Amerikanische TV-SerienHeimat Kalter Krieg

Nach "Homeland" feiert auch "The Americans" das Agentenmilieu. Beide Fernsehserien bedienen sich der starren Erzählmuster des Ost-West-Konflikts. von 

Mit guten Gründen ließ sich meinen, dass mit dem Zusammenbruch des Ostblocks auch die von ihm abhängigen Dichtungen verschwinden müssten – all die Politthriller und Agentenschmöker, deren Handlung ja durchaus der Wirklichkeit abgerungen war: Agenten waren in Thrillern potenzielle oder tatsächliche Überläufer, und die jeweiligen Geheimdienste hatten ja tatsächlich immer die sehr berechtigte Sorge, von der anderen Seite unterwandert zu sein. Doppelagenten, etwa in den Romanen John le Carrés, waren keine krude Erfindung: Der britische Geheimdienst etwa musste sich in seinen Reihen mit der berüchtigten Verrätergruppe namens Cambridge Five auseinandersetzen, die an der Eliteuniversität mit dem Sozialismus sympathisierte und dennoch rekrutiert wurde – der britische Geheimdienst hatte geglaubt, dass die Elite des Landes qua Sozialisation gegenüber der Faszination des Feindes immun sei, was sich als trügerisch erwies.

Romane und Filme fixierten mit Lust den Moment des möglichen Verrats. Woran merkt man, dass jemand ein unsicherer Kantonist ist? Am nervösen Zucken eines Augenlids? An der Vorliebe für Wodka und Kaviar? An der verführerischen Leidenschaft? Nichts belebte als Nebenhandlung die James-Bond-Filme mehr als die Feindin im Bett und ihr hingebungsvoll falsches Spiel. Die Erotisierung des Feindes hatte eine gewisse Plausibilität: Schließlich war die Ideologie des Feindes nicht das schlechthin Andere und Unvernünftige, sondern sie war, wie der Kapitalismus auch, ein Produkt der Aufklärung und ihrer Dialektik. Die spiegelbildliche Verwandtschaft zwischen Ost und West nährte beständig einen zwischenmenschlichen Verdacht, der sogleich in die Plots der entsprechenden Kulturprodukte eindrang. So wie der Osten manisch nach Abweichlern in seinen Reihen suchte, erspähte man mit Leidenschaft auch im Westen im Nachbarn den Spitzel, in der Geliebten die Kommunistin. Politische Krisenzeiten treiben womöglich immer die Frage nach der Loyalität ins Zentrum der wirklichen wie fiktiven Handlung – mit den entsprechenden Begleiterscheinungen wie Paranoia und Verfolgungswahn: Man würde sich gerne, um Georg Büchner zu zitieren, die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren, um Gewissheit über die Motive des Gegenübers zu erlangen.

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Nun greift die schlechterdings von allen (etwa auch von Barack Obama) gefeierte und mit allerhand Preisen dekorierte amerikanische Serie Homeland, die in Deutschland vor Kurzem auf Sat.1 angelaufen ist, mit großer Selbstverständlichkeit auf die altbewährten Handlungsmuster des klassischen Agententhrillers zurück. Im Mittelpunkt des Plots steht ein Sergeant der Marines namens Nicholas Brody (Damian Lewis), der im Irak jahrelang gefangen gehalten wurde und der nun wieder zu Heim, Frau und Kindern gelangt – als hysterisch gefeierter Held des umstrittenen Krieges gegen Saddam Hussein. Die etwas nervenschwache CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) vermutet, obgleich sie zunächst von ihren Kollegen für verrückt erklärt wird, es bei Brody mit einem umgedrehten Soldaten zu tun zu haben, einem heimlichen Terroristen, einem Schläfer.

Der Held pendelt zwischen Vorstadtidylle und Gehirnwäsche

Und nach und nach schält sich tatsächlich heraus, dass der von Angstneurosen geplagte Brody in der Gefangenschaft vom guten Boy der amerikanischen Streitkräfte in einen Islamisten verwandelt wurde, der auch vor einem Selbstmordattentat nicht zurückschreckt. Der rothaarige Marine rollt, von seiner Familie unbemerkt, den Gebetsteppich in der Garage aus und organisiert sich mithilfe seines Terrornetzwerks einen Sprengstoffgürtel. Natürlich ist Brody – das verlangt der Anspruch einer guten amerikanischen Serie – ein ambivalenter Charakter. Er pendelt beständig zwischen der anheimelnden Biederkeit der amerikanischen Vorstadtidylle und der islamistischen Gehirnwäsche, und selbst nach zwei Staffeln bleibt es ungewiss, welchem Ordnungssystem er sich letztlich verschreibt. So wie sich der berühmte Doppelagent der Briten, Kim Philby, vermutlich nie ganz zwischen Ost und West entscheiden konnte – und sein Leben auch deshalb zum faszinierenden Romanstoff wurde. Und wie in den bewährten Kalter-Krieg-Plots keimt zwischen den Feinden, zwischen dem labilen Brody und der labilen CIA-Agentin Carrie Mathison, zarte Leidenschaft auf, gerade so, als befinde man sich in der guten alten Zeit symmetrischer Kriegsführung, als sei der Feind im "war on terror" nicht das unverständlich Andere, sondern nur das Spiegelbild der eigenen Ideologie. Oder, um es weiter zuzuspitzen: Homeland, um den radikalen, vormodern inspirierten Islamismus verdaubar zu machen, muss den Kalten Krieg wiederauferstehen lassen. Der Erfolg der Serie verdankt sich ihrem Anachronismus: Der Feind muss nicht nur im Hindukusch bekämpft werden, sondern darf wieder – wie einst die hübsche Kommunistin – zu einem ins Bett schlüpfen. Der nahe Feind hat immer auch etwas Beruhigendes: Die Gefahr ist zwar unmittelbar, aber der Gegner ist greif- und begreifbar, man kann sich mit ihm und seiner Seelennot identifizieren, und am Ende, wer weiß, ist er so reintegrierbar wie einst die sozialistisch verwirrte Jugend der sechziger und siebziger Jahre. Mit der kam man schließlich auch zurande.

Es passt beinahe kurios ins Bild, dass in Amerika gerade im Kanal FX die Serie The Americans angelaufen ist – eine gleichfalls herausragende Produktion, die im Agentenmilieu der frühen achtziger Jahre spielt (die ersten Folgen sind über iTunes erhältlich). Die Serie kreist um zwei KGB-Offiziere, um Elizabeth (Keri Russell) und Phillip Jennings (Matthew Rhys), die einst von den Sowjets mit neuen Identitäten in die amerikanische Gesellschaft eingespeist wurden und dort akzentfrei ihr konspiratives Unwesen treiben (im Kalten Krieg gingen derlei Figuren als "illegal resident spies" in die Geschichte ein). Die Serie teilt mit Homeland die Frage nach der Loyalität, nach der Möglichkeit, ideologisch "umgedreht" zu werden, sie kreist gleichfalls um die heikle Erotik des Feindes, dessen Schweigen ein zuverlässiges Aphrodisiakum ist. Und sie teilt mit Homeland den beruhigenden Rückgriff auf den Kalten Krieg. Nur wer uns ähnlich ist, lässt sich erzählerisch bannen.

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Leserkommentare
    • ascola
    • 01. März 2013 17:17 Uhr

    Carrie Mathison ist nicht "etwas nervenschwach", sondern bipolar (neudeutsch für manisch-depressiv). Die Kollegen halten sie nicht zunächst für verrückt, als sie Brody verdächtigt. Dies tun sie erst, als sie in Folge eines Anschlags, in den sie hinein gerät, einen Schub ihrer Krankheit hinnehmen muss, wirklich etwas verrückt wird und infolgedessen ihre Theorien zur Terror-Bedrohung nicht mehr angemessen kommunizieren kann, wozu die Unwahrscheinlichkeit ihrer Annahmen beiträgt. Nur der Zuschauer sieht, wie recht sie hat, während ihre quasi seherischen Fähigkeiten systematisch ausgegrenzt und diskreditiert werden, was die C. I. A. aber auch stets in gleichbleibender Distanz zur Lösung des Falles hält. Sogar Carrie Mathison selbst misstraut ihren Einsichten, weil ihre Gefühle für Brody den klaren Blick zusätzlich verstellen, sie emotional zunehmend leiden muss unter den Konsequenzen ihrer Einsichten und Brody sich immer wieder neu in Stellung bringt, so dass sie ihre Einschätzung seiner Person als "turned" abwechselnd verwirft und wieder aufstellt - bipolar auch diesbezüglich hin und her pendelnd.

    Von umgedrehten Marines, wie sie hier mehrfach herum laufen, hat man in der Wirklichkeit im "war on terror" noch wenig gehört. Wie viel will das heißen? Vielleicht ist deshalb der Bezug zum Kalten Krieg nicht so fernliegend, obwohl sich Doppelagenten üblicherweise nicht per Selbstmord-Attentat in die Luft sprengten. Beide Helden teilen hier eine extreme Erfahrung.

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