Als sie ein kleines Mädchen war, wurde Sheryl Sandberg bossy genannt – herrschsüchtig. Das berührt die Frau, die schon immer etwas mehr wollte und konnte als andere, noch heute. "Die Jungs wurden nie so genannt", sagt sie Ende Januar beim Treffen in Davos. Die Frau macht sich normalerweise rar, aber zum World Economic Forum, dem wichtigsten Termin der globalen Wirtschaftselite, reist sie an.

Das Gespräch ist typisch für die 43-jährige Cheforganisatorin von Facebook, die das amerikanische Magazin Forbes zu den zehn mächtigsten Frauen der Welt zählt. Wohl kaum ein Terminkalender ist in Davos schneller getaktet als ihrer, und doch ist sie sofort hundert Prozent bei der Sache, als sie zum verabredeten Zeitpunkt wie aus dem Nichts in der Lobby des Luxushotels Seehof auftaucht. Sie redet schnell, präzise, pointenreich, mischt bekannte Sätze und Geschichten mit neuen. Ein Gespräch wie im Zeitraffer. Und als sie nach 40 Minuten den Eindruck hat, das Wichtigste sei gesagt, beendet sie das Gespräch. Letzte Frage bitte, sagt sie, danke, war toll. Sie ist so schnell weg, wie sie kam.

Bossy women ist in Amerika ein Begriff für Frauen, die alles im Griff haben wollen. Es wurmt Sheryl Sandberg, dass ehrgeizige Managerinnen schnell als "ein bisschen aggressiv" verschrien sind und den anderen unvorteilhaft erscheinen, während man Männern für das gleiche Verhalten noch auf die Schulter klopfe. "Wir werden von Stereotypen zurückgehalten", sagt sie. Ein Beispiel? Bitte sehr. Was denkt man, wenn man im Büro einen Chef mit einem männlichen Mitarbeiter sieht, die ihre Köpfe zusammenstecken? "Mentoring. Und wenn es ein Mann mit einer Frau ist? Eine Verabredung."

Sie will diese Vorurteile nicht mehr stillschweigend hinnehmen. "Frauen in Führung?", fragt sie. "Wir sind so wenige, dass es über jede ein eigenes Vorurteil gibt. Man kann uns tatsächlich immer noch zählen." Marissa Mayer zum Beispiel gilt als die kompromisslose Chefin des Internetportals Yahoo!, die nur zwei Wochen Babypause nahm. Meg Whitman ist die ebenso reiche wie harte Republikanerin an der Spitze von Hewlett Packard. Und Sheryl Sandberg ist die Frau, die andere Frauen zum Angriff auf die Männerbastionen treibt.

Vor gut zwei Jahren hat sie die erste viel beachtete Rede darüber gehalten, wie Frauen nach ganz oben gelangen – nach Sandbergs eigener Ansicht das wichtigste gesellschaftliche Anliegen, das sie bisher verfolgt hat. Sie hat Frauen davor gewarnt, sich mit Blick auf die Familiengründung im Job zurückzulehnen. "Geht nicht schon, bevor ihr geht!" heißt ihr berühmtester Aufruf. Im März erscheint ihr Buch Lean in – "Hängt euch rein!".

Auch im Gespräch sind es solche Passagen, bei denen sie am emphatischsten ist. "14 Prozent der Toppositionen in der Wirtschaft sind mit Frauen besetzt. Die Entwicklungskurve ist jetzt seit zehn Jahren flach. Und die Sorge ist, dass sie wieder abwärtsgeht, wenn die Dynamik lange genug stoppt", sagt sie. Jetzt im Vieraugengespräch ist sie genauso engagiert und überzeugend wie am Morgen vor vielleicht tausend Frauen und etwas weniger Männern auf dem großen Panel.