Und jetzt Erneuerung!Der Weg wird frei

Der Rücktritt des Papstes schafft Hoffnung – plötzlich scheint Reform möglich.

Plötzlich war das Problem weg. Der deutsche Kirchenkrawall verstummte, es senkten die erbittert einander bekämpfenden Katholiken die Waffen. Sie vergaßen für einen Moment ihre harten Vorwürfe gegen das jeweils andere Lager, das die Kirche ruinieren wolle. Denn vorm Ruin fürchten sich alle, die zornigen Reformer wie die weinerlichen Besitzstandswahrer. Sie kämpfen seit Jahren um nichts Geringeres als die Zukunft ihrer Kirche. Und gerade erreichte der Streit durch den Fall jener katholischen Krankenhäuser, die eine vergewaltigte Frau abgewiesen hatten, um nicht gegen geltende vatikanische Norm zu verstoßen, eine neue Klimax. Doch nun plötzlich – Stille.

Ihrer aller Oberhaupt hatte mitten in den tobenden Kampf, in die vielleicht größte Kirchenkrise seit Luther hinein etwas Unerwartetes, Unmögliches, Ungeheuerliches getan. Und etwas Wunderbares. Rücktritt!

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Aber was heißt das? Rückzug oder Attacke? Kapitulation oder Neubeginn? Oder beides?

»Benedikt hat dem Amt noch einmal einen Dienst erwiesen«, lobt Pater Bernd Hagenkord, der die deutsche Sektion von Radio Vatikan leitet. »Der Rücktritt wird von nun an alle künftigen Pontifikate als Möglichkeit begleiten«, stellt der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper fest, einer der klügsten Kirchenpolitiker Roms (siehe Interview Seite 64). »Ein mutiger Schritt«, findet der deutsche Jesuit Klaus Mertes, der die Aufdeckung der kircheninternen Missbrauchsfälle auslöste. Mertes, Kasper und Hagenkord – alles Gefolgsleute ihrer Kirche. Keine Opportunisten, aber Getreue, von denen man eine respektvolle Kommentierung päpstlicher Manöver erwarten darf.

Applaus kommt auch von der anderen Seite, wenn auch weniger freundlich. Von den erbitterten Widersachern und desillusionierten Dissidenten, die sich von diesem Papst nichts mehr erhofft hatten. »Einen solchen Schritt hätten wir ihm nicht zugetraut«, sagt Christian Weisner von der Laienbewegung »Wir sind Kirche«. »Mit Benedikts Rücktritt geht ein Pontifikat von Pleiten, Pech und Pannen zu Ende«, kommentiert der Theologe David Berger, der der römischen Heuchelei wegen zum Häretiker wurde und einen Bestseller wider die repressive Sexualmoral seiner Kirche schrieb.

»Wir werden diesen Papst nicht vermissen«, ruft der Katholik Norbert Denef Benedikt hinterher. Er ist Sprecher von netzwerkB, der größten Vereinigung deutscher Missbrauchsopfer, die sich immer wieder vor den Kopf gestoßen fühlten von dieser Kirchenführung. Denef, Berger und Weisner – sie erheben sich seit Jahren gegen Benedikts Amtsführung, aber zum Schluss hat er ihnen doch etwas wie Respekt abgenötigt. Oder wenigstens das Eingeständnis, das Richtige getan zu haben.

Das Kirchenvolk an der Basis ist nicht nur zornig, sondern auch traurig

Jeder Rücktritt ist eine Demutsgeste. Sie wirkt entwaffnend, weil sie etwas von einem Eingeständnis hat, sei es einer Schuld, einer Schwäche, eines Fehlers. Dieser Rücktritt ist mehr. Tritt einer zurück, der unfehlbar sein kann, der nicht anfechtbar ist, dann verwandelt er sich vom heiligmäßigen Stellvertreter Gottes auf Erden zurück in einen einfachen Menschen. Er sagt: Ich kann nicht mehr. Und: Ein anderer kann es womöglich besser. Er stellt sein Amt und damit auch seine Amtsführung zur Disposition. Wenn der Papst zurücktritt, dann heißt das: Auch ein Pontifikat ist keine Einbahnstraße. Man kann umkehren. Selbst im Vatikan kann man sich für etwas Neues entscheiden und muss nicht warten, bis es vom Himmel fällt.

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