleitet hatten und sich abwandten, als seine Amtsführung enger und dogmatischer wurde. Als der Mensch Karol Wojtiła immer unübersehbarer zu zittern anfing, wandelte sich Johannes Paul, dessen Pontifikat zunehmend versteinert war, in einen Papst zum Steinerweichen.

Er hatte damit eine theologische, fast tote Figur wiederbelebt: dass dem Leiden des Menschen, wie es sich in Christi Kreuzestod übergroß darstellt, ein Sinn oder doch jedenfalls eine Würde innewohnen kann, die jeden Heroismus, jedem weltlichen Überlegenheitsanspruch entsagt. Dass Johannes Paul als überragende Gestalt in Erinnerung bleibt, liegt auch an seinem Sterben, nicht nur an seinem Leben.

»Vom Kreuz steigt man nicht herunter«, hat daher etwas harsch Johannes Pauls früherer Sekretär, der heutige Kardinal von Krakau, den Rückzug Benedikts kommentiert. Aber einen Kreuzweg kann man keinem Menschen wünschen, geschweige denn verordnen. Benedikts Einsicht in die Grenzen seiner Kräfte wohnt darum etwas zutiefst Humanes inne.

Doch ein Papst hat eben nie nur einen Körper, seinen leiblichen, sondern stets zwei: Er ist auch die Verkörperung seines Amtes.

Weil der Papst seine Kirche verkörpert und doch ein Mensch bleibt, muss er stets die Gebrechen seines Körpers austarieren mit den Erfordernissen seines Amtes. Und mit Benedikts Schritt verschiebt sich jetzt die Balance.

Papstsein wird ein wenig mehr Beruf, ein bisschen weniger Berufung. Der Papst holt sein Amt ein wenig näher vom Himmel auf die Erde. Viele, auch viele Gläubige werden das begrüßen. Vielleicht wird die Funktion des Oberhaupts der katholischen Kirche dadurch sogar effizienter. Die christlichen Kirchen fußen allerdings auf einem Stifter, Jesus, der Effizienz nicht ganz so groß geschrieben hat. Von ihm gibt es den Satz: »Ich bin in den Schwachen mächtig.« Ist also die Logik des Rücktritts eine Resignation, eine Kapitulation vor der Logik der Welt?

So weit muss man nicht gehen, um das Traurige dieses Schrittes zu sehen. Auch in der Ewigen Stadt gilt künftig: Rücktritt ist immer eine Option. Die Idee vom Papstamt als Menschenwerk und Gottesdienst ist prekärer geworden. Und der Gedanke, dass man als Mensch selbst im Gebet oder sogar im Leiden einen Dienst an anderen Menschen verrichten kann, wird noch ein wenig schwerer zu begründen sein.

 
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