Wenn Philipp aus der 10b des Leipziger Max-Klinger-Gymnasiums in zwei Jahren sein Abitur ablegt, wird er viel gelernt haben. Wann der Deutsch-Dänische Krieg begann. Wer das Nibelungenlied schrieb. Was die Bundesversammlung ist, und was man bei der Polynomendivision beachten muss. Wie sich eine Zelle teilt. Wie ein Vulkan entsteht.

So zumindest will es der Lehrplan für Gymnasien, der vom sächsischen Kultusministerium erlassen wird. Was Philipp laut Lehrplan nicht gelernt haben wird: was eine Staatsanleihe ist. Wie ein Hedgefonds funktioniert. Warum es Rating-Agenturen gibt.

"Wirtschaft ist, was ich in der Tagesschau nicht verstehe", sagt Philipp, und den meisten jungen Deutschen geht es ähnlich. 2009 gaben die Industrie- und Handelskammern eine Umfrage in Auftrag, um herauszufinden, ob sich Menschen zwischen 16 und 29 Jahren für Wirtschaftsthemen interessieren. Fast alle Befragten gaben dieselbe Antwort: Sie halten das, was in der Wirtschaftswelt passiert, für wichtig, aber sie verstehen es nicht. 2010 fragte das Verbraucherschutzministerium Zehntklässler nach ihren Wirtschaftskenntnissen. Gut die Hälfte der Schüler wusste nicht, was ein Girokonto ist. Bankenverbände klagen seit Jahrzehnten über ökonomische Wissenslücken in der Bevölkerung, und selbst Politiker, die wirtschaftspolitische Richtungsentscheidungen treffen, wissen nicht immer, was sie tun. Als der Deutsche Bundestag im Herbst 2011 über die Ausweitung des Euro-Rettungsfonds abstimmte, schickte die ARD ein Reporterteam in den Berliner Reichstag. Kurz bevor die Abgeordneten zur Abstimmung in den Plenarsaal verschwanden, stellten die Reporter ein paar Fragen: Wie hoch ist der deutsche Anteil an den Kreditbürgschaften? Welche Länder haben bereits vom Rettungsschirm profitiert? Viele Abgeordnete wussten keine Antwort, manche konnten nicht einmal grob schätzen, über welche Summe sie wenig später abstimmen würden (es waren mehr als 200 Milliarden Euro). Vermutlich haben sie sich gefühlt wie Philipp aus der 10b – ahnungslos.

Ist es für einen Durchschnittsbürger ohne Volkswirtschaftsdiplom unmöglich, zu verstehen, was in der Finanzwelt vor sich geht? Ist es normal, dass Philipp zur großen Mehrheit der Ahnungslosen gehört und nur eine kleine Minderheit in der Lage ist, die wirtschaftlichen Dynamiken zu verstehen, die unsere Gesellschaft prägen?

Ökonomische Bildung ist ein "unverzichtbarer Bestandteil der Allgemeinbildung", so sieht es die Kultusministerkonferenz (KMK), deren Mitglieder die Lehrpläne der einzelnen Bundesländer erlassen. Doch wer ein deutsches Gymnasium besucht, verlässt es in der Regel als ökonomischer Analphabet. An den allerwenigsten Schulen, die zum Abitur führen, wird Wirtschaft als Pflichtfach gelehrt. Es gibt Unterricht in Chemie und Biologie, in Philosophie und Geografie, aber – mit Ausnahme einiger spezialisierter Fachgymnasien – nicht in Ökonomie. Stattdessen werden Mischfächer angeboten, in denen Inhalte aus Politik, Recht und Ökonomie verflochten werden. In Sachsen, wo Philipp zur Schule geht, heißt dieses Mischfach "Gemeinschaftskunde", in anderen Bundesländern zum Beispiel "Sozialkunde" oder "Politik und Wirtschaft". Die KMK will damit erreichen, dass ökonomisches Wissen nicht aus seinem gesellschaftlichen Zusammenhang gerissen wird. Wer das Prinzip Profit behandelt, soll das Prinzip Gerechtigkeit mitdenken. Wer die Marktwirtschaft erklärt, soll nicht nur zeigen, wie dieser Markt funktioniert, sondern auch, was er mit den Menschen macht.

Das Konzept des integrierten Wirtschaftsunterrichts ist gut gemeint, birgt aber mindestens drei Probleme: Erstens wird die Ökonomie im Unterricht oft zugunsten anderer Lehreinheiten vernachlässigt. Zweitens ist die Lehrerausbildung für viele Mischfächer mangelhaft. Und drittens öffnet gerade dieses Modell unzähligen Wirtschaftslobbyisten die Tür zu Deutschlands Klassenzimmern.

Banken und Berater verteilen Unterrichtsmaterial in Schulen

Das erste Problem lässt sich an Philipps Stundenplan ablesen: Für Gemeinschaftskunde als Pflichtfach sind im sächsischen Lehrplan für Gymnasien zwei Schuljahre mit je einer Doppelstunde pro Woche vorgesehen. Nur ein Viertel dieser ohnehin spärlichen Unterrichtszeit ist für Wirtschaftsthemen reserviert, das sind etwa zwölf Doppelstunden. Wenn Philipp Gemeinschaftskunde in der Oberstufe abwählt, dann bleiben diese zwölf Doppelstunden der einzige Wirtschaftsunterricht, den er während seiner gesamten Schullaufbahn bekommt. "Das reicht gerade mal, um ein paar Grundbegriffe zu erklären", sagt Annelie Helbing, Philipps Gemeinschaftskundelehrerin.

"Für Weiterbildung bleibt wenig Zeit"

Ökonomische Bildung hat an deutschen Gymnasien nicht nur wenig Platz, auch die Qualität des Unterrichts ist oft schlecht. Das ist das zweite Problem: Das Mischfachmodell führt dazu, dass nicht jeder, der Wirtschaft unterrichtet, auch dafür ausgebildet ist. Wer Mathelehrer werden will, studiert Mathematik. Chemielehrer studieren Chemie. Aber wer später einmal Wirtschaft unterrichtet, studiert oft alles Mögliche, nur nicht Ökonomie.

Annelie Helbing hat Russisch und Geografie studiert. Geografie unterrichtet sie bis heute, Russisch wollte nach der Wende kaum mehr jemand lernen. Deshalb hat Helbing eine Weiterbildung zur Gemeinschaftskundelehrerin gemacht. Wirtschaftswissenschaften seien darin "äußerst kurz gekommen", sagt sie. Helbing ist ein gutes Beispiel, warum so viele Lehrer, die Wirtschaftswissen vermitteln, sich dabei nicht auf eine ähnlich solide Ausbildung stützen können wie Mathe- oder Englischlehrer.

Das Problem betrifft nicht nur Lehrer wie Annelie Helbing, sondern auch solche, die von vornherein Gemeinschaftskunde unterrichten wollen. Weil es kein eigenes Fach für Ökonomie gibt, gibt es auch keine eigene Lehramtsausbildung dafür. "Man kann das Examen bestehen, ohne jemals in einer Ökonomievorlesung gesessen zu haben", sagt Hans-Georg Krüger, 30. Er hat in Leipzig Geschichte und Gemeinschaftskunde auf Lehramt studiert und unterrichtet heute in Baden-Württemberg.

Wenn Krüger aus der Schule kommt, macht er eine Stunde Sport, dann holt er nach, was er an der Uni nicht gelernt hat. Er liest Fachbücher, bestellt sich Ökonomie für Pädagogen von der Bundeszentrale für politische Bildung, holt sich Rat bei seiner Frau, die BWL studiert hat, fährt nach Stuttgart, um Vorträge von Wirtschaftswissenschaftlern zu hören. Hätte er keine Fernbeziehung und abends nicht so viel Zeit, wüsste er nicht, wie er sich auf den Unterricht vorbereiten sollte, sagt Krüger. An einem normalen Arbeitstag bleibt er bis zehn am Schreibtisch.

Während Krüger in seinem Arbeitszimmer in der süddeutschen Provinz sitzt, steigen und fallen draußen in der Welt die Aktienkurse. Unternehmen werden gegründet, Unternehmen gehen pleite, Volkswirtschaften wachsen, Volkswirtschaften schrumpfen, und manchmal gehen sie bankrott. Börsenhändler tippen Befehle in ihre Rechner, und vielleicht sitzt irgendwo ein Ökonom und feilt an einer neuen Theorie. Die Wirtschaftswelt verändert sich, manchmal mit rasender Geschwindigkeit. Ein Mathe- oder Englischlehrer hat es vergleichsweise leicht, auf dem Laufenden zu bleiben. Der Satz des Pythagoras besteht spätestens seit der Antike. Die englische Grammatik hat sich seit einem halben Jahrtausend nicht groß verändert. Die Grundfesten der Wirtschaftswissenschaft aber sind nicht mal 300 Jahre alt – und scheinen trotzdem in vielen Bereichen überholt. Was noch vor 20 Jahren als unerschütterliche Wahrheit galt, steht heute schon wieder zur Debatte.

Annelie Helbing, Philipps Gemeinschaftskundelehrerin, ist 52 Jahre alt. Mehr als die Hälfte aller Lehrer, die in der Sekundarstufe unterrichten, sind in ihrem Alter oder älter. Als sie ihr Examen ablegten, war Deutschland noch geteilt, im Gebiet des Euro-Raums gab es 17 verschiedene Währungen, und bis Griechenland Mitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft wurde, der heutigen EU, sollte es noch Jahre dauern. Sie sind in der DDR geboren oder in der BRD der Wirtschaftswunderzeit, sie haben in den Siebzigern und Achtzigern studiert, als Volkswirtschaftslehre an manchen Instituten noch "Nationalökonomie" hieß. Vieles, was sie dort gelernt haben, wird heute angezweifelt: Der Homo oeconomicus? Ein überholtes Konstrukt. Das Streben nach unbegrenztem Wachstum? Womöglich nicht der klügste Weg.

Heute sollen diese Lehrer ihren Schülern erklären, was die Euro-Krise ist. "Es ist verdammt viel Arbeit, eigentlich kommt man nie hinterher", sagt Helbing. "Und für Weiterbildung bleibt wenig Zeit."

Es gibt eine Menge Leute, die nichts lieber täten, als Helbing einen Teil dieser Arbeit abzunehmen. Schon seit Jahren beliefern Unternehmensberatungen, Banken und arbeitgebernahe Thinktanks wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) Schulen mit Arbeitsblättern zu Wirtschaftsthemen. Allein auf dem Bildungsverteiler des Bundesverbands deutscher Banken stehen mehr als 60.000 Lehrer. Auch Annelie Helbing aus Leipzig.

Manche Bundesländern versuchen, die ökonomische Bildungslücke zu schließen

"Die Lehrer werden von Wirtschaftslobbyisten zugeschüttet", sagt Marianne Demmer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sie befürchtet, dass ökonomische Bildung viel zu oft aus der Perspektive der Wirtschaftsverbände vermittelt wird. Die Sicht von Arbeitnehmervertretern, Umwelt- oder Sozialverbänden würde ausgeblendet, obwohl auch sie wirtschaftliche Akteure sind.

Im Mai 2012 fragte die GEW in einer Studie, mit welchen Partnern Schulen vorrangig zusammenarbeiteten. 45 Prozent aller Schulen nannten die private Wirtschaft als wichtigsten Kooperationspartner. Nicht nur für Praktika, auch für Börsenplanspiele und Sonderlehreinheiten mit Namen wie "Entrepreneurship Education". In manchen Schulen steht an Projekttagen der örtliche Sparkassenvertreter vor der Klasse, um den Schülern zu erklären, wie die Wirtschaft funktioniert. Gewerkschaften spielen dagegen laut der GEW-Umfrage nur für zwei Prozent der befragten Schulen eine wichtige Rolle.

Hans-Georg Krüger sagt, das Unterrichtsmaterial der Wirtschaftsverbände sei "richtig gut aufbereitet". Verwenden würde er es trotzdem nicht. Die Arbeitsblätter der INSM nennt er "Propagandamaterial". In ihren Werbebroschüren schreibt die INSM Sätze wie "In der Realität hat der Mindestlohn nur eine Folge: Dass noch mehr Menschen arbeitslos werden". In ihrem "Schnupperkurs in Sachen Ökonomie", der für den Schulunterricht konzipiert wurde, steht: "Man ist weder Moralapostel noch Neoliberaler oder gar ein Gegner des Staates, wenn man die wahnwitzige staatliche Umverteilung an den Pranger stellt." Wenn die Schüler Glück haben, dann haben sie einen Lehrer, der diesen Satz mit ihnen diskutiert. Wenn sie Pech haben, dann bleibt der Satz unkommentiert im Raum stehen, so, als wäre er ein Gesetz: Staatliche Umverteilung ist wahnwitzig. Dass manche Wirtschaftsforscher anderer Meinung sind, bliebe diesen Schülern verborgen. Annelie Helbing sagt, man müsse eben aufpassen, was man in die Finger bekomme. "Die Arbeitsblätter sind eine reine Ergänzung zu den Lehrbüchern, die oft veraltet sind. Man muss uns Lehrern schon zutrauen, dass wir erkennen, wenn sie zu einseitig sind.

Mit ihren Arbeitsblättern (und mit ihren Interessen) stopfen die Wirtschaftsverbände eine Lücke, die der Staat in der ökonomischen Allgemeinbildung hat wachsen lassen. Sie verschenken dabei nicht nur Unterrichtsmaterial an Wirtschaftslehrer, sie mischen sich auch in die Bildungspolitik der Länder ein, sie sind eng verflochten mit Forschungsinstituten, die wiederum die Landesregierungen beraten. Seit mehr als 20 Jahren fordert etwa der Bundesverband deutscher Banken ein eigenständiges Unterrichtsfach für Wirtschaft. Fast genauso lang schon streiten Ökonomiedidaktiker darüber, ob ein eigenständiges Fach die ökonomische Bildung tatsächlich verbessern könnte oder ob das Mischfachmodell beibehalten und lediglich mehr Platz für Wirtschaftsthemen eingeräumt werden sollte. Das Problem des ökonomischen Analphabetismus ist also nicht neu.

Es gibt kein bundesweit einheitliches Konzept für ökonomische Bildung

Neu ist, dass dieser Analphabetismus heute stärker zutage tritt. Spätestens seit im September 2008 die Pleite einer New Yorker Investmentbank die Weltwirtschaft ins Schlingern brachte, seit beinahe täglich über marode Volkswirtschaften berichtet wird, die es zu retten gilt, seit der Präsident der Europäischen Zentralbank öfter in den Nachrichten erscheint als der Präsident des Deutschen Bundestags, scheint es, als verstünde, wer von Wirtschaft nichts versteht, die Welt nicht mehr.

In manchen Bundesländern wird versucht, die ökonomische Bildungslücke zu schließen. In Ländern wie Baden-Württemberg oder Mecklenburg-Vorpommern können Schüler in der Abiturstufe ein eigenes Fach Wirtschaft wählen – wenn sie es wollen. In Niedersachsen wird im Mischfach "Politik/Wirtschaft" beiden Themengebieten gleich viel Zeit eingeräumt. Und ganz gewiss gibt es an vielen Schulen engagierte Lehrer, die trotz schlechter Rahmenbedingungen hervorragenden Wirtschaftsunterricht geben. Aber weil das deutsche Bildungssystem ein föderaler Flickenteppich ist, wird nur an einigen Ecken und Enden gestopft. Ein flächendeckendes staatliches Konzept zur Aufwertung der ökonomischen Bildung fehlt.

Problematisch ist das auch deshalb, weil sich viele Lücken nach der Schule nur noch schwer schließen lassen. Wer das Einmaleins nicht kennt, wird es schwer haben, in die Integralrechnung einzusteigen. Wer die englische Grundgrammatik nicht beherrscht, kann nicht Shakespeare lesen. Und wer nie gelernt hat, was eine Staatsanleihe ist, wird auch die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank nie verstehen.