Geschichte ÖsterreichsDas unbequeme Tagebuch

Lange waren sie unter Verschluss. Bald könnten die Aufzeichnungen eines Diplomaten wieder für Aufsehen sorgen. von 

Die Tagebücher von Heinrich Wildner

Die Tagebücher von Heinrich Wildner  |  © Gianmaria Gava für DIE ZEIT

Juni 1946. Es sind lange Verhandlungstage beim Treffen der Außenminister in Paris. Die Diplomaten bereiten die Friedenskonferenz nach dem Zweiten Weltkrieg vor. Auch das österreichische Regierungsmitglied Karl Gruber weilt an der Seine. Er will in der Südtirolfrage endlich Fortschritte erzielen, doch die Verhandlungen sind zäh. Erst drei Monate später wird er mit seinem italienischen Amtskollegen Alcide De Gasperi einigen.

Gruber möchte an diesem Frühsommertag offenbar ausspannen: Der ÖVP-Politiker habe »absolut ein Bordell sehen wollen«, notiert Grubers Generalsekretär in sein Tagebuch. Den Minister und seine Entourage verschlug es in das Sphinx am Montparnasse, eines der berüchtigsten und teuersten Etablissements der Stadt, »wo sich gleich zwei nackte Weiber auf Gruber stürzten, der sie auf die Knie nahm und sich mit ihnen entsprechend abgab. Zum Akt kam es nicht.«

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Chronist der Ereignisse ist Heinrich Wildner, ein akribischer Tagebuchschreiber. 49 Jahre lang füllte er zahlreiche Notizhefte mit Tratsch und Klatsch aus dem Amt, mit politischen Analysen und mit intimen Beobachtungen. Mit nur 24 Jahren war der Jurist aus Wien 1903 in den auswärtigen Dienst der Monarchie eingetreten und hatte seine Karriere als Konsularattaché am Generalkonsulat in St. Petersburg begonnen.

1914 wurde er in die handelspolitische Abteilung des Außenministeriums berufen. Fast täglich hielt er fest, was in seinem Umfeld geschah, und fertigte Gedächtnisprotokolle von Gesprächen an; alles in Gabelsberger Kurzschrift, der am weitesten verbreiteten Form der Stenografie vor der Einführung der Standardstenografie.

Bis 2009 blieben die Aufzeichnungen geheim

In den 1950er Jahren wurden Wildners handschriftliche Notizen fein säuberlich abgetippt – von wem, das lässt sich heute nicht mehr feststellen. In 170 Mappen, sortiert nach Themen und Jahrgängen, liegt das Stück österreichische Zeitgeschichte heute im Staatsarchiv und blieb bis zum Jahr 2009 gesperrt. Warum, ist unbekannt. Vielleicht, weil die Notizen zu viel über ehemals hochrangige Politiker preisgeben – von den Frauengeschichten Grubers und dessen lockeren Umgang mit seinem Spesenkonto bis hin zum frühen Zeitpunkt, zu dem die einstige SA-Mitgliedschaft des Nachwuchsdiplomaten Kurt Waldheims im Ministerium bekannt geworden war. Vor drei Jahren wurden schließlich Wildners Aufzeichnungen aus dem Jahr 1945 im Eigenverlag des Außenministeriums veröffentlicht; dieses Jahr sollen jene von 1946 folgen.

»Im Amt kein rechter animus«, klagt der Diplomat im Jänner jenes Jahres. »Merkwürdig die öfteren Äußerungen über Gruber, daß er eigentlich nichts leiste, nur ein für sich arbeitender Schaumschläger sei.« Wenige Monate zuvor war Heinrich Wildner aus dem Ruhestand zurückgeholt worden. Er war unbelastet und ein erfahrener Diplomat. Leute wie er waren Mangelware in jenen Tagen, als noch Entnazifizierung gefordert war. Kurz nach dem Anschluss an das Deutsche Reich war er von den Nazis pensioniert worden. Im Gau-Akt wird er als »Gegner der NSDAP« bezeichnet, der »seine Nichteinlieferung nach Dachau nur seinen guten Beziehungen zuzuschreiben« habe.

Den Krieg verbrachte Wildner als Privatier, sein Tagebuch führte er weiter. »Wie viele Leute entdecken jetzt, daß sie alte Nazi sind!«, schreibt er am fünften April 1938. Im August klagt er über die »Zunahme von Denunziationen und Stellenjägerei« sowie im November über »planmäßig durchgeführte« Pogrome. Im November 1941 schreibt er: »K. erzählt, ein Universitätsprofessor sei kürzlich bei Mauthausen gewesen, der Schornstein des dortigen Konzentrationslager-Krematoriums rauche Tag und Nacht.«

»Das ist ziemlich sensationell«, meint Gertrude Enderle-Burcel, Historikerin im Österreichischen Staatsarchiv. »In den Tagebüchern Victor Klemperers (Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten, Anm. d. Red.) wird hervorgehoben, dass er schon 1942 von Auschwitz Kenntnis hatte. Wildner wusste bereits ein Jahr früher über Mauthausen Bescheid. Für die Forschung ist das eine einmalige Quelle.«

Leserkommentare
  1. für diesen informativen Artikel.
    .
    Somit wird für den *gelernten Österreicher* in Bälde Interessantes offenbart werden.
    Bisher wussten wir ja lediglich, dass nur Waldheims Pferd bei der SA war.

    Eine Leserempfehlung

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