Ski-WM"Dann geht eine Welt unter"

Allem WM-Fieber zum Trotz: Dem österreichischen Skisport mangelt es heute schon an Nachwuchs mit Siegerqualitäten. von Gerd Millmann

Nach einer Woche fiel die fähnchenschwingende Begeisterung bei der Heim-WM der österreichischen Skihelden in Schladming nur mehr schlapp aus. Grund zum Jubel gab es keinen. »Mit einem Abfahrtsgold bei den Männern wär die WM-Bilanz gerettet«, erklärte Olympiasieger Franz Klammer der Süddeutschen Zeitung, noch kurz bevor die patriotischen Erwartungen neuerlich enttäuscht wurden: geschlagen die Abfahrer, abgeschlagen ihre Kolleginnen aus dem Damenteam. Nun sollen wenigstens die Techniker die Würde der Skination bei den alpinen Weihespielen retten -– vielleicht zum letzten Mal. Denn die Zukunftsperspektiven für österreichische Siegläufer sind eingetrübt, neue Stars derzeit nicht in Sicht.

Wie gering die Aussichten auch auf längere Sicht sind, das könnte sich schon nächste Woche zeigen, wenn im kanadischen Quebec die Weltmeisterschaften der 15 bis 20 Jahre alten Junioren ausgetragen werden. Noch vor wenigen Jahren dominierten Athleten aus Österreich diese Nachwuchswettbewerbe souverän. Im Jahr 2000 stellte das rot-weiß-rote Team sogar einen Allzeitrekord von dreizehn Medaillen auf. In diesem Jahr ist der erste Platz in der Nationenwertung allerdings illusionär. Bereits bei den Junioren-Weltmeisterschaften von 2009 bis 2012 dümpelten die Zukunftshoffnungen des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) zwischen den Rängen drei und sieben herum. Der Nachwuchs hat den Kontakt zur Weltspitze verloren. Österreichs zentraler Sportart gehen die Sieger aus.

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»Wenn man ehrlich ist: Die Fähigkeiten und das Potenzial unserer Schüler sind schon spürbar geringer als früher«, gesteht Arno Staudacher, Direktor des Schigymnasiums Stams: »Das ist natürlich nicht wissenschaftlich überprüft, aber meine persönliche Erfahrung der letzten Jahre.« Der Leiter der weltweit erfolgreichsten Kaderschmiede des Skisports hat sich ein fundiertes Wissen über Jugendsport erarbeitet. Der 52-jährige Tiroler war selbst Skiathlet, studierte Sport an der Universität Innsbruck und war zwischen 1987 und 2010 auch für den ÖSV-Nachwuchs verantwortlich.

Mehr als 150 Medaillen haben die Absolventen der Sportakademie im Oberinntal bislang bei Weltmeisterschaften erkämpft. Marlies Schild, Benjamin Raich, Mario Matt und Manfred Pranger waren die letzten Alpinweltmeister aus Stams. Sie stehen noch im aktuellen Aufgebot und verkörpern die prekäre Situation des ÖSV: Alle sind zwischen 31 und 35 Jahre alt und haben ihren sportlichen Zenit bereits überschritten. Hinter dem 23-jährigen Marcel Hirscher, dem derzeit Führenden im Gesamtweltcup, lauern in der Weltcupwertung keine hungrigen Jungstars, sondern eine Riege altgedienter Läufer.

»Das ist eine logische Entwicklung der letzten Jahre«, meint der Sporthistoriker Rudolf Müllner von der Universität Wien. »Dass ein Kind nur in einer bestimmten Sportart – nämlich Skifahren – sozialisiert wird, das wird es künftig in dieser Breite nicht mehr geben.« Der MTV-Generation würden sich viel mehr sportliche Alternativen als früher anbieten. Zahlreiche Trendsportarten buhlen um die Begeisterung junger Leute, und dadurch wird der Pool an Talenten immer kleiner.

Leserkommentare
  1. in den explodierten und weiter steigenden Liftpreisen, die bereits in einigen Regionen utopische Höhen erreicht haben.
    Auch hierüber waren schon einige Berichte zu lesen, dass aus Kostengründen sich viele Eltern die entsprechenden Skikurse ihres Nachwuchses nicht mehr leisten können oder nicht mehr leisten wollen.

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  2. Ach Gottchen, in was für Ausflüchte man sich da begibt, das ist ja nicht mehr feierlich. Viele der angeführten Gründe mögen ja stimmen, aber es ist ja nun nicht so, als würde der Skisport aussterben.

    Vor drei Wochen waren die 13. Winter X Games.
    Letzte Woche waren die Burton European Open in Laax, einem der bekanntesten Gebiete für junge Leute in ganz Europa.
    Derzeit macht die Swatch Freeride World Tour Station in den Alpen.
    Jedes Wochenende finden dutzende Freeski und Freeride Wettbewerbe in den Alpenländern statt, gerade auch für die Jüngeren.

    Wenn man sich die Skier von Teenagern und Kindern anguckt, wird man feststellen, dass der Anteil an den sog. Twintips in den letzten Jahren förmlich explodiert ist und wohl sehr bald über 50% betragen dürfte.
    Auf Facebook und anderen Portalen werben Skigebiete nicht mit Bildern von irgendwelchen Riesenslalom-Strecken, sondern mit Videos o.ä. ihrer Funparks und Variantenabfahrten.

    So, jetzt bitte nochmal überlegen, welchem Trend der Skisport gerade folgt und warum das so ist. Der Rennsport-Boom der 90er und frühen 2000er hat im Moment bei den Youngsters Sendepause, das Idol heißt nicht mehr Herman Maier oder Benni Raich, sondern eben Bene Mayr oder Sean Pettit.

  3. Armes Austria!
    Auch ein Problem beim erkennen von Talenten im Sport ist Subjektivität. Alle Trainer entscheiden nach Aussehen und ihrem Gefühl und machen dadurch systematische Fehler.
    Im Skisport hat das dann extrem negative Folgen, weil die Ausbildung und Ausrüstung sehr teuer ist. Ich lege jedem Mal den Film Money-ball ans Herz, der auch für Laien diese Problematik sehr schön schildert.

    Eine effektive statistische Auslese würde die wenigen Talente im kleineren Pool deutlich besser erkennen, als es ein Mensch je könnte.

    • Zeal
    • 15. Februar 2013 12:33 Uhr

    das komplette Gegenteil der Fall, der Skisport (und dazu zähle ich auch das Tourengehen) boomt wie nie zuvor.

    Nur weil der alpine Rennlauf zunehmend unpopulärer wird, heisst das nicht, dass sich die heimische Bevölkerung vom Skisport als Ganzes abwendet.

    Dass das mangelde Interesse der Jugend am "Stangerl fahrn" für den ÖSV eine Katastrophe ist, verwundert nicht, ist aber größtenteils selbstverschuldet.

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    • intolia
    • 15. Februar 2013 12:46 Uhr

    ... wo doch die autobahngleichen Kunstschneepisten in den Kommerz-Skigebieten heute kaum noch skifahrerischen Reiz bieten und keinerlei Anforderung an den Fahrer stellen.
    Ich kann als ganzes beobachten, dass die durchschnittlichen Abfahrtstechniken drastisch gesunken sind, so dass man gemeinhin besser vom Brettlrutscher denn vom Skifahrer spricht.
    Auch im Bekanntenkreis sehe ich den Trend Kinder nicht mehr mehrere Winter in die Skischule zu schicken (wie in meiner Kindheit üblich) sondern das ganze lieber selbst anzugehen, mit den bekannten Ergebnissen.
    Kommt noch dazu, dass viele Jugendliche heute nicht zuletzt deshalb mit dem Skibus unterwegs sind, weil es sich da so schön vorglühen lässt. Möchte nicht wissen, wieviele vermeintliche Skifahrer den meisten Tag auf der Hütte verbringen - die gestiegenen Zahlen der Alkohol-Unfälle sprechen Bände.

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    • Hendess
    • 15. Februar 2013 13:08 Uhr

    In Deutschland gab es laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2002 noch 5,6 Millionen 10- bis 15-Jährige. Im Jahr 2012 waren es nur noch 4,6 Millionen. - In Felix Austria dürften die Zahlen im Verhältnis ähnlich aussehen.

    Dann rechnen wir noch die Snowboarder rein bzw. raus - et voilà: Frage ist nicht mehr die Quantität, sondern die Qualität.

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    >>> In Deutschland gab es laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2002 noch 5,6 Millionen 10- bis 15-Jährige. Im Jahr 2012 waren es nur noch 4,6 Millionen. - In Felix Austria dürften die Zahlen im Verhältnis ähnlich aussehen.

    1. Es sind nicht nur die Kinder verschwunden, sondern auch die vielen kleinen Pisten bei und in den Dörfern. Übrig geblieben sind lukrative zentrale Mega-Skigebiete, die vom Tourismus aus den grossen Städten und dem Ausland leben, nicht von den sporttreibenden Familien der Umgebung. Bei 4 Erwachsenen Skifahrern egal welcher Nation verdient eine Ski-Station deutlich mehr als von einer 4-köpfigen Familie. Daher fallen Familienermässigungen sehr bescheiden aus und der österreichische Volkssport Ski ist ausgabenbedingt längst kein Volkssport mehr in Österreich. Skisport ist stattdessen *das* Medienereignis in Österreich geworden. Der ÖSV macht aus diesem Trend das Beste... für sich. Der einzige Ex-Junioren-Star Hirscher organisiert sich soweit es geht abseits des ÖSV. Allesamt offenbar keine guten Bedingungen für erfolgreiche Nachwuchsförderung auf breiter Basis.
    2. Fast alle österr. Weltklassefahrer der letzten Jahre sind junge Sportvollinvaliden ab Mitte 30, die kaum noch schmerzfrei gehen können. Abfahrtsrennen sind seit Jahren medienwirksam lebensgefährlich präpariert. Niemals würde ich meinen Kindern eine Skisportkarriere unterstützen, wären sie auch noch so talentiert.

  4. muss die Erwachsenen-Generation verantworten. Wenn man schon den Verfall der Jugend im Hinblick auf Fitness, Gesundheit, u.ä. beklagen will.

    Die Jugend baut nicht an allen Ecken Fast-Food Restaurants. Die Jugend ist es auch nicht, die an Schulen Soft-Drink Automaten aufstellt.
    Es ist nicht die Jugend die ein Klima des Konsumzwangs schafft.

    Unsere Kinder sind das was wir aus ihnen machen.

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