Ausstellung zur ArbeiterbewegungMit Bebel und Hartz IV

Eine eindrucksvolle Ausstellung in Mannheim erzählt die kurvenreiche Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung.

Das Wahlplakat der SPD zur Nationalversammlung im Jahr 1919

Das Wahlplakat der SPD zur Nationalversammlung im Jahr 1919

Es waren nur zwölf Delegierte aus elf Städten, die am 23. Mai 1863 in Leipzig zusammenkamen, um unter Führung Ferdinand Lassalles den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) zu gründen. Aus kleinen Anfängen entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine bedeutende gesellschaftliche und politische Kraft – die sozialdemokratische Arbeiterbewegung, ohne die Freiheit, Demokratie und Sozialstaat in Deutschland nicht zu denken wären.

Den Jubeltag, der in diesem Jahr noch ausschweifend gefeiert wird, hat das Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim, das Technoseum, zum Anlass für eine faszinierende Ausstellung genommen. Ihr Titel, Durch Nacht zum Licht?, ist der ersten Strophe des Internationalen Knappenliedes entnommen, das von streikenden Bergleuten an der Ruhr 1889 gesungen wurde: »Glück auf, Kameraden, durch Nacht zum Licht!« An die Stelle des Ausrufezeichens ist freilich ein Fragezeichen getreten, und das ist bezeichnend für den Duktus dieser von Kurator Horst Steffens und Torsten Bewernitz intelligent konzipierten Schau. Sie vermeidet jedes Pathos, alle Neigung zur nostalgischen Verklärung. Streng sachlich, aber durchaus mit Empathie wird in sechs Stationen mit über 500 Exponaten (von mehr als 70 Leihgebern) die Geschichte der Arbeiterbewegung erzählt, ihrer Erfolge wie ihrer Niederlagen.

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Die Ausstellungsarchitekten haben einen raffinierten Parcours geschaffen. Auf den schlaglichtartig ausgeleuchteten Wänden erkennt man übermannsgroße Zahnräder, die an Charlie Chaplins Film Moderne Zeiten von 1936 erinnern. Die Vitrinen werden eingerahmt von verzinkten Gerüsten. Sie verleihen dem Ganzen den Charakter einer Baustelle: Arbeitswelt und Arbeiterbewegung sind nichts historisch Definiertes, sondern bleiben einem ständigen Wandel unterworfen.

Auf jeder der sechs Stationen wird der Besucher in typische Produktionsmilieus eingeführt, denen jeweils Leitobjekte zugeordnet sind: Eine Handdruckpresse von 1835 steht für den Übergang von der Hand- zur Maschinenarbeit, eine Opel-Nähmaschine für die Revolutionierung des Schneiderhandwerks in den 1870er Jahren, der elektrisch betriebene Bohrhammer in einem nachinszenierten Bergwerksstollen für die Mechanisierung der Arbeit um die Jahrhundertwende, ein Ford-Modell T von 1926 für die Einführung der Fließbandarbeit in den zwanziger Jahren, ein Pittler-5-Spindelautomat von 1939 gleichermaßen für die Kriegsproduktion wie für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg nach 1945, schließlich ein Callcenter-Kabuff für den Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und den Beginn des Computerzeitalters.

Ausstellung "Durch Nacht zum Licht?"

Bis zum 25. August; Technoseum, Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim, Museumsstr. 1; Katalog, 450 S., 20,– €; Tel. 0621/4298-9

Im Eingangsbereich verweisen Gesellen-Wanderbücher und Willkomm-Pokale auf einen wichtigen Zusammenhang: Das Jahr 1863 war keine Stunde null. Vielmehr gingen viele Bräuche und Traditionen der Handwerksgesellen aus vorindustrieller Zeit in die frühe Arbeiterbewegung ein. Organisatorische Vorformen zeigten sich bereits in den Zusammenschlüssen von Gesellen und exilierten Intellektuellen im Vormärz, etwa im Bund der Gerechten oder im Bund der Kommunisten. Eine besondere Kostbarkeit ist zu besichtigen: die einzige noch erhaltene Manuskriptseite des Kommunistischen Manifests von 1847 in der nur schwer zu entziffernden Handschrift von Karl Marx.

Der Schlachtruf des Manifests: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!«, findet sich auf zahlreichen Exponaten wieder, häufig verbunden mit dem Symbol der Sonne als Versprechen einer besseren, lichteren Zukunft. Aus der Gewissheit, mit dem historischen Fortschritt im Bunde zu sein und am Ende über Kapitalismus und bürgerlichen Klassenstaat zu triumphieren, schöpfte die Gründergeneration ihren unerschütterlichen Optimismus.

Neben Lassalle, der bereits Ende August 1864 den Folgen eines Pistolenduells erlag – seine Totenmaske zeigt ein geheimnisvolles Lächeln –, kommt eine weitere charismatische Figur in den Blick: August Bebel, der gelernte Drechsler, der 1869 in Eisenach gemeinsam mit dem Journalisten Wilhelm Liebknecht eine zweite Arbeiterpartei ins Leben rief. Aus dem Zusammenschluss von »Lassalleanern« und »Eisenachern« in Gotha 1875 ging die Sozialdemokratische Partei hervor.

Leser-Kommentare
  1. die sehr verdienstvolle Geschichte von Arbeiterbewegung und Gewerkschaften wird nicht von einer angeblich "sozialdemokratischwn" Partei für sich instrumerntalisiert, die sich unberechtiger Weise zwar noch mit alten Namen schmückt, aber keinen einzigen Arbeiter mehr in relevanter Position vorweisen kann.

    12 Leser-Empfehlungen
  2. gibts den Katalog irgendwo zu kaufen?

  3. Zunächst einmal mussten die Menschen zu Leibeigenen, dann zu Untertanen und schließlich zu untertänigen abhängig Arbeitenden gemacht werden. Sie wurden und werden also vom Besitzbürgertum schon immer instrumentalisiert.

    Durch den Zusammenschluß des ADAV mit der SDAP bekam man dann einen Partei, in der letztlich in mehreren Schritten die kleinbürgerlich-rückschrittlichen Lasselaner obsiegten. So wurde aus der für kurze Zeit fortschrittlichen SPD die Seeheimer Partei Deutschlands.

    5 Leser-Empfehlungen
  4. Vor 10 Jahren war ich als Arbeitnehmer aus einfachsten Verhältnissen auf dem Weg nach oben.

    Durch die Agendapolitik kam der steile Absturz nach unten.

    Auf niedrigen Niveau habe ich mich lange gehalten.

    Seit 14 Monaten habe ich einen antimoralischen Chef neuer dummer Agendadenke, der mit jeder List und absoluter Heimtücke versucht mich aus meinem Job zu schiessen.

    Handbreit um Handbreit verliere ich Boden unter den Füßen.

    Um meine persönliche Integrität zu erhalten werde ich diesen Job verlieren müßen.

    Danach?

    Einen qualifizierten Job suche ich nicht mehr. Ein Bruttosozialprodukt erhöht man mit aller Kraft - Ein Nettonationaleinkommen boykottiert man.

    Ich kooperiere jederzeit mit einem Freund.
    Ich kolaboriere niemals mit einem Feind.

    Es bleibt unter dieser Politik für ehrliche, intelligente und starke Menschen nur einen Weg übrig: Weiter Abwärts.

    Bedauerlich: Die SPD ist mit ihrer Agendapolitik eine bekennende Antiarbeiterbewegung geworden.

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  5. Nein. Wozu auch.

    Im übrigen bin ich, der Leiharbeiter, der Meinung, die SPD müsse aus der politischen Landschaft verschwinden.

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  6. August Bebel, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, ja es gab und gibt sie noch - ihre Ideen: Von mehr sozialer Demokratie, gegen Unterdrückung und hemmungslose Ausbeutung. Zudem gab es auch Vordenker und Kämpfer für Menschenrechte wie Dr. Martin Luther King. Oder Dietrich Bonhoeffer und Hans und Sophie Scholl, die durch ihren friedlichen Widerstand Zeichen gesetzt haben bis heute, daß man Ungerechtigkeit oder staatliche Willkür bekämpfen kann und manchmal muß. Was das alles mit SPD-Schröders-, Steinbrücks -und Steinmeiers sozialer Kälte-Politik zu tun hat? Sie wurden entlarvt und haben sich selbst verraten. Und das ist auch gut so.

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    • Mari o
    • 03.03.2013 um 16:51 Uhr

    "zur Not eben wieder Große Koalition,womöglich geht auch eine Ampel. Es gibt für sie (SPD) jedenfalls keinen Grund, sich an ein untergehendes Schiff(Die Linke) zu ketten." MARIAM LAU ZEIT13/10

    ja komisch,wenn ich z.B.Frau Wagenknecht höre,denke ich,was sie sagt ist die Wahrheit.Trotzdem wird man das Gefühl nicht los,daß das alles reif für´s Museum ist.

    • Mari o
    • 03.03.2013 um 16:51 Uhr

    "zur Not eben wieder Große Koalition,womöglich geht auch eine Ampel. Es gibt für sie (SPD) jedenfalls keinen Grund, sich an ein untergehendes Schiff(Die Linke) zu ketten." MARIAM LAU ZEIT13/10

    ja komisch,wenn ich z.B.Frau Wagenknecht höre,denke ich,was sie sagt ist die Wahrheit.Trotzdem wird man das Gefühl nicht los,daß das alles reif für´s Museum ist.

  7. Die SPD nach Bebel war eine käufliche Partei - weil Bebels Nachfolger mehr am Applaus von Industriellen (welche großteils letztlich mit den NAZI paktierten) gelegen war, als an einer Vertretung von Arbeiterinteressen.

    Deshalb war es den reaktionären SPD-Führern (F.Ebert, etc) in Weimarer Republik auch wichtiger ihre Konkurrenz USPD zu bekämpfen, als sich ums Gemeinwohl (und damit um ein breites Bündnis ALLER gegen Hitler) zu kümmern.

    Und wie man in letzten Jahren gesehen hat, hat die SPD immer noch nichts dazugelernt - auch in letzten Jahren verhinderte diese kleinkarierte Seeheimer SPD immer wieder die Entstehung einer Linken Mehrheit zugunsten von destruktiver Großer Koalition oder Verbleib in Opposition - Hauptsache die Konkurrenz (Die Linke) bekämpfen.

    Genauso primitiv noch wie unter Ebert in 1920ff oder nach Kohl unter Schröder - die SPD ist mehr auf die Anerkennung durch die Herrschenden Kapitalinteressen erpischt, als an einer Vertretung der Arbeitenden Bevölkerung, denen der Erfolg ihrer Arbeit ständig vorenthalten wird, zugunsten der Zins- & Mietwucherer (Einkommenschere).

    Damals wie heute gibt die SPD ein erbärmliches Bild ab.
    So wird es in Deutschland nie zu einer Vertretung jener kommen, die bei der Arbeit die Knochen hinhalten.

    Die Profiteure von Ausbeutung und Kriegstreiberei haben immer die besseren Argumente (Zahlungsmittel + Aussichtsratsposten) und der "Kleine Mann" bleibt verurteilt als passiver Zuschauer vor der Klotze.

    Soziale Gerechtigkeit ade!

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    • fauler
    • 04.03.2013 um 1:27 Uhr

    Wie sie und manche Mitkommentatoren es schaffen Fakten und die Geschichte zurechtzubiegen widert mich ungeheuerlich an.

    Nicht die SPD hat die Demokratie verraten, sondern die USPD und die KPD! Sie haben gegen die Weimarer Republik agiert und haben sich als Sowjetmarionetten daran getan diesen Staat durch ein autoritäres System zu ersetzen.

    Einzig die Sozialdemokraten, Schwarzen und linksliberalen haben diesen Staat gegen Kommunisten und Nazis verteidigt.

    Es ist auch die Leistung der KPD, die dafür gesorgt hat das Hindenburg Reichspräsident wurde. Anstatt sich auf den bürgerlichen Marx vom Zentrum zu einigen, hat sie weiterhin Ernst Thälmann für die Wahlen aufgestellt.

    Das Rechtspopulisten und Linkspopulisten in den Foren wieder auf die etablierten Parteien eindreschen ist in diesem Kontext geradezu amüsant.

    • fauler
    • 04.03.2013 um 1:27 Uhr

    Wie sie und manche Mitkommentatoren es schaffen Fakten und die Geschichte zurechtzubiegen widert mich ungeheuerlich an.

    Nicht die SPD hat die Demokratie verraten, sondern die USPD und die KPD! Sie haben gegen die Weimarer Republik agiert und haben sich als Sowjetmarionetten daran getan diesen Staat durch ein autoritäres System zu ersetzen.

    Einzig die Sozialdemokraten, Schwarzen und linksliberalen haben diesen Staat gegen Kommunisten und Nazis verteidigt.

    Es ist auch die Leistung der KPD, die dafür gesorgt hat das Hindenburg Reichspräsident wurde. Anstatt sich auf den bürgerlichen Marx vom Zentrum zu einigen, hat sie weiterhin Ernst Thälmann für die Wahlen aufgestellt.

    Das Rechtspopulisten und Linkspopulisten in den Foren wieder auf die etablierten Parteien eindreschen ist in diesem Kontext geradezu amüsant.

    • Mari o
    • 03.03.2013 um 16:51 Uhr

    "zur Not eben wieder Große Koalition,womöglich geht auch eine Ampel. Es gibt für sie (SPD) jedenfalls keinen Grund, sich an ein untergehendes Schiff(Die Linke) zu ketten." MARIAM LAU ZEIT13/10

    ja komisch,wenn ich z.B.Frau Wagenknecht höre,denke ich,was sie sagt ist die Wahrheit.Trotzdem wird man das Gefühl nicht los,daß das alles reif für´s Museum ist.

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    Es geht immer noch, wie vor Hundert Jahren, um die Verteilung des im Land erzeugten Reichtums, um die ungerechte Verteilung von Arbeit, um die soziale Absicherung, um die einseitige Begünstigung der Hordenten Kapital- & Bodenbesitzer bei denen sich die Subventionen ansammeln, während andere nicht wissen wie sie Ihre Kinder großkriegen und wie sie deren Ausbildung finanzieren - trotz Volltagarbeitsplatz!

    Es geht immer noch um die gleichen Themen wie vor Hundert Jahren! Und wie damals gibt es das Interesse der Besitzenden, die Arbeitenden kleinzuhalten und sich deshalb auch Einfluß auf die SPD zu sichern - neuzeitlich über den Seeheimer Kreis und diversen Thinktanks, die von interessierten Kreisen befüllt werden.

    Mit Ihrem Kommentar sagen Sie viel über sich und Ihren Wohlstandsbauch aus, und über die Vergesslichkeit des Kollektiven Gewissens in diesem Land. Aber was ins Museum gehört wird letztlich von der Geschichte selbst geschrieben.

    Wie in der dem Artikel zugrundeliegenden Ausstellung in Mannheim wird auch in den SPD-Kulturvereinen und -Museen (z.B. Heidelberg in 80er Jahren gesehen) die Zeit zwischen Bebel und Schumann (also die Zeit zwischen den Weltkriegen, Weimarer Zeit genannt) entweder belogen oder ausgespart - aber was soll die SPD auch anderes tun - sich öffentlich schämen oder Schuld anzuerkennen?

    Nein, das hat die SPD der unmittelbaren Nachkriegszeit so bestimmt, nein solch ein Geständnis kommt nicht in Frage - lieber nimmt man Geschichtsknitterung in Kauf.

    Es geht immer noch, wie vor Hundert Jahren, um die Verteilung des im Land erzeugten Reichtums, um die ungerechte Verteilung von Arbeit, um die soziale Absicherung, um die einseitige Begünstigung der Hordenten Kapital- & Bodenbesitzer bei denen sich die Subventionen ansammeln, während andere nicht wissen wie sie Ihre Kinder großkriegen und wie sie deren Ausbildung finanzieren - trotz Volltagarbeitsplatz!

    Es geht immer noch um die gleichen Themen wie vor Hundert Jahren! Und wie damals gibt es das Interesse der Besitzenden, die Arbeitenden kleinzuhalten und sich deshalb auch Einfluß auf die SPD zu sichern - neuzeitlich über den Seeheimer Kreis und diversen Thinktanks, die von interessierten Kreisen befüllt werden.

    Mit Ihrem Kommentar sagen Sie viel über sich und Ihren Wohlstandsbauch aus, und über die Vergesslichkeit des Kollektiven Gewissens in diesem Land. Aber was ins Museum gehört wird letztlich von der Geschichte selbst geschrieben.

    Wie in der dem Artikel zugrundeliegenden Ausstellung in Mannheim wird auch in den SPD-Kulturvereinen und -Museen (z.B. Heidelberg in 80er Jahren gesehen) die Zeit zwischen Bebel und Schumann (also die Zeit zwischen den Weltkriegen, Weimarer Zeit genannt) entweder belogen oder ausgespart - aber was soll die SPD auch anderes tun - sich öffentlich schämen oder Schuld anzuerkennen?

    Nein, das hat die SPD der unmittelbaren Nachkriegszeit so bestimmt, nein solch ein Geständnis kommt nicht in Frage - lieber nimmt man Geschichtsknitterung in Kauf.

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