Es waren nur zwölf Delegierte aus elf Städten, die am 23. Mai 1863 in Leipzig zusammenkamen, um unter Führung Ferdinand Lassalles den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) zu gründen. Aus kleinen Anfängen entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine bedeutende gesellschaftliche und politische Kraft – die sozialdemokratische Arbeiterbewegung, ohne die Freiheit, Demokratie und Sozialstaat in Deutschland nicht zu denken wären.

Den Jubeltag, der in diesem Jahr noch ausschweifend gefeiert wird, hat das Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim, das Technoseum, zum Anlass für eine faszinierende Ausstellung genommen. Ihr Titel, Durch Nacht zum Licht?, ist der ersten Strophe des Internationalen Knappenliedes entnommen, das von streikenden Bergleuten an der Ruhr 1889 gesungen wurde: »Glück auf, Kameraden, durch Nacht zum Licht!« An die Stelle des Ausrufezeichens ist freilich ein Fragezeichen getreten, und das ist bezeichnend für den Duktus dieser von Kurator Horst Steffens und Torsten Bewernitz intelligent konzipierten Schau. Sie vermeidet jedes Pathos, alle Neigung zur nostalgischen Verklärung. Streng sachlich, aber durchaus mit Empathie wird in sechs Stationen mit über 500 Exponaten (von mehr als 70 Leihgebern) die Geschichte der Arbeiterbewegung erzählt, ihrer Erfolge wie ihrer Niederlagen.

Die Ausstellungsarchitekten haben einen raffinierten Parcours geschaffen. Auf den schlaglichtartig ausgeleuchteten Wänden erkennt man übermannsgroße Zahnräder, die an Charlie Chaplins Film Moderne Zeiten von 1936 erinnern. Die Vitrinen werden eingerahmt von verzinkten Gerüsten. Sie verleihen dem Ganzen den Charakter einer Baustelle: Arbeitswelt und Arbeiterbewegung sind nichts historisch Definiertes, sondern bleiben einem ständigen Wandel unterworfen.

Auf jeder der sechs Stationen wird der Besucher in typische Produktionsmilieus eingeführt, denen jeweils Leitobjekte zugeordnet sind: Eine Handdruckpresse von 1835 steht für den Übergang von der Hand- zur Maschinenarbeit, eine Opel-Nähmaschine für die Revolutionierung des Schneiderhandwerks in den 1870er Jahren, der elektrisch betriebene Bohrhammer in einem nachinszenierten Bergwerksstollen für die Mechanisierung der Arbeit um die Jahrhundertwende, ein Ford-Modell T von 1926 für die Einführung der Fließbandarbeit in den zwanziger Jahren, ein Pittler-5-Spindelautomat von 1939 gleichermaßen für die Kriegsproduktion wie für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg nach 1945, schließlich ein Callcenter-Kabuff für den Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und den Beginn des Computerzeitalters.

Im Eingangsbereich verweisen Gesellen-Wanderbücher und Willkomm-Pokale auf einen wichtigen Zusammenhang: Das Jahr 1863 war keine Stunde null. Vielmehr gingen viele Bräuche und Traditionen der Handwerksgesellen aus vorindustrieller Zeit in die frühe Arbeiterbewegung ein. Organisatorische Vorformen zeigten sich bereits in den Zusammenschlüssen von Gesellen und exilierten Intellektuellen im Vormärz, etwa im Bund der Gerechten oder im Bund der Kommunisten. Eine besondere Kostbarkeit ist zu besichtigen: die einzige noch erhaltene Manuskriptseite des Kommunistischen Manifests von 1847 in der nur schwer zu entziffernden Handschrift von Karl Marx.

Der Schlachtruf des Manifests: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!«, findet sich auf zahlreichen Exponaten wieder, häufig verbunden mit dem Symbol der Sonne als Versprechen einer besseren, lichteren Zukunft. Aus der Gewissheit, mit dem historischen Fortschritt im Bunde zu sein und am Ende über Kapitalismus und bürgerlichen Klassenstaat zu triumphieren, schöpfte die Gründergeneration ihren unerschütterlichen Optimismus.

Neben Lassalle, der bereits Ende August 1864 den Folgen eines Pistolenduells erlag – seine Totenmaske zeigt ein geheimnisvolles Lächeln –, kommt eine weitere charismatische Figur in den Blick: August Bebel, der gelernte Drechsler, der 1869 in Eisenach gemeinsam mit dem Journalisten Wilhelm Liebknecht eine zweite Arbeiterpartei ins Leben rief. Aus dem Zusammenschluss von »Lassalleanern« und »Eisenachern« in Gotha 1875 ging die Sozialdemokratische Partei hervor.