Plagiatsfälle : Lernen aus dem Fall Schavan

Die Wissenschaft sollte ein Prozent ihres Etats für die Sicherung ihrer Qualität ausgeben. Ein Vorschlag.

Die Diskussion um den aberkannten Doktortitel von Annette Schavan macht es offensichtlich: Die Wissenschaft hat ein Problem mit ihrer Qualitätssicherung. Das ist ein gravierender Befund. In unserer Gesellschaft durchdringen Ergebnisse und Aussagen der Wissenschaft alle persönlichen, wirtschaftlichen und politischen Lebensbereiche. Daher muss eine hohe Qualität von Wissenschaft ein gesamtgesellschaftliches Ziel sein. Doch nur die Wissenschaft selbst kann dies leisten. Allgemeine Empfehlungen und moralische Appelle reichen da nicht, ebenso wenig wie vereinzelte Prüfungen im Verdachtsfall. Vielmehr müssen die Universitäten und Forschungsorganisationen die Einhaltung der Standards wissenschaftlichen Arbeitens systematisch kontrollieren und jede Verfehlung gegen die »Gesetze der Wissenschaft« zügig und transparent sanktionieren.

Die zurzeit so leidenschaftlich diskutierten Plagiate in meist geisteswissenschaftlichen Promotionen sind dabei aus meiner Sicht eher das kleinere Problem. Für gefährlicher halte ich die Möglichkeit, Daten in den experimentellen und empirischen Wissenschaften zu manipulieren. Ist denn in der Breite gewährleistet, dass bei Versuchsreihen die Proben eines Experiments, die nicht ins erwünschte Ergebnis passen, nicht einfach weggelassen werden? Dabei werden aufgrund solcher Versuchsreihen – als scheinbar gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnis – Entscheidungen mit erheblichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen getroffen. Bisher haben nur einige wenige spektakuläre Fälle von gefälschten Daten das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Gewiss sind sie nicht die Regel. Aber wir wissen, dass Manipulationen vorkommen, so wie wir alle in der Wissenschaft wussten, dass spätestens seit es den »rechten Mausklick« gibt, großzügig fremde Texte in eigene Arbeiten hineinkopiert wurden. Aber erst nach einer öffentlichen Diskussion über spektakuläre Einzelfälle begann die Wissenschaft, dieses Problem systematisch anzugehen. Für die Universitäten ist das ein Armutszeugnis.

Nur die Wissenschaft selbst kann Vorschläge für Kontrollen machen

Wirtschaftsunternehmen geben mehrere Prozent ihres Etats für die Kontrolle und Qualitätssicherung ihrer Produkte aus. Ich habe in den letzten Jahren oft appelliert: Nehmen wir uns ein Beispiel an der Wirtschaft. Würde die deutsche Wissenschaft nur ein Prozent ihres Etats für die Sicherung der Qualität ihrer Arbeit ausgeben, kämen mehr als 200 Millionen Euro zusammen. Ich kann nicht erkennen, dass die Hochschulen und Forschungseinrichtungen auch nur einen Bruchteil dieser Summe für den genannten Zweck ausgeben. Manchmal ist Geld eben doch eine geeignete Orientierungsgröße, um abzuschätzen, wie wichtig jemandem ein Problem ist. Und dass das Geld in der Wissenschaft derzeit zu knapp dafür sei, kann mir niemand erzählen. Im Zweifel soll man eben weniger forschen. Wo, wenn nicht in der Wissenschaft, muss Qualität vor Quantität gehen? Was also wird getan, um Grundsätze der Wissenschaft auch durchzusetzen und sie laufend weiterzuentwickeln? Ich meine: zu wenig.

Die bestehenden Grundsätze für gutes wissenschaftliches Arbeiten der Deutschen Forschungsgemeinschaft waren vor zehn Jahren richtungsweisend. Sie müssen aber fortgeschrieben und durch konkrete Vorgaben und Sanktionen ergänzt werden, begleitet durch laufende Kontrollen. Zum Beispiel könnte es sinnvoll sein, Forschungsarbeiten – und zwar nicht nur Promotionen! – nur dann zu akzeptieren, wenn die Originaldaten im Netz für jedermann zugänglich sind. Ebenso sollte man erwarten dürfen, dass jede Hochschule personell so ausgestattet ist, dass sie routinemäßig über Stichproben alle Arbeiten auf Plagiate überprüfen kann. Und warum nicht einen ganz kleinen Teil der Forschungsmittel zur Verfügung stellen, um Experimente einfach nur zu wiederholen? Allein diese Aussicht würde potenzielle Datenfälscher abschrecken.

Jürgen Zöllner

Jürgen Zöllner (SPD) war bis 2011 insgesamt 20 Jahre lang Wissenschaftsminister in Rheinland-Pfalz und Berlin.

Nur die Wissenschaft selbst kann konkrete fächerspezifische Vorschläge sowohl für Standards als auch für Kontrollen und Sanktionen machen. Hätte man für die Durchsetzung der schon lange bestehenden Grundsätze gesorgt, wäre im Fall Schavan vieles anders gelaufen. Anders schon damals: Ein Doktorvater und der Zweitgutachter hätten merken müssen, dass Zitierfehler vorliegen – wenn sie von dem Thema etwas verstanden, sie die einschlägige Literatur gekannt und sie die Arbeit gelesen hätten.

Und anders bis heute: Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen hat recht mit ihrer Kritik an der Universität Düsseldorf. Zu den Grundsätzen wissenschaftlicher Qualitätssicherung gehört die fachwissenschaftliche Expertise, das Mehraugenprinzip, die Trennung von Begutachten, Bewerten und Entscheiden. Somit hätte das Überprüfungsverfahren eine andere Struktur haben müssen, wobei es für die Wissenschaft gar keine Rolle spielt, ob das praktizierte Verfahren formal korrekt war. Die Universität Düsseldorf hat also damals wie heute Grundsätze der Wissenschaft, vermutlich vorsätzlich und systematisch, missachtet. Wo also bleibt die Selbstregulationskraft der Wissenschaftscommunity, wenn eine Universität an diesen Grundsätzen vorbeischrammt?

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Kommentare

41 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Publikationssystem

Dass eine Doktorarbeit veröffentlicht werden muss, ist neben der Erst- und Zweitbegutachtung immer noch der beste Sicherungsmechanismus den wir haben. Er hat ja auch in den Verfahren Guttenberg & Co gegriffen. Nach Guttenberg werden potentielle Betrüger schon vorsichtiger sein. Nach Entzug des Doktorgrades ist man gesellschaftlich schließlich degradiert.

Alles andere, was über Erst- und Zweitgutachten hinausgeht, ist nicht immer von Nutzen: Plagiatssofware sollte zwar zum Standard werden, findet aber nur Internetquellen und produziert viele falsch Positive. Dritt- und Viertgutachten, externe Gutachtern, Verschulung im Graduiertenkolleg etc., führen nicht zu einer Qualitätsverbesserung, wenn den Professoren deshalb die Zeit für ordentliche Erst- und Zweitgutachten fehlt (so ist es aber oft). Wenn man eine Arbeit in nur einem Tag schnell überfliegen muss, weil zehn weitere warten, sinkt die Chance Plagiate zu finden. Dann hilft es auch nicht, wenn es drei oder vier Leute tun (eher schadet es, wenn sich jeder auf den anderen verlässt).

" ein Problem mit ihrer Qualitätssicherung"

*hust*

Das ist nun nicht meine Sicht auf die Dinge.

Wenn Doktoranden falsche eidesstattliche Erklärungen abgeben - von wegen "selbst angefertigt" - dann soll das ein Problem der "Qualitätssicherung" sein?

Mal ganz abgesehen davon, dass man ja davon auszugehen scheint, dass diese Art der Qualität eher Regel als Ausnahme ist.

Wenn jemand vor Gericht einen Meineid schwört - ist das dann ein Qualitätsproblem des Richters?

Das Gewchick von Ludwig Sparr und Jakob Hühnlein - das wäre mal eine Warnung.

Ziemlich starker Tobak für eine bürgerliche Gesellschaft, für das christliche Abendland usw.

Unblaublich I

Wieder werden grundfalsche Behauptungen in die Welt gesetzt: Im Zusammenhang mit Schavan zu behaupten die "wissenschaftlicher Qualitätssicherung" habe nicht gegriffen, weil dazu "die fachwissenschaftliche Expertise, das Mehraugenprinzip, die Trennung von Begutachten, Bewerten und Entscheiden." gehöre, ist schlicht verleumderisch und man wundert sich, dass die Zeit hier einen SPD-Politiker einfach solche Sätze von sich geben lässt: "Die Universität Düsseldorf hat also damals wie heute Grundsätze der Wissenschaft, vermutlich vorsätzlich und systematisch, missachtet"

Das hat sie mitnichten. Eine Fakultutät wie die Düsseldorfer ist mit mehr als zehn qualifizierten Professor/inn/en besetzt und hat jedes Recht und jede Legitimität, den von ihr selbst (!) vergebenen Doktortitel abzuerkennen - man möge bitte die Augen zählen! Umgekehrt wird ein Schuh draus: Bei hochstehenden Politikern wird das klar und rechtlich einwandfreie, im Übrigen noch von externem Rechtsgutachter überprüfte Verfahren.
Herr Zöller schmeißt wild Qualitätssicherung im Vorfeld der Titelvergabe mit dem Aberkennungsverfahren in einen Topf - wie kann man so jemanden ernst nehmen: "Wobei es für die Wissenschaft gar keine Rolle spielt, ob das praktizierte Verfahren formal korrekt war." Nein, tatsächlich? Herr Zöller weiß, wie es - formal inkorrekt - dennoch richtig gewesen wäre?"

Unblaublich II

Messerscharf schließt Herr Zöller: "Die Universität Düsseldorf hat also damals wie heute Grundsätze der Wissenschaft, vermutlich vorsätzlich und systematisch, missachtet." Vermutlich -? Wie bitte? Woher nimmt Herr Zöller sein verleumderisches "vermutlich"?

Missachtet? Weil die Uni Düsseldorf darauf besteht, das formal korrekte und gegen jeden anderen ebenso ausgeübte Verfahren auch in diesem Fall anzuwenden? Weil sie für Frau Bundesministerin keine Ausnahme macht? Weil ihr zehn Augenpaare oder mehr genung sind, den von ihr selbst vergebenen Doktortitel auch im Falle einer hohen Politikerin aberzuerkennen? Weil sie nicht der Wissenschaft schadete, indem sie den Eindruck enstehen ließ, dass eine ganze Phalanx von Professoren nicht in der Lage ist, im Verdachtsfall ein Plagiat nicht sicher von einem Nicht-Plagiat zu unterscheiden???

Als Uni Düdorf würde ich Herrn Zöller wegen Verleumdung verklagen. Als Bürger, der kein Interesse daran hat, den Schaden, der der Wissenschaft durch Schavan enstanden ist auch noch durch unsachliche Kommentare vergrößert zu sehen, kann ich derart unwissende Kaltschnäuzigkeit nur aufs schärfste zurückweisen.