Tübingen : Ein intellektuelles Treibhaus

Am Leibniz Kolleg in Tübingen lernen Studenten alles von Astronomie bis Zivilrecht. Besucht hat sie unsere Autorin Christine Brinck.

»Dies ist unser Kleinod«, sagt die 20-jährige Anna stolz und öffnet leise die Tür zur Bibliothek. Welcher Abiturient benutzt heute noch das altmodisch-schöne Wort »Kleinod«, es sei denn in einer Bewerbung für einen Praktikumsplatz im deutschen Feuilleton? Doch Anna, meine Wegweiserin, bewirbt sich nicht fürs Schöngeistige, sie ist Studentin am Leibniz Kolleg in Tübingen. Einst wollte sie zum Bundesnachrichtendienst. Als der sie nicht nahm, entschied sie sich für ein Jahr Studium generale, um Klarheit zu gewinnen.

Das Leibniz Kolleg in Tübingen wurde 1948 auf Initiative der französischen Militärregierung gegründet, als eine Art Nachhilfeinstitution in Demokratie- und Geschichtsverständnis. Persönlichkeiten wie Theodor Heuss, Romano Guardini, Eduard Spranger oder Adolf Butenandt gehörten damals zu den Gestaltern des gedanklichen Konzepts des einjährigen Studiengangs. Ihnen lag nicht nur ein Vorstudium am Herzen, sondern die Heranbildung einer verantwortungsbewussten und engagierten Generation. Folgerichtig sind die Studenten ganz demokratisch in die Organisation des Studienjahrs wie in die Programmgestaltung eingebunden. Regelmäßig besprechen sie Fragen, die für das gemeinsame Leben und Lernen wichtig sind.

Das Kolleg ist in einer Villa untergebracht, die nahe der Innenstadt liegt und kurze Wege zur Universitätsbibliothek, Sportplätzen oder dem Rechenzentrum erlauben. In diesem Haus mit Vorgarten wohnen und studieren 53 Leibniz-Kollegiaten. Sie selbst nennen sich »Kekse«. Sie wohnen spartanisch, meist zu zweit in kleinen Zimmern. Sie haben eine Gemeinschaftsküche, für deren Sauberkeit sie verantwortlich sind, Kühlschränke, in denen jeder sein eigenes Fach mit Türchen hat, Wasch- und Trockenmaschinen, kein Fernsehen und kein WLAN, aber eine urtümliche Telefonzelle. Ein Hausmeisterehepaar sorgt für Sauberkeit in den sanitären und öffentlichen Bereichen.

Die Studenten, die in der Mehrzahl gewiss zu Hause ihr eigenes Zimmer samt Fernseher und schnellem Internetzugang hatten, finden es in dieser leicht chaotischen Massen-WG, in der überall Wäsche hängt, Schuhe herumliegen und Flaschen stehen, offenbar trotzdem schön. Denn in all den Jahren hat es keine Abgänge gegeben. Was ist das Geheimnis des Keks-Kollegs, dass angeblich verwöhnte junge Leute ohne Komfort auskommen und morgens um acht pünktlich in ihrem Seminarraum sitzen?

Ein Grund ist Auslese – Selbstauslese. Wer sich am Leibniz Kolleg bewirbt, will auch dorthin und hat sich kundig gemacht: Der Bruder der besten Freundin hat davon erzählt, eine Cousine war dort, manchmal hat auch ein Lehrer darauf hingewiesen. Durchweg bewerben sich Jugendliche, die nach dem Abitur nicht gleich »auf die schmale Spur« gehen wollen, die einen weiten Blick anstreben, den Tunnelblick vermeiden möchten. »Man stößt hier auf Menschen und Themen, mit denen man nicht gerechnet hat«, sagt eine 19-Jährige.

Für das Kollegjahr 2012/13 hatten sich 250 Abiturienten auf die 53 Plätze beworben. Ihre Auswahl ist weniger von der Abiturnote bestimmt – obwohl 1,0 keine Seltenheit ist – als von den ausführlichen Auswahlgesprächen mit dem Leiter Michael Behal und seinem Stellvertreter Rainer Raisch. Und besonders wichtig: das Votum der Kollegiaten, die den Neuling beobachten und einschätzen, ob er in die Gemeinschaft dieser speziellen WG passen könnte.

Das Kolleg bietet den neugierigen und wissbegierigen Abiturienten einen idealen Übergang von der Schule in die Universität, indem es den Studienanfängern einen Überblick und Einblick in Studienrichtungen vermittelt, sie in Techniken und Methoden wissenschaftlichen Arbeitens einweist und in der Gemeinschaft mit anderen Verantwortung und Persönlichkeitsentfaltung ermöglicht. Das Kolleg ist weniger ein Wellness-Urlaub nach dem Abitur als ein intellektuelles Treibhaus. Die jungen Leute sitzen nicht in den Kursen, weil sie müssen, sondern weil sie Fragen haben, diskutieren wollen, Antworten suchen.

Der frühere Präsident der Stanford University, Gerhard Casper, sagt: »Die Hälfte einer guten Universitätsbildung sind andere Studenten.« Im Kolleg lernen die Studenten von- und miteinander. »Zu uns kommen ja nicht vorwiegend Leute, die nicht wissen, was sie wollen. Hierher kommen eher Leute, die sich für so viele Dinge interessieren, dass sie einstweilen keinen Bereich unberücksichtigt lassen wollen«, erklärt Leiter Martin Behal, seit Jahrzehnten das Rückgrat und die Seele des Kollegs. Auch wenn es Anwesenheitspflicht in den Kursen gibt, Zensuren und Scheine gibt es nicht. Wie in England und den USA ist das Studienjahr in Trimester eingeteilt und läuft von Oktober bis Ende Juli. Pro Trimester ist eine Hausarbeit fällig, und von Dozenten ist zu hören, dass die Qualität der Arbeiten deutlich höher sei, als an der »richtigen« Uni.

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Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

UMTS und Uni

Leider funktioniert das mit UMTS nicht so gut. Die blokieren VPN-Verbindungen (zumindest O2). Somit hat man keine Verbindung in das Uninetzwerke. Ich weiß nicht warum die das machen. Skype und so kann man nämlich nutzen, das wäre der einzige Grund für mich, warum ein VPN nicht zugelassen wird. (Da man sonst skype über das VPN nutzen könnte, und somit nicht mehr telephoniert... aber wie gesagt: Skype läuft)
Für mich ein rätsel.

Warum in einer Parallelwelt?

Dieses allgemeine Jahr hört sich gut an.

Was ich noch nicht so ganz verstehe: Warum wird das alles parallel zum regulären Vorlesungsbetrieb durchgeführt? Es gibt doch schon alle Vorlesungen, da können diese Studenten doch einfach mitmachen.

Vielleicht sollte man soetwas zusätzlich organisieren: Eine Art Orientierungsjahr für die Allgemeinbildung. Und um eine breitere Masse anzusprechen, werden reguläre Vorlesungen verwendet.
Das würde auch geringere Kosten für Studenten verursachen: knapp 3000€ statt 4600€.

Kein Internet?

Und warum genau gibt's da kein Internet? Das ist absolut rückständig und zwar aus dem Grund, dass Internet halt nicht nur Facebook, Youtube und 9gag bedeutet, sondern für viele Studenten auch das wichtigste Rechercheinstrument darstellt.

Ohne Internet komme ich nicht ins Onlinesystem meiner Uni, kann mir keine Scripte, Hausarbeiten etc. runterladen, meine Noten nicht einsehen und ich könnte direkt mal 3/4 der Bibliographie meines letzten Essays streichen, das habe ich nämlich alles im Internet gefunden (Google Scholar etc.).

Das Internet ist kein Teufelsding, das von der Arbeit ablenkt (jedenfalls nicht nur), es ist mittlerweile notwendig.

Naja,

es hängt wohl auch etwas vom Fach und vom Wissenschaftsverständnis ab. Wenn Sie geschichtsfreies Gegenwartswissen suchen und kritische Infragestellung vermeiden wollen, haben Sie gerade in technischen, aber auch in pädagogischen Fächern und erst recht in ideologisch aufgeladenen Denk- und Fühl-Studies sicher recht. Nur werden Sie zum Sklaven augenblicklicher Wissensstände, wenn Sie diese nicht mehr historiseren und an den Verzweigungen der Fachgeschicte nach alternativen Deutungsmöglichkeiten suchen, die sich halt nicht durchgesetzt haben - oder verstehen wollen, warum welches Beschreibungs- und Deutungsmodell überhaupt erfolgreich war.

Wenn Sie das ausblenden, betreiben Sie keine Wissenschaft mehr, sondern Nachschreiben dessen, was gerade gilt und bestenfalls in die herrschende Denke sich einpassende "angewandte Forschung", wie das genannt wird.

Entspricht natürlich einem Zeitgeist, der Grundsatzfragen vermeidet und den jungen Leuten einreden will, die Welt sei nur das, was ihnen verkündet wird. Insofern funktioniert das Netz wirklich hervorragend.

Geschichte und Wissenschaft

Das ist ein mit Sicherheit sehr wichtiger Einwand, dass Geschichte etwas mit Wissenschaft zu tun hat. In dem Sinne das auch für Naturwissenschaften die Geschichte einer Entdeckung relevant ist. Ich stimme vollkommen zu. Es erleichtert vor allem das Verständnis, denn wenn man in historischer Reihenfolge einen Sachverhalt nachvollzieht, so verwendet man die Reihenfolge in der es schon einmal funktioniert hat. Wenn man also nicht viel dümmer ist, schafft versteht man das Problem irgendwann.

Trotzdem hat dieses Konzept in meinen Augen grenzen. Zumindest empirische Naturwissenschaften - so ist mein Eindruck - sind sehr pragmatisch. Es geht hauptsächlich darum, ob ein Modell funktioniert oder nicht. Und nicht funktionierende - oder auch nicht hilfreiche - Modelle werden nicht weiter verfolgt. Ein schönes Beispiel dafür aus der Physik ist die Bohmsche Mechanik. Sie würde wahrscheinlich genauso gut funktionieren, wie unsere Quantenmechanik. Man hat sich halt dafür entschieden, sie zu ignorieren. Weil man sie nicht wiederlegen konnte. Einfach so.

Ich denke so geht es vielen Theorien. Bestimmt ist es interessant diese zu erforschen. Nur das ist dann Wissenschaftshistorik. Nicht mehr Naturwissenschaft.

Ich denke an Strategisch wichtigen Punkten muss man sich mit vergangen Theorien beschäftigen, um die gültigen zu verstehen. Das wird aber durchaus gemacht. Der Schwerpunkt sollte aber auf aktuellen Theorien liegen. Denn sie haben einen harten Selektionsprozess hinter sich.

Naja...

Zunaechst danke sehr fuer die informative Reportage ueber das Leibnizkolleg, die ich an eine Bekannte weiterreichen werde.

@Dr. Michael Neunmueller:
Ich weiss nicht, in welchem Bereich der Wissenschaft sie arbeiten, aber ich persoenlich bin Naturwissenschaftlerin, also eher unverdaechtig der "Denk und Fuehl-Studies" und recherchiere normalerweise zunaechst online, womit ich ihrer Aussage nach aktuelles Wissen wiedergebe und jeglicher Historie aus dem Weg gehe. Eine Behauptung, die meiner Meinung nach auf mangelnde Sachkenntnis hindeutet und wenig Kenntnis dieses Mediums. Im Internet finde ich naemlich die Datenbanken nahezu aller wissenschaftlichen Journale und entsprechende Suchmaschinen wie das Web of Knowledge. Hier veroeffentlichen zumindest die Naturwissenschaften seit Jahrhunderten neue Erkenntnisse, in den Philosophical Transactions of the Royal Society z.B. seit 1665 und in der beruehmten Nature seit immerhin sei 1869. Die Alternative zur entsprechenden Internetrecherche waeren mutmasslich Karteikaesten, aber die werden sie nicht mehr finden. Ich faende es also besser, das Internet nicht pauschal zu verteufeln, sondern gezielt zu nutzen. Diesbezueglich ist das Leibniz Kolleg nur zu beglueckwuenschen, weil es Studenten offenbar einen fundierten Umgang damit nahebringt. WLAN heisst ja nicht, dass kein Internet zur Verfuegung steht, sondern nur, dass man sich dafuer an Arbeitsplaetze begeben oder Abstriche in der Geschwindigkeit hinnehmen muss.