Als ich 13 war, gab es in meiner Familie ein Ritual beim Abendessen. Mein Vater arbeitete als Arzt in der Notaufnahme, für ihn begann nach unserem Dinner seine Nachtschicht. Aber erst fragte er meine drei Schwestern und mich geduldig nach unseren Hausaufgaben aus. Bis ich es nicht mehr aushielt und rief: Dad, erzähl doch mal von letzter Nacht! Und dann begann er zu erzählen: von bizarren Verletzungen, gruseligen Knochenbrüchen, fürchterlichen Notoperationen. Zum Schluss sagte er immer: In der Notaufnahme weißt du nie, was im nächsten Moment geschehen wird.

Eines Abends fragte er mich, ob ich ihn mal begleiten möchte. Natürlich wollte ich. Einige Tage darauf ging ich mit ihm zur Arbeit, ich zog mir einen weißen Kittel an, schnappte mir ein Clipboard und schrieb alles mit, was er mir diktierte – welche Tabletten dieser Patient bekommen sollte, welche Behandlung ein anderer. In dieser Nacht wurde mein Vater für mich zu einem Superhelden. Und in dieser Nacht wurde mein Traum geboren, einmal in seine Fußstapfen zu treten und Ärztin zu werden.

Ich glaube, ich kann sehr gut die Anforderungen dieser Arbeit einschätzen. Jahrelang habe ich mit angesehen, wie mein Vater abends um sieben aus dem Haus ging und morgens um sieben zurückkam. Es war, als würde er unser Leben rückwärts leben. Ich weiß, dass er einen anstrengenden Job hat, dass er sich jahrelang durch das Medizinstudium quälen musste, um als Assistenzarzt im Chicago County Hospital anzufangen. Das war in den achtziger Jahren. Damals befragten gerade einige Fernsehproduzenten Ärzte des Krankenhauses nach ihren Erlebnissen, auch meinen Vater. So flossen seine Erfahrungen in die Entwicklung der Serie Emergency Room ein.

Im Moment kann ich gar nicht daran denken, ein Studium in mein Leben zu integrieren, ich schaffe es ja kaum, in den Supermarkt zu gehen. Aber zum Glück haben mir meine Eltern einen großen Wissensdurst vererbt. Ich versuche jeden Tag die Zeitung zu lesen, das Wall Street Journal oder die New York Times. Gern würde ich Fachbücher lesen – zum Beispiel über Anatomie. Wie der Körper aufgebaut ist, wie er im Zusammenspiel von Knochen und Muskulatur funktioniert, das fasziniert mich. Acht Jahre lang habe ich Ballett getanzt. Da konnte ich sehen, wie seltsam sich die Anatomie manchmal auswirken kann. In einem Sommer bin ich um fast fünfzehn Zentimeter gewachsen, und mein Gleichgewichtssinn funktionierte auf einmal schlechter. Ich fühlte mich überhaupt nicht mehr graziös wie eine Ballerina.

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Kürzlich habe ich mich als Freiwillige verpflichtet und im Krankenhaus der New York University auf der Station für Frühgeburten ausgeholfen. Das Haus war vom Hurrikan Sandy beschädigt worden, wir transportierten diese kleinen, fragilen Babys in ein anderes Gebäude. In diesem Moment verspürte ich wieder den Wunsch, ihnen besser helfen zu können. Und ich wusste, den Traum vom Medizinstudium muss ich in meinem Leben unbedingt noch verwirklichen.

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