Kamelien in GalicienStrahlender Winter

In Galicien, Spaniens Nordwesten, blühen jetzt die Kamelien. Eine Gartenreise entlang der Ruta de la Camelia. von Sandra Danicke

Kamelienblüte in Galicien

Kamelienblüte in Galicien  |  © Sociedad Española de la Camelia

Señor Piñeiro Lago? Eben stand er noch hier, jetzt hört man nur noch ein Rascheln. Auf der Suche nach Loki Schmidt hat sich Pedro Piñeiro Lago in die Büsche geschlagen. Kurz darauf kommt er triumphierend mit einer zartrosa Blüte heraus: Loki Schmidt. Zuvor haben wir in seinem Garten bereits die Bekanntschaft von Bob Hope, Professor Waterhouse und Captain Rawes gemacht – alles Namen von Kamelien, wie Loki Schmidt. 1600 Kameliensorten wüchsen auf seinem Anwesen, hatte Pedro Piñeiro Lago erklärt, um gleich darauf bei einem Rundgang den Beweis anzutreten.

Der Pazo Quinteiro da Cruz, ein neoklassizistisches Herrenhaus mit einem acht Hektar großen Grundstück, liegt im galicischen Ribadumia, eine Stunde südlich von Santiago de Compostela, und gehört zur Ruta de la Camelia. Zwölf private und öffentliche Gärten haben der Tourismusverband Turgalicia und die Spanische Kameliengesellschaft auf dieser Route miteinander verbunden. Sie führt küstennah durch eine Hügellandschaft voller Eukalyptusbäume. Nirgendwo sonst ist Spanien so grün wie hier im Nordwesten, was an den milden Temperaturen und am vielen Regen liegt, der in Galicien fällt. Während im Sommer die unterschiedlichsten Pflanzen mit ihren Farben die Landschaft zum Leuchten bringen, haben im Winter die Kamelien ihren großen Auftritt. Weil sie das feuchte Klima und den sauren Granitboden lieben, gedeihen sie hier so prächtig, dass sie für die Region zu einem Wahrzeichen geworden sind. Im Süden Japans und Chinas, wo die Kamelie ihren Ursprung hat, wächst sie meist geschützt in kühlen Wäldern. In Galicien gedeihen an die 8000 Sorten auch in Gärten und Parks, auf Plätzen und Straßen, meist als immergrüne Großsträucher oder Kleinbäume; manchmal werden die Bäume aber auch zwanzig Meter hoch.

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Vorbei an Orangen-, Quitten- und Zitronenbäumen führt uns Pedro Piñeiro Lago über sein dicht bepflanztes Grundstück, auf dem die Familie auch den weißen Albariño, einen typischen Wein der Region, anbaut. Steinerne Brunnen, Kreuze und Statuen aus dem 18. und 19. Jahrhundert markieren romantische Plätze, an denen man gerne einen Moment lang stehen bliebe, doch Piñeiro Lago legt ein Tempo vor, als gelte es, jede einzelne Blume zu ihrem Recht kommen zu lassen. Mit hektischen Bewegungen deutet der gelernte Apotheker abwechselnd rechts und links auf Kamelienbüsche und ruft ein ums andere Mal: »todos diferentes«, alle verschieden. Jedes Jahr kämen neue Sorten hinzu, erklärt er voller Enthusiasmus, aus Australien, Südafrika, Frankreich oder Japan. Immer wieder pflückt der Spanier eine Blume und hält sie uns hin. Schon nach kurzer Zeit haben wir ein Potpourri unterschiedlichster Blüten zwischen allen zehn Fingern klemmen: rosafarbene, pinkfarbene, rote und weiße – zu schön, um sie einfach fallen zu lassen. Manche habe lange gelbe Staubfäden, andere sehen aus, als seien sie aus feinstem Porzellan gefertigt oder aus Kerzenwachs. Manche sind fast so groß wie Salatköpfe, andere klein wie ein Daumennagel. Alle jedoch sind erstaunlich robust: Fast meint man, auf dünnes Plastik zu fassen.

Als vor mehr als 300 Jahren die erste Kamelie aus China in Europa eingeführt wurde, war man ursprünglich gar nicht auf Ziersträucher aus. Die Engländer wollten günstig an Tee gelangen, der in China seit Tausenden von Jahren aus den Blättern der Kamelie hergestellt wird. Dass nicht die chinesische Tee-Kamelie, sondern die japanische Zierkamelie den Weg nach Europa fand, könnte ein Versehen gewesen sein. Oder – wie manche glauben – ein Trick der Chinesen, die besorgt waren um ihr Teemonopol.

Ihren anmutigen Namen verdankt die Kamelie dem schwedischen Pflanzenforscher Carl von Linné. Er benannte sie 1735 nach Georg Joseph Kamel, einem mährisch-österreichischen Jesuitenpater und Naturkundler, der als Erster die Pflanzenwelt der Philippinen beschrieben hatte. Mit Kamelien hatte er sich allerdings nie beschäftigt.

Weil sie am anpassungsfähigsten war, konnte sich die Camellia japonica in Europa am besten durchsetzen. In Galicien sind aber auch die später eingeführte zierliche Camellia sasanqua mit ihren schlichten kleinen Blüten und die Camellia reticulata mit ihren spektakulären Riesenblüten anzutreffen – alle drei Arten gibt es in unzähligen Varianten. Einige der ältesten Kamelien findet man im Garten des Pazo de Oca. Der Barockpalast liegt weiter nördlich von Señor Piñeiro Lagos Landsitz, im kleinen Ort A Estrada. Auf dem Weg dorthin fahren wir an Wäldern und Kohlfeldern entlang durch tief zwischen den Bergen hängende Wolken. Fast fühlen wir uns wie in Wales oder Cornwall – wäre da nicht der verblüffende Anblick vereinzelter Palmen im Nebel.

Im Pazo de Oca hat Pedro Almodóvar 2011 Teile seines Thrillers Die Haut, in der ich wohne gedreht. Als wir vor der Fassade des ältesten Adelspalastes Galiciens stehen, kommt es uns aber vor, als sei hier seit Jahrzehnten keiner gewesen. Die Mauern aus Granitstein sind überzogen von einer grünbraunen Moosschicht, die den gewaltigen Bau etwas marode wirken lässt. Auf unser Klingeln öffnet eine scheue Angestellte und geleitet uns in einen weitläufigen Garten, dessen gepflegter Zustand uns überrascht. Gleich am Eingang beweisen ornamental gestutzte Buchsbaumhecken, dass hier vor Kurzem ein Gärtner am Werk war. Doch jetzt ist außer uns niemand zu sehen. Auch die Angestellte ist plötzlich verschwunden. Verwundert flanieren wir über die menschenleere Anlage, die sich als raffinierte Komposition aus stetig wechselnden Eindrücken entpuppt. Gerade noch staunten wir über die nüchterne Geometrie eines perfekt getrimmten Heckenlabyrinths, da stoßen wir im nächsten Moment auf einen mit wuscheligen Kletterpflanzen überwucherten Pavillon. Eben noch wanderte unser Blick einen gigantischen Mammutbaum hinauf, jetzt ist es das intensive Hellgrün einer Lindenallee, das ihn geradeaus in Richtung Fluchtpunkt lenkt.

Milder Regen trommelt auf unsere Schirme und kräuselt die Oberfläche eines diagonal ins Gelände gesetzten Ententeichs. Fontänen schießen aus Brunnen und Speiern, die Luft ist gesättigt von Wasser. Kein Wunder, dass sich fusselige Flechten und samtige Moose auf nahezu allen Bauten und Baumstämmen ausgebreitet haben. Auf Wegen, Mauern, Hecken klebt rosabrauner Matsch aus herabgefallenen Kamelienblüten. Sie bringen ein Hauch Anarchie ins gepflegte Grün. Im Januar ist es vor allem die Pomponia, die ihre an Cheerleader-Pompons erinnernden Blüten abwirft. Das geht so schnell, da kommt kein Gärtner hinterher. Dass es jedoch Menschen gibt, die deshalb der Kamelie am liebsten mit der Axt begegnen, hätten wir nicht gedacht. Aber genau so sei es, erzählt uns Carmen Salinero Corral, die wir am nächsten Tag in Pontevedra treffen, einer Provinzhauptstadt im Zentrum der Kamelienroute.

Leserkommentare
  1. Wie kann man einen solchen Artikel schreiben ohne ihn reichhaltig zu bebildern? Sie müssten schon eine Weltklasse-Schriftstellerin sein, um mit Worten denselben Effekt zu erzeugen.

    3 Leserempfehlungen
  2. Ohne Bilder fange ich erst gar nicht an das zu lesen. So ein dummer Witz, ich hatte mich auf eine visuelle Reisebegleitung gefreut. 0/10

    2 Leserempfehlungen
  3. ...zierliche Camellia sasanqua mit ihren schlichten kleinen Blüten und die Camellia reticulata mit ihren spektakulären Riesenblüten ... schade, hätte sie gerne wieder einmal gesehen.
    Übrigens, in der Bretagne blühen jetzt auch die Kameliensträuche - gehen sie mal in den "Jardin Public et Botanique" von Nantes - eine Pracht (bitte nicht sagen, dass Nantes nicht in der Bretagne liegt, die Duchesse de Bretagne lebte hier...).
    Hier stehen auch die ältesten Magnolienbäume Frankreichs. In Nantes wurden Kamelien oft als schützende Hecke angepflanzt - sieht halt schöner aus, als die heutigen Hecken...
    Im "Golfe de Morbihan" können sie auch unzählige Kamelienhecken oder -sträuche sehen. Vor 30-40 Jahren, als wir noch in der südlichen Bretagne lebten, betrachteten viele unserer Freunde die Kamelien als "Unkraut"...
    Geben sie nun doch noch ein paar Fotos zu dem Artikel!

    • Mahoni2
    • 26. Februar 2013 18:45 Uhr

    Ein sehr schöner Artikel aber etwas mehr Fotos hätten es schon sein können.

    Da nun aber in Galicien die Kamelien blühen, zeigt, dass der Frühling in großen Schritten auf uns zukommt - ich freue mich darauf.

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