Zeitgeist: Wir waren Papst
Warum Benedikt weiser war als frühere Päpste und US-Präsidenten.
Im Gegensatz zu Benedikt danken die Großen selten ab, schon gar nicht aus Gesundheitsgründen. Die gravierendsten Fälle kennen wir aus der amerikanischen Geschichte, wo der Präsident eine Art weltlicher Papst von Volkes Gnaden ist. Ein klassisches Beispiel ist Woodrow Wilson (1913 bis 1921). Er erlitt 1919 einen Schlaganfall, der ihn eigentlich hätte ins Pflegeheim bringen müssen. Doch sein Leibarzt und seine engsten Mitarbeiter kaschierten die lähmende Krankheit bis zum Schluss; 15 Monate lang war Frau Edith der De-facto-Präsident der Vereinigten Staaten.
Franklin D. Roosevelt (1933 bis 1945), ein frühes Polio-Opfer, war seit 1940 ein schwer kranker Mann; eine Verschwörung des Schweigens sowie seine Befehlsgewalt über die US-Zensurbehörde halfen FDR, die Wahlen von 1944 zu gewinnen. In Jalta, wo er ein Jahr später mit Stalin und Churchill die Nachkriegsordnung entwarf, war er schon vom Tode gezeichnet.
John F. Kennedy litt seit jungen Jahren an einem halben Dutzend Gebrechen; er nahm bis zum Attentat mehr Medikamente ein, als auf einen Rezeptblock passen: Amphetamine, Anabolika, Opiate, die gewiss nicht immer seine Urteilskraft stärkten. Bekannt wurde seine Krankengeschichte erst nach seinem Tod. Ronald Reagan kämpfte womöglich schon gegen Ende seiner Amtszeit mit Demenz; unvergessen bleibt ein TV-Auftritt, wo er den Faden verlor und seine Frau Nancy einspringen musste.
Abgedankt hat keiner, weshalb Benedikt nicht nur Mitgefühl, sondern auch Ehre gebührt. Der sieche Johannes Paul II. hinterließ zuletzt Chaos im Vatikan. Papstkarrieren wurden in jüngerer Zeit durch Mord oder natürlichen Tod beendet. Der Urgrund für Vertuschung und Täuschung liegt in der Menschheitsgeschichte, ja in der tierischen Natur. Leitwölfe dürfen keine Schwäche zeigen; sonst sind sie die vorbestimmten Opfer ihrer Rivalen. Als einige »Parteifreunde« auf dem Bremer CDU-Parteitag 1989 einen Putsch gegen Helmut Kohl zu inszenieren versuchten, verheimlichte der Vorsitzende und Kanzler ein schweres Prostataleiden; er habe sich noch nicht einmal auf den Lokus getraut, wird erzählt. Die Verschwörung kollabierte. Ein Fall wie Matthias Platzeck, der den SPD-Vorsitz aus Gesundheitsgründen niederlegte, ist nachgerade einzigartig in der deutschen Parteiengeschichte.
Historiker werden bis in alle Ewigkeit über die Fehlentscheidungen spekulieren, die Wilson und den anderen unter dem unmenschlichen Druck von Schmerz und Krankheit womöglich unterlaufen sind. Vielleicht hätte ein gesunder Wilson Amerikas Abkehr von Europa verhindern können; vielleicht hätte FDR in Jalta nicht das halbe Europa an Stalin verschenkt. »Was wäre gewesen, wenn...?« ist eine müßige Frage. »Wie kann man es verhindern?« ist etwas leichter zu beantworten.
Die pragmatischen Amerikaner haben als Antwort zwei Verfassungszusätze verabschiedet. Das 22. Amendment gewährt einem Präsidenten nur noch zwei Amtszeiten; das 25. legt fest, wie er bei Arbeitsunfähigkeit zeitweise oder ganz enthoben werden kann. Das Amt ist wichtiger als sein Inhaber; das ist nicht freundlich, aber weise. Es gab nicht und es wird nicht viele geben, die ihre Person der Position unterordnen. Leitwölfe treten nicht zurück. Umso mehr Respekt und Bewunderung müssen wir denen zollen, die es freiwillig getan haben.





der Katholizismus in der Übung des bangen Flehens auf dem Petersplatz um das Leben eines siechen Pontifex eines seiner eindrucksvollsten großen Rituale hat, dessen Wirkung sich auch der Skeptiker nicht zu entziehen vermag.
Der Preis für ein Siechen im Amt ist zu hoch und auch eine nicht ohne Reserve beobachtete Institution verdient es, von dessen Entrichtung möglichst; bzw. tunlichst, bewahrt zu werden.
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