»Dies ist unser Kleinod«, sagt die 20-jährige Anna stolz und öffnet leise die Tür zur Bibliothek. Welcher Abiturient benutzt heute noch das altmodisch-schöne Wort »Kleinod«, es sei denn in einer Bewerbung für einen Praktikumsplatz im deutschen Feuilleton? Doch Anna, meine Wegweiserin, bewirbt sich nicht fürs Schöngeistige, sie ist Studentin am Leibniz Kolleg in Tübingen. Einst wollte sie zum Bundesnachrichtendienst. Als der sie nicht nahm, entschied sie sich für ein Jahr Studium generale, um Klarheit zu gewinnen.

Das Leibniz Kolleg in Tübingen wurde 1948 auf Initiative der französischen Militärregierung gegründet, als eine Art Nachhilfeinstitution in Demokratie- und Geschichtsverständnis. Persönlichkeiten wie Theodor Heuss, Romano Guardini, Eduard Spranger oder Adolf Butenandt gehörten damals zu den Gestaltern des gedanklichen Konzepts des einjährigen Studiengangs. Ihnen lag nicht nur ein Vorstudium am Herzen, sondern die Heranbildung einer verantwortungsbewussten und engagierten Generation. Folgerichtig sind die Studenten ganz demokratisch in die Organisation des Studienjahrs wie in die Programmgestaltung eingebunden. Regelmäßig besprechen sie Fragen, die für das gemeinsame Leben und Lernen wichtig sind.

Das Kolleg ist in einer Villa untergebracht, die nahe der Innenstadt liegt und kurze Wege zur Universitätsbibliothek, Sportplätzen oder dem Rechenzentrum erlauben. In diesem Haus mit Vorgarten wohnen und studieren 53 Leibniz-Kollegiaten. Sie selbst nennen sich »Kekse«. Sie wohnen spartanisch, meist zu zweit in kleinen Zimmern. Sie haben eine Gemeinschaftsküche, für deren Sauberkeit sie verantwortlich sind, Kühlschränke, in denen jeder sein eigenes Fach mit Türchen hat, Wasch- und Trockenmaschinen, kein Fernsehen und kein WLAN, aber eine urtümliche Telefonzelle. Ein Hausmeisterehepaar sorgt für Sauberkeit in den sanitären und öffentlichen Bereichen.

Die Studenten, die in der Mehrzahl gewiss zu Hause ihr eigenes Zimmer samt Fernseher und schnellem Internetzugang hatten, finden es in dieser leicht chaotischen Massen-WG, in der überall Wäsche hängt, Schuhe herumliegen und Flaschen stehen, offenbar trotzdem schön. Denn in all den Jahren hat es keine Abgänge gegeben. Was ist das Geheimnis des Keks-Kollegs, dass angeblich verwöhnte junge Leute ohne Komfort auskommen und morgens um acht pünktlich in ihrem Seminarraum sitzen?

Ein Grund ist Auslese – Selbstauslese. Wer sich am Leibniz Kolleg bewirbt, will auch dorthin und hat sich kundig gemacht: Der Bruder der besten Freundin hat davon erzählt, eine Cousine war dort, manchmal hat auch ein Lehrer darauf hingewiesen. Durchweg bewerben sich Jugendliche, die nach dem Abitur nicht gleich »auf die schmale Spur« gehen wollen, die einen weiten Blick anstreben, den Tunnelblick vermeiden möchten. »Man stößt hier auf Menschen und Themen, mit denen man nicht gerechnet hat«, sagt eine 19-Jährige.

Für das Kollegjahr 2012/13 hatten sich 250 Abiturienten auf die 53 Plätze beworben. Ihre Auswahl ist weniger von der Abiturnote bestimmt – obwohl 1,0 keine Seltenheit ist – als von den ausführlichen Auswahlgesprächen mit dem Leiter Michael Behal und seinem Stellvertreter Rainer Raisch. Und besonders wichtig: das Votum der Kollegiaten, die den Neuling beobachten und einschätzen, ob er in die Gemeinschaft dieser speziellen WG passen könnte.

Das Kolleg bietet den neugierigen und wissbegierigen Abiturienten einen idealen Übergang von der Schule in die Universität, indem es den Studienanfängern einen Überblick und Einblick in Studienrichtungen vermittelt, sie in Techniken und Methoden wissenschaftlichen Arbeitens einweist und in der Gemeinschaft mit anderen Verantwortung und Persönlichkeitsentfaltung ermöglicht. Das Kolleg ist weniger ein Wellness-Urlaub nach dem Abitur als ein intellektuelles Treibhaus. Die jungen Leute sitzen nicht in den Kursen, weil sie müssen, sondern weil sie Fragen haben, diskutieren wollen, Antworten suchen.

Der frühere Präsident der Stanford University, Gerhard Casper, sagt: »Die Hälfte einer guten Universitätsbildung sind andere Studenten.« Im Kolleg lernen die Studenten von- und miteinander. »Zu uns kommen ja nicht vorwiegend Leute, die nicht wissen, was sie wollen. Hierher kommen eher Leute, die sich für so viele Dinge interessieren, dass sie einstweilen keinen Bereich unberücksichtigt lassen wollen«, erklärt Leiter Martin Behal, seit Jahrzehnten das Rückgrat und die Seele des Kollegs. Auch wenn es Anwesenheitspflicht in den Kursen gibt, Zensuren und Scheine gibt es nicht. Wie in England und den USA ist das Studienjahr in Trimester eingeteilt und läuft von Oktober bis Ende Juli. Pro Trimester ist eine Hausarbeit fällig, und von Dozenten ist zu hören, dass die Qualität der Arbeiten deutlich höher sei, als an der »richtigen« Uni.