Zeitschriftenkultur : Klare Sprache, schwarze Tinte

Als gäbe es kein Zeitungssterben: An der amerikanischen Ostküste gründen junge Intellektuelle wieder kritische Zeitschriften, fast wie vor einem halben Jahrhundert.
Detail aus dem Cover der US-Zeitschrift "Jacobin" © Jacobin

Als er beschloss, eine Zeitschrift zu gründen, war Bhaskar Sunkara 21 Jahre alt – und hatte die Nase voll vom amerikanischen Medienbetrieb. "Ich hatte was zu sagen, aber niemanden, der mich publizieren wollte", sagt er. "Junge Autoren sind ein Risiko, und viele Magazine wollen heute keine Risiken eingehen." Das war kurz nach der Wirtschaftskrise. Wie vielen seiner Altersgenossen drohte Sunkara nach dem Geschichtsstudium eine Zukunft im Schatten seiner Studienschulden und ohne glorreiche Karriereperspektive. Mit einigen Verbündeten und ein paar Tausend Dollar – "Alles in Minijobs verdient!" – gründete er deshalb sein eigenes Magazin: Jacobin, eine Quartalsschrift für Kulturkritik und Polemik , wie es im Untertitel heißt. Die erste Ausgabe erschien mit einer pechschwarzen Titelseite, enthielt Essays mit Titeln wie "Warum wir die Zapatisten liebten" und eine Gestaltung, die sich nur als Bleiwüste beschreiben lässt. "Wir betrachteten uns in erster Linie nicht als Journalisten, sondern als Ideologen", sagt Bhaskar Sunkara, ein erklärter Marxist, ohne die Miene zu verziehen, "und zwar im besten Sinne des Wortes."

Vieles sprach dafür, dass Jacobin scheitern würde. Heute, zwei Jahre nach der Heftgründung, ist die zehnte Ausgabe in Planung und Bhaskar Sunkara auf dem besten Wege, der neue Vorzeigeradikale von New York zu werden. Er ist jung, eloquent, der hart arbeitende Sohn südasiatischer Einwanderer – und bemerkenswert unironisch im Umgang mit Begriffen, die in der akademischen und politischen Landschaft Amerikas oft gemieden werden. "Aufklärung", zum Beispiel. Oder "Sozialismus". Immerhin 200 Leser konnte er mit seinem ersten Heft überzeugen, 20 Dollar für ein Abonnement zu überweisen, sagt Sunkara. Vier Ausgaben versprach er ihnen für das Geld. Das war hoch gepokert: Die Summe reichte gerade mal, um ein zweites Heft zu drucken. Ein drittes folgte ohne echte Überlebensperspektive. "Dann kam Occupy Wall Street", sagt Sunkara, "und die Aufmerksamkeit der Massenmedien." Gerade wurde er groß in der New York Times porträtiert, demnächst gibt er eine Buchreihe im britischen Verso-Verlag heraus. Konservative Blätter warnen schon vor dem neuen "Hipster-Marxismus" aus Brooklyn.

Bhaskar Sunkara ist nur der jüngste einer ganzen Reihe von Ostküsten-Intellektuellen, die schreiben und streiten wie ihre Vorgänger vor einem halben Jahrhundert. Klare Sprache, schwarze Tinte, weißes Papier – viel mehr braucht es nicht für ein Magazin wie Jacobin. Ein anderes Beispiel ist n+1, das seit 2004 ebenfalls in New York erscheint. Ein weiteres The Point, das seit 2009 in Chicago herausgegeben wird. Oder The Baffler, das vielleicht wichtigste kulturkritische amerikanische Magazin der neunziger Jahre, das seit 2012 wieder regelmäßig erscheint. Während in den Vereinigten Staaten nach dem großen Zeitungssterben inzwischen auch die ersten Wochenmagazine eingestellt wurden, sehen viele dieser jungen Kulturmagazine so aus, als sei der Farb- und Fotodruck noch nicht erfunden – geschweige denn das iPad und sein Versprechen, den Printjournalismus obsolet zu machen.

The Baffler erlebte seine Blütezeit während der New Economy, als Hippies Unternehmen gründeten, Punks für Turnschuhe warben und Akademiker lieber von "subversiven Konsumpraktiken" sprachen als von sozialer Ungleichheit. Baffler-Autoren wie Thomas Frank geißelten die neue Kulturindustrie. Schon damals wirkte das farblose, textlastige Heft betont unmodisch. Commodify Your Dissent, eine Anthologie der Baffler-Texte, wurde trotzdem oder deswegen zum Bestseller und Thomas Frank zum gefragten Stichwortgeber in Debatten um Konsumkultur und Politik. Dann brannte 2001 das Redaktionsbüro in Chicago aus, ein Verleger sprang ab, und die Autoren gingen ihrer Wege. Unter der Führung von John Summers, 41, erscheint das "anti-bullshit magazine" (Summers über The Baffler) nun in Cambridge. Möglich macht das der Universitätsverlag des Massachusetts Institute of Technology, der The Baffler kaufte, angeblich für 500.000 Dollar, wie es in der Presse hieß. Kommentieren möchten diese Summe weder John Summers noch der Verlag, der bloß verlauten lässt: "Die Zeit ist genau richtig für die Rückkehr von The Baffler" – dabei steht das Heft mit einer Veröffentlichungsfrequenz von drei Ausgaben pro Jahr, Textlängen von rund 40.000 Anschlägen (das Vierfache dieses Artikels) und seiner kargen Gestaltung mehr denn je gegen den Zeitgeist. "Der Kampf gegen Banalität und Verblendung", sagt Summers, "ist noch längst nicht gewonnen."

Warum aber setzen junge Autoren, zumal solche, die gesellschaftliche Debatten beeinflussen wollen, im Internetzeitalter noch auf das gedruckte Wort? "Ich habe nie erlebt, dass eine kulturkritische Website bei Lesern und Autoren eine solche Begeisterung auslöst wie ein Magazin", sagt Jonathan Baskin, 32, von The Point. "Print erhöht die Kosten und erschwert den Zugang für Leser", räumt Bhaskar Sunkara von Jacobin ein, "aber es zwingt dich, dein Schreiben ernst zu nehmen. Wer ein Zeichenlimit hat, muss sich härter anstrengen, damit seine Worte Macht entfalten." Und Keith Gessen, 38, von n+1 sagt: "Ich will das nach meinen Möglichkeiten bestmöglich editierte Heft machen." Etwas, so Gessen, das weniger vorläufig und vergänglich ist als eine Website.

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Geduldig

"die hohe Privatverschuldung etwa, der Einfluss der Großspender auf die Politik und der Unmut über Banken-Bail-outs und ausbleibende Strafverfolgung an der Wall Street. Für Tagespresse und TV ist das Thema längst Schnee von gestern."

In der Tat ein Grund eine Zeitung zu lesen. Papier ist in diesem Sinn halt auch geduldig.

Anthologien

Pardon, faustian,

ich sehe Ihren Kommentar erst jetzt, mit einiger Verspätung. Dennoch eine Antwort:

Der erste Sammelband mit Texten aus n+1, der bei Suhrkamp erschienen ist, heißt "Ein Schritt weiter". Danach erschienen Texte des n+1-Herausgebers Mark Greif, "Bluescreen" und "Rappen lernen", das monothematische "Hipster. Eine transatlantische Diskussion" sowie "Occupy! Die ersten Wochen in New York". Alle Bücher sollten regulär im Buchhandel erhältlich sein.

Die Baffler-Anthologien "Commodify Your Dissent" und "Boob Jubilee" gibt es soweit ich weiß nur in der englischen Originalausgabe.

Herzlich,
Oskar Piegsa