Annette Schavan: Was bleibt?
Annette Schavan war die dienstälteste Ressortchefin und steigerte kräftig ihr Budget. Dennoch blieb die Ministerin für Bildung und Forschung der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Bilanz einer Amtszeit
Am Ende war alles anders. Da richteten sich die großen Scheinwerfer der Nation auf Annette Schavan. Selbst die Opposition überschütteten sie mit Lob für ihre Arbeit. Und Kommentatoren sprachen anerkennend von einer politischen Tat, »die bleibt«, sie meinten ihren Rücktritt. In ihrer langen Zeit im Amt hatte es all das nicht gegeben.
Im Moment ihres Abschieds genießt Annette Schavan ihre höchste Bekanntheit, zum Zeitpunkt ihrer tiefsten Niederlage ihre größte Popularität. Das ist tragisch und auch unfair, wie schon der Grund ihres Rücktritts. Vor allem aber ist es erklärungsbedürftig. Denn Annette Schavan war länger als alle Vorgänger im Bund für Bildung und Forschung zuständig. Sie hatte zudem scheinbar alles, was eine Fachpolitikerin für den Erfolg braucht: eigene Expertise, die absolute Rückdeckung der Regierungsspitze, eine Lizenz zum Geldausgeben sowie Themen, welche die Menschen bewegen (Schule) und die Zukunft bestimmen (Wissenschaft).
Dennoch tauchte die Frau mit dem freundlichen Gesicht und der Haartolle vor der Brille in den Politiker-Rankings nur auf einem hinteren Treppchenplatz auf, wenn überhaupt. Die Öffentlichkeit verband mit ihrer Amtszeit bis zu ihrem Rücktritt kein großes Thema und mit ihrem Namen keine nationale Debatte. Waren die Abschiedshymnen deshalb nur Höflichkeitsgesten und die CDU-Politikerin eigentlich eine erfolglose Ministerin? Was bleibt inhaltlich von siebeneinhalb Jahren Annette Schavan?
In den Forschungsorganisationen treffen schon solche Fragen auf Unverständnis. »Die deutsche Wissenschaft ist international so attraktiv wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Daran hat Frau Schavan entscheidenden Anteil«, sagt Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. Während andere Nationen ihre Forschungsbudgets zusammenstrichen, steigerte Schavan ihren Etat von einem Haushaltsjahr zum nächsten. Unter dem Strich steht sie mit fast fünfzig Prozent im Plus. Das ist ein Pfund.
Das meiste Geld leitete Schavan in Labore und Großforschungseinrichtungen weiter, via Helmholtz-Gemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft, Deutsche Forschungsgemeinschaft oder die Fraunhofer-Gesellschaft. Heute zieht es Spitzenwissenschaftler aus aller Welt nach Berlin, München oder Heidelberg, und zwar nicht nur deutsche, die der Heimat einst den Rücken gekehrt hatten. Enger als je zuvor arbeiten Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Wirtschaft zusammen.
Die wichtigsten Förderinstrumente – den Pakt für Forschung und Innovation wie auch die Exzellenzinitiative – hatte Schavan von Edelgard Bulmahn (SPD) übernommen. Schavans Verdienst besteht darin, das Erbe ihrer – herzlich ungeliebten – Vorgängerin nicht zurückgewiesen, sondern aufgegriffen und am Ende vielfach verzinst zu haben. »Eine moderne Forschungspolitik zeichnet sich nicht dadurch aus, dass ein Minister immer neue Programme und Projekte verkündet«, sagte Schavan.
Die Wissenschaft und ihre Lobbyisten mögen solchen Pragmatismus. Insbesondere, wenn er Geld und wenig Vorgaben mit sich bringt. Denn mit übermäßigem Gestaltungswillen hat Schavan – außer bei den Dauerzielen wie mehr Nachwuchs und mehr Frauen – die Wissenschaft nicht behelligt. Mit einer Ausnahme: An fünf Universitäten finanziert ihr Ministerium heute Institute für Islamische Studien. Das ist ein europaweit einzigartiger Versuch der intellektuellen Integration der Muslime. Als der Wissenschaftsrat das Modell vorschlug, hat die studierte Theologin Schavan die Chance sofort ergriffen.
Personell wie programmatisch steht die CDU in der Bildungspolitik nackt da
Am Ende betrachteten die Forscher die Politikerin als eine der Ihren. Auch deshalb schlugen sie sich in der Plagiatsaffäre im Kampf zwischen der Universität Düsseldorf und Schavan öffentlich auf die Seite der Ministerin. Verklausuliert wollten sie ausdrücken, was Schavans langjähriger Gegenpart auf SPD-Seite, Jürgen Zöllner, über die CDU-Politikerin öffentlich sagt: »Ich kenne sie seit Jahrzehnten, und sie hat mich noch nie getäuscht.«
Annette Schavan als pragmatische Dienerin der Forschung, die selbst Experimente mit embryonalen Stammzellen rechtfertigt: Wer hätte das gedacht, als die konservative Politikerin 2005 aus Baden-Württemberg nach Berlin wechselte. In Stuttgart hatte sie sich als katholische Erziehungsbeauftragte und reformwütige Bildungsexpertin ihrer Partei profiliert. Doch genau diese Arena blieb der Ministerin in der Hauptstadt verschlossen, seitdem die Föderalismusreform den Bund aus den Schulen ausgesperrt hatte.
Es dauerte eine Zeit lang, bis Schavan merkte, welch amputiertes Ressort ihr zugefallen war. Sie hatte die Kompetenzbeschneidung schließlich selbst als Kultusministerin in Stuttgart mitbetrieben. Das sogenannte Kooperationsverbot sollte sich bis zum Ende ihrer Amtszeit als Fluch erweisen. Denn die Öffentlichkeit interessiert sich nur bedingt für Programme zur Förderung organischer Leuchtdioden oder die Erfolge der Infektionsforschung. Sie erwartet von der Bundesbildungsministerin neue Ganztagsschulen oder fragt, was diese unternimmt, damit es weniger Schulabbrecher gibt.





"Die deutsche Wissenschaft ist international so attraktiv wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr"
Na, dann schauen Sie sich mal ein durchschnittliches Uni Department an. 95% deutsche Profs und Mitarbeiter. Ausnahmen bestätigen die Regel. Die Helmholtze, Fraunhofers und Max Plancks des Landes sind oft solche Ausnahmen. Schaut man in die Department ausländischer Unis/Institute/Zentren (kenne selbst NL, S, UK, DK, ) wird man von oft 50% Ausländeranteil begrüßt, inkl. vieler Deutsche. Ironischer Weise predigt man aus wissenschaftlicher Sicht den Unternehmen immer Diversität, da sie zu mehr Kreativität führe. Honi soit qui mal y pense. Jedenfalls haben dt. Unis noch nicht vom eigens gebrauten Zaubertrank getrunken.
Etwas hat sich die Situation ggü. der 1980-90er Jahre verbessert, aber viel tiefer konnte man auch nicht rutschen. Ob nun Frau Schavan daran einen Anteil hatte oder sich einfach inzwischen ein paar mehr Ausländer nach Deutschland trauen (siehe Zitat: "seit dem 2. Weltkrieg"), kann vermutlich niemand seriös kausal begründen.
Fakt ist jedenfalls, dass die dt. Wissenschaft noch reichlich Aufholbedarf hat: Dual Careers, Tenure Tracks, Didaktikausbildung, unabhängig Evaluierte Promotionsverfahren, Reisemittel für int'le Kooperationen und Konferenzen, eine arbeitstaugliche Infrastruktur auch außerhalb der Naturwissenschaften, mehr langfristig beschäftigtes Personal für lange Projekte, höhere Einkommen um den Job attraktiv zu halten und vor allem Perspektiven.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren