AnschreibenDas Zitat... und Ihr Gewinn

Henry Miller sagt: Neutral sein heißt tot sein. von 

Der Bewerber haute schon im ersten Satz seines Anschreibens auf den Putz: »Weil ich perfekt zum Profil der Stelle passe, übersende ich Ihnen hiermit ...« Die Schlusspassage klang ähnlich selbstbewusst: »Ich freue mich darauf, dass Sie mich zum Vorstellungsgespräch einladen, weil ich alle Voraussetzungen erfülle.«

Was dabei herauskam? Eine Absage! Obwohl sich sein Profil tatsächlich mit der Ausschreibung überschnitt. Vielleicht war er daran gescheitert, dass er ein psychologisches Gesetz missachtete: Statt dem Empfänger sein eigenes Urteil zu überlassen, hatte er es vorweggenommen.

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Versetzen Sie sich in den Personaler: Ein Bewerber teilt ihm mit, dass er perfekt zur Stelle passt und eine Einladung zum Bewerbungsgespräch bekommen muss. Diesen Schluss hätte der Personaler gern selbst gezogen, denn das ist sein Beruf. Der Appell entfaltet eine paradoxe Wirkung: Weil ihn der Absender in die eine Richtung drückt (»Du musst mich einladen!«), strebt der Personaler in die andere (»Muss ich eben nicht!«). Neutraleres Auftreten zeugt beim Bewerben nicht davon, dass jemand tot ist (wie Henry Miller schreibt) – sondern davon, dass er klug ist.

Nicht aufdrängen

Natürlich sollten Sie dem Bewerbungsempfänger viele Argumente liefern, warum Sie zu der Stelle passen. Listen Sie Erfolge auf, geben Sie Beispiele für Ihre Qualitäten, lassen Sie Ihre soziale Kompetenz und Ihr Fachwissen aufblitzen. Gern wird der Entscheider diese Informationen zu einer eigenen Meinung summieren – zum Beispiel dass er sie für geeignet hält. Je weniger sie ihn dazu auffordern, desto eher wird er dazu kommen.

Martin Wehrle
Martin Wehrle

Der Coach Martin Wehrle ist Autor mehrerer Karrierebücher und gibt jede Woche Karrieretipps in der Kolumne "Das Zitat und Ihr Gewinn".

Wer dennoch darauf hinweisen will, dass er sich für passend hält, sollte maximal schreiben: »Zwischen Ihren Anforderungen und meinem Profil sehe ich eine große Schnittmenge.« Die Formulierung »sehe ich« zeigt, dass es sich um seine subjektive Sicht handelt, die der Personaler mit seiner Meinung abgleichen kann – und nicht um ein allgemein verbindliches Urteil (»Ich passe perfekt zum Profil!«), das eine Gegenmeinung provoziert.

Kluge Bewerber agieren wie Zeugen vor Gericht: Sie drängen dem Entscheider kein Urteil auf (was auf ihre Befangenheit hinwiese), sondern tragen Fakten vor (was Objektivität suggeriert). Je objektiver der Zeuge wirkt, desto eher glaubt man ihm. Die besten Bewerber sprechen nicht für ihre Bewerbung – sondern ihre Bewerbung spricht für sie!

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Leserkommentare
  1. ....ich erhielt in jungen Jahren einen Arbeitsvertrag weil ich "Ich kann entweder für oder gegen Sie arbeiten. Sie haben die Wahl." in ein (zugegeben nicht ernst gemeintes) Bewerbungsformular geschrieben habe. War selbst überrascht das das funktioniert hat, aber das hat es.
    Ist schon 19 Jahre her aber immerhin...

    7 Leserempfehlungen
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    Wenn sie schreiben, dass der potentielle Personaler die Wahl hat, dann haben sie den Rat des Autors doch beachtet und dem Personaler ebenfalls gezeigt, dass sie wissen, was freie Marktwirtschaft bedeutet.

    Anders hätte der Personaler regaiert, hätten sie "Ich kann für sie oder gegen sie arbeiten, daher stehe ich in ihrem eigenen Interesse am Montag bei ihnen vor der Tür" :P

    Menschen mit gutem Benehmen und Respekt für die andere Person nehmen halt nicht einfach an, dass die andere Person mit etwas einverstanden ist, selbst wenn es sehr warscheinlich ist. Man fragt nach, bevor man zum Kumpel am Freitag Biertrinken kommt :)

  2. Was muss man sich in einem Arbeitgebermarkt doch alles für Schleimgescheisse ausdenken um im Zweifelsfalle gelesen und negativ abgestraft zu werden.
    Hierbei wird die Bewerberanzahl pro ausgeschriebene Stelle gnadenlos unterbewertet bzw gar nicht erst in Betracht gezogen.
    Dass Personaler da bei der Vielzahl an Bewerbungen überhaupt noch zum eigentlichen Arbeiten kommen wundert sicher nicht nur mich.

    Hier sollte mal jeder, damit ist Arbeitgeber, zukünftiger Arbeitnehmer und alle die so schlau beraten wollen, mal richtig nachdenken und einfach entscheiden, dass ein Anschreiben mal trifft und mal nicht trifft.
    Da können Nuancen schon entscheidend sein, so passt das Anschreiben an dem einen Tag nicht, weil derjenige der´s liest an dem Morgen einen miesen Start hatte, einen Tag - oder vielleicht eine Minute nur früher, dann wäre die Beurteilung dessen ganz anders ausgefallen.

    Und warum muss man sich nun in dem Anschreiben so toll verkaufen?
    Der Lebenslauf soll doch überzeugen.
    Zumindest ist das so im Ausland. Ich bin froh, dass ich den Kampf in Deutschland nicht mehr habe - und alle anderen die weg sind, wissen wovon ich rede.
    Geregelte Arbeitszeiten, geregelte Überstundenbezahlung, faire Entlohnung. Die Schlauen und gleichzeitig flexiblen nutzen die Möglichkeiten des Europäischen Arbeitsmarktes und müssen sich nicht mehr mit Billigung der Politik misshandeln lassen.

    Schafft Arbeit durch Abschaffung der 400 Euro Stellen!

    12 Leserempfehlungen
  3. seine Zitate nicht aus dem Netz fischen, sondern besser selbst "er" lesen. :)

    • wauz
    • 11. März 2013 6:49 Uhr

    Anschreiben sind nur dann tatsächlich wichtig, wenn die Bewerbungen von einem Chef, z.B. im Kleinbetrieb, selbst bearbeitet werden. Denn der liest womöglich Bewerbungen tatsächlich von vorn nach hinten.
    Da, wo es Personalabteilungen gibt, treffen auf jede Ausschreibung Waschkörbe voller Bewerbungen ein. Da wird auch nichts mehr von vorn nach hinten gelesen. Da werden die Bewerbungen kopiert, bzw E-Mail-Bewerbungen ausgedrucktund umsortiert, so dass die Lebensläufe vorne sind. Anlagen wie Zeugniskopien werden da gar nicht berücksichtigt.
    Danach wird erst einmal ausssortiert. Das macht selbstverständlich kein Personaler, sondern eine Hilfskraft, oder ein Lehrling. Dazu wird ein Katalog mit "harten Kriterien" wie Alter, Berufsausbildung, Herkunft ("Geburtsorte östlich des Inns"), Muttersprache usw. aufgestellt.
    Nach dieser Vorsortierung sortiert ein Personalsachbearbeiter weiter aus. Auch an Hand des Lebenslaufs. Danach bleibt vom großen Haufen vielleicht zehn oder zwanzig Bewerbungen übrig. Dann wird entschieden, wer von diesen zum Gespräch eingeladen wird. Dazu wird vielleicht das Anschreiben gelesen. Meistens aber nicht. Man merkt das daran, dass Information, die nur im Anschreiben steckt, bei Bewerbungsgesprächen auch keine Rolle spielt.
    Im Übrigen sollte man begreifen, dass ein Drittel aller Ausschreibungen nur Dummy-Ausschreibungen sind, weil die Stelle längst intern vergeben ist. Das nächste Drittel dient dazu, die Personaldatenbank für Notfälle zu füllen.

    4 Leserempfehlungen
  4. Beinahe täglich kann man in irgendeiner Onlinezeitung lesen, wie das Bewerbungsschreiben, die Kleidung und die Antworten beim Vorstellungsgespräch aussehen müssen. Meiner Erfahrung nach alles Blödsinn, denn meiner Erfahrung nach ist kein Personaler gleich und sehr viele haben eins gemeinsam: Sie haben keine Ahnung. Mir saßen schon Jurastudenten die nach dem ersten Staatsexamen abgebrochen haben gegenüber und nicht wenige die scheinbar sonst nicht viel zu sagen haben. Diese Leute stellen dann "psychologische Fragen" und dank ihrem Handbuch "Personaler in 21 Tagen" meinen Sie dann die richtige Antwort zu kennen. Höhepunkt ist dann wenn sie sich versuchen technisch einzumischen. Habe auch schon das ein oder andere Mal gefragt, wieso ich abgelehnt wurde, natürlich bekommt man keine Antwort, weil die die "Personaler" wahrscheinlich selbst nicht kennen ;-)

    4 Leserempfehlungen
  5. das deutsche Bewerbungsverfahren ist überkandidelter Firlefanz!

    Die Farbe der Bewerbungsmappe, die richtige Wortwahl im Anschreiben etc etc bla bla bla. Alles nur Getue und Gehabe ohne Wert. Ich will eine neutrale Bewerbung mit den reinen Fakten und ohne Foto. Das Foto beeinflusst nur.

    Hier hält sich eine Branche künstlich am leben und erschwert es allen Beteiligten in dem sie ihnen weis machen das so etwas sein muss. Andere Länder sind da schon viel weiter und machen vor wie es besser geht.

    5 Leserempfehlungen
  6. Der Autor hätte vorher unbedingt diesen Artikel lesen sollen.
    http://www.zeit.de/2013/1...
    Übrigens gibt es den Artikel auch in "DER ZEIT" vom 7.3.1013

    Eine Leserempfehlung
  7. Wenn sie schreiben, dass der potentielle Personaler die Wahl hat, dann haben sie den Rat des Autors doch beachtet und dem Personaler ebenfalls gezeigt, dass sie wissen, was freie Marktwirtschaft bedeutet.

    Anders hätte der Personaler regaiert, hätten sie "Ich kann für sie oder gegen sie arbeiten, daher stehe ich in ihrem eigenen Interesse am Montag bei ihnen vor der Tür" :P

    Menschen mit gutem Benehmen und Respekt für die andere Person nehmen halt nicht einfach an, dass die andere Person mit etwas einverstanden ist, selbst wenn es sehr warscheinlich ist. Man fragt nach, bevor man zum Kumpel am Freitag Biertrinken kommt :)

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